Den Scheidungsantrag.
Ohne Geschrei, ohne Flehen, ohne die alten endlosen Erklärungen. Einfach ein Schlussstrich.
Tobias hat es natürlich bis zuletzt nicht wahrhaben wollen. Immer wieder hat er mit derselben müden Überheblichkeit gesagt:
— Ohne mich kommst du doch keinen Schritt weiter. Dir bricht alles zusammen. Du wirst schon zurückkriechen.
Anna hat nur genickt. Nicht, weil sie ihm recht gegeben hätte, sondern weil sie genau gewusst hat: Wenn sie sich jetzt noch einmal umdreht, zieht sie der alte Sumpf wieder hinunter.
Die Nachricht ist Ende November gekommen, als sie sich beinahe schon an die Stille in der Wohnung gewöhnt hatte. Daran, dass sie ihre eigenen Atemzüge hörte und nicht mehr ständig fremde Befehle.
Ein Anruf aus einer Notariatskanzlei. Die Stimme am anderen Ende war trocken, höflich und völlig geschäftsmäßig.
— Frau Anna, würden Sie bitte vorbeikommen? Es geht um eine Erbschaft.
— Um was für eine Erbschaft? — beinahe hätte sie aufgelacht. — Ich habe keine reichen Verwandten.
Trotzdem ist sie hingegangen. Nicht aus Gier. Eher, weil die Neugier stärker gewesen ist als ihr Misstrauen.
Und es war kein Irrtum.
Eine entfernte Tante, die Cousine ihrer Mutter, hatte ihr eine Dreizimmerwohnung in einer ordentlichen Gegend hinterlassen. Kein Palast, gewiss nicht. Aber saniert, möbliert und sogar mit Parkett. Mit richtigem Parkett, nicht mit diesem dünnen Laminat, das heutzutage überall verlegt wird.
Anna ist im Büro des Notars gesessen und hat nur darauf gewartet, dass der Mann irgendwann zwinkert und sagt, das Ganze sei ein Scherz.
Er hat nicht gezwinkert.
Die Unterlagen waren echt.
Sie hat unterschrieben, ist danach auf die Straße hinausgetreten und hat zum ersten Mal seit langer Zeit geweint. Nicht vor Kränkung. Nicht aus Angst. Sondern vor Erleichterung.
„Also gut“, hat sie gedacht. „Dann beginnt jetzt eben ein neues Blatt.“
Der Umzug ist wie ein Fest gewesen, nur ohne Gäste.
Anna hat alles selbst in die Hand genommen. Sie hat die Übersiedlungsfirma organisiert, Kisten sortiert, alte Dinge weggeworfen, die jahrelang nur deshalb aufgehoben worden waren, weil man sie „vielleicht noch einmal brauchen“ könnte.
In der neuen Wohnung hat es nach frischer Farbe gerochen, nach Kaffee und nach Freiheit.
Sie ist barfuß über den Boden gegangen, hat über ihre früheren Ängste gelacht und sich gedacht: „Man kann also tatsächlich leben, ohne jeden Tag diesen Satz zu hören: Meine Mutter hat recht.“
Auch in der Arbeit hat sich plötzlich etwas gedreht. Die Vorgesetzten haben auf einmal bemerkt, dass Anna nicht nur verlässlich war, sondern auch etwas konnte. Zuerst hat man ihr ein eigenes Projekt anvertraut, dann ist die Beförderung gekommen.
Und irgendwo zwischen Berichten, Besprechungen und kurzen Kaffeepausen ist Lukas aufgetaucht. Ein ruhiger Kollege mit aufmerksamen Augen und einem klugen Blick. Kein blendender Held aus irgendeinem kitschigen Film, aber ein Mensch mit Wärme.
In seiner Nähe war Frieden.
Keine verzehrende Leidenschaft, kein grelles, blindes Taumeln. Eher dieses leise Gefühl von Geborgenheit, wie an einem Winterabend unter einer warmen Decke.
Und gerade, als Annas Leben anfing, wieder Sinn zu ergeben, hat es spät am Abend an der Tür geläutet.
Ohne Vorwarnung.
Genau so, wie Theresa früher immer gekommen war.
Anna ist zum Türspion gegangen — und ihr Herz ist ihr förmlich in den Bauch gerutscht.
Draußen standen sie.
Tobias und seine Mutter.
Mit einem Sackerl in der Hand, als wären sie zu einer gemütlichen Wohnungseinweihung eingeladen.
— Was wollen Sie? — fragte Anna durch die geschlossene Tür.
— Annalein, mach auf, wir müssen reden, — zischte Theresa in diesem falsch süßen Ton, den sie immer dann benutzt hat, wenn sie log.
Anna öffnete. Aber nur einen Spalt.
Das hat die beiden nicht gehindert. Sie drängten sich hinein wie ein kalter Luftzug, ohne Einladung, ohne auch nur einen Funken Scham.
— Na schau einer an, was für eine Wohnung, — sagte Theresa und verzog den Mund, während ihr Blick gierig über Wände, Möbel und Boden glitt. — Sieht man gleich, dass du die nicht selber gekauft hast.
— Ja, wirklich interessant, — ergänzte Tobias und rieb sich die Hände. — Woher hast du so etwas auf einmal, hm?
Anna blieb ruhig neben dem Türstock stehen und verschränkte die Arme.
— Geerbt. Von meiner Tante.
— Von was für einer Tante? — Theresa zog misstrauisch die Augen zusammen. — Von der habe ich ja noch nie etwas gehört!
— Sie haben sich auch nie dafür interessiert, — antwortete Anna leise. — Und ich hatte keinen Grund, Ihnen davon zu erzählen.
Tobias und Theresa wechselten einen Blick. In ihren Augen blitzte etwas auf, das Anna nur zu gut kannte: Habgier.
— Also, — begann Tobias gedehnt, — wenn wir zehn Jahre verheiratet waren, dann zählt so etwas doch irgendwie zum gemeinsamen Vermögen.
Anna starrte ihn an. Einen Moment lang glaubte sie tatsächlich, sich verhört zu haben.
— Tobias, meinst du das ernst? Wir sind seit einem halben Jahr geschieden.
— Na und? — fuhr Theresa dazwischen. — Trotzdem! Dein Leben mit ihm hat dich erst dorthin gebracht, wo du jetzt bist. Ohne meinen Sohn hättest du diese Erbschaft vielleicht gar nicht bekommen!
— Wie bitte? — Anna machte unwillkürlich einen Schritt zurück. — Wie kommen Sie denn auf so etwas?
— Ganz einfach! — Theresa marschierte bereits ins Wohnzimmer, als würde sie eine Besichtigung durchführen. — Da drüben könnte mein Bett stehen. Und dort richten wir Tobias ein kleines Eck ein. Platz genug hast du ja.
— Sind Sie noch ganz bei Trost? — Anna trat ihr entschlossen nach. — Auf welcher Grundlage bilden Sie sich ein, dass Sie hier wohnen werden?
