— Verschwindet aus meinem Haus! Diese Wohnung ist mir als Erbe zugefallen, und mit euch verbindet mich gar nichts mehr! — schrie Anna und ließ die Tür mit einem Krachen ins Schloss fallen.
— Hockst du schon wieder über deiner verfluchten Buchhaltung, als wärst du in Strafarbeit? — drang es aus dem Wohnzimmer. — Wo bleibt das Abendessen?
Anna hob nicht einmal den Blick. Tobias’ Tonfall klang, als wäre sie nicht seine Frau, sondern eine Hausangestellte, die ihren Dienstplan verschlafen hatte. Unter ihren Fingern raschelten die Unterlagen wie trockenes Herbstlaub auf dem Gehsteig; ihr rutschte alles aus den Händen, und in ihrer Brust saß ein harter, enger Knoten.
— Gleich, — sagte sie leise, nur damit man das Zittern in ihrer Stimme nicht hörte.
Auf dem Herd blubberte der Topf vor sich hin, draußen spiegelten sich matte Lichter im Fenster. Ein ganz gewöhnlicher Abend in einer ganz gewöhnlichen Wohnung, in der schon seit Langem keine Wärme mehr daheim war. Der Oktober hatte die Stadt eiskalt zusammengedrückt, und in ihrem Zuhause war der Winter schon eingezogen, bevor der Kalender überhaupt so weit gewesen ist.

Tobias, sechsunddreißig Jahre alt, Sofastratege und selbst ernannter Fernseh-Experte, rührte nicht einmal den Kopf. Er trug eine ausgeleierte Jogginghose und ein T-Shirt, auf dem seit einer Woche ein eingetrockneter Saucenfleck klebte. Genau das war seine liebste Lebensform.
Es hatte Zeiten gegeben, da hatte Anna ihn mit Zärtlichkeit angeschaut. Jetzt sah sie ihn eher wie einen alten Überwurf am Sofa, den man längst austauschen müsste, nur dass man nie dazu kam.
— Tobias, fang bitte nicht schon wieder an, — bat sie, während sie das Blech aus dem Rohr holte. — Ich bin den ganzen Tag herumgerannt wie ein Hamster im Rad.
— Und was glaubst du, was ich gemacht hab? Am Sofa herumgelegen?! — fuhr er auf, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. — Ich arbeite, nur damit das klar ist. Mit dem Kopf!
Anna lächelte bitter in sich hinein. „Mit dem Kopf arbeiten“ bedeutete bei ihm: in sozialen Netzwerken mit völlig Fremden darüber streiten, wer an den steigenden Spritpreisen schuld sei.
Mein Gott, warum hatte sie nur so verbissen an dieser Ehe festgehalten, all die Jahre? Vielleicht aus Gewohnheit. Weil es bequemer gewesen ist, still zu bleiben, kein Aufsehen zu machen, das Boot nicht zum Wanken zu bringen. Nur war dieses Boot längst gerissen, und das Wasser stand ihnen schon bis zu den Knien.
Und genau in diesem Moment — als hätte das Schicksal selbst auf den Knopf gedrückt — läutete die Gegensprechanlage.
Anna zuckte zusammen. Dieses Läuten hätte sie sogar mitten in der Nacht aus dem Schlaf heraus erkannt.
Theresa. Die Schwiegermutter. Eine Frau, deren Erscheinen immer dasselbe bedeutete: Sturmwarnung, Verhör und mindestens drei giftige Bemerkungen während des Essens.
— Tobias, mach bitte auf, deine Mutter ist da, — sagte Anna, ohne sich vom Herd abzuwenden.
— Ah, Mama ist gekommen! — wurde Tobias plötzlich munter, als wäre nicht seine Mutter eingetroffen, sondern sein Gehalt.
Das Schloss klickte, und gleich darauf schallte eine fröhliche Stimme aus dem Vorzimmer:
— Mein lieber Bub! Wie geht’s dir denn? Verhungerst du eh nicht ohne ordentliches Essen?
Anna verdrehte innerlich die Augen. Na bravo. Es ging los.
— Komm rein, Mama, — säuselte Tobias und umarmte sie. — Anna macht gerade Abendessen.
— Abendessen? — wiederholte Theresa und marschierte wie eine Kücheninspektorin direkt in die Küche. — Na, dann schauen wir einmal, was es heute für eine Besonderheit gibt.
Sie musterte den Herd, als wäre er ein Beweisstück vor Gericht, und brummte dann unzufrieden.
— Faschierte Laibchen? Sag bloß, du hast die nicht fertig gekauft. Ein Mann braucht richtiges Essen und nicht so einen Gummi!
Anna presste die Lippen fest aufeinander, damit ihr nicht alles herausplatzte.
Wie lange sollte sie sich denselben Sermon eigentlich noch anhören?
— Selbst gemacht, — sagte sie knapp und stellte einen Teller auf den Tisch.
— Aha, selbst gemacht also … — Theresa verzog den Mund. — Beim letzten Mal hast du sie derart versalzen, dass mein Tobias den ganzen Abend Wasser trinken musste.
— Mama, lass gut sein, — meinte Tobias, allerdings ohne besondere Überzeugung. — Anna gibt sich eh Mühe.
— Mühe? — Die Schwiegermutter schlug die Hände zusammen. — Da möchte ich aber sehen, wie sehr sie sich bemühen würde, wenn du sie nicht erhalten würdest! Alles hängt an dir, mein Sohn!
Anna wandte sich langsam zu ihr um, als hätte sie eine Schlange vor sich, die gleich nach ihrem Arm schnappen wollte.
— Theresa, vielleicht reicht es jetzt, — sagte sie mit mühsam beherrschter Stimme. — Wir sind erwachsene Menschen. Wir kommen auch ohne Prüfungskommission zurecht.
— Ich will doch nur euer Bestes! — gab Theresa beleidigt zurück. — In einer Familie muss Ordnung herrschen. Mein Sohn soll essen, sich ausruhen und leben wie ein anständiger Mensch, nicht wie irgendein bedauernswerter Junggeselle.
Dieses letzte Wort hing schwer zwischen ihnen in der Luft.
