— Dann nimmst halt das, was da ist.
Lukas starrte zuerst auf den Fleck, dann auf die Ärmel seines grellen Hoodies.
— Aber das ist Balenciaga … der hat vierhundert Euro gekostet …
— Es ist mir völlig wurscht, was dein Fetzen gekostet hat, — Florians Stimme schnitt plötzlich scharf durch den Wagen, wie ein Peitschenhieb. In diesem Ton lag auf einmal jener strenge Konferenzzimmer-Blick, mit dem er früher im Schulgang jede Rauferei zum Stillstand gebracht hätte. — Du hast das absichtlich verschüttet. Also wirst du es jetzt auch wegmachen. Mit deinen eigenen Händen. Sonst fahren wir von hier überhaupt nicht weg. Nie.
Jetzt hat Lukas die Panik endgültig gepackt. Ein klägliches Schluchzen ist ihm herausgerutscht, kindisch und erbärmlich. Von seiner ganzen Internet-Großmäuligkeit ist nichts mehr übrig geblieben; sie ist von ihm abgefallen wie billige Farbe im Regen. Vor Florian hat kein lässiger Provokateur mehr gesessen, sondern ein verzogener, verängstigter Bursch, der zum ersten Mal gespürt hat, dass Handlungen Folgen haben.
Mit zitternden Fingern hat Lukas den langen Ärmel seines neonfarbenen Hoodies über die Hand gezogen und begonnen, über das Leder zu reiben. Die rote, klebrige Flüssigkeit ist sofort in den teuren Stoff gezogen und hat dunkle, schmutzige Schlieren hinterlassen.
— Gründlicher, — sagte Florian kalt. — Da bleibt kein Tropfen. Und die Fußmatte machst du auch.
Lukas schniefte, während er halb über die Rückbank kroch und die klebrige Lacke mit seinem eigenen Ärmel aufwischte. Die Kamera an seiner Brust lief noch immer. Sie hielt alles fest: wie der „coole Prankster“ in einem verriegelten Auto gehorsam den Putzfetzen spielte.
— Bitte … — murmelte Lukas, ohne aufzuschauen. — Mach auf. Ich hab alles weggewischt. Ich mach so was nie wieder. Wirklich.
— Gib mir dein Handy, — verlangte Florian.
Lukas reichte ihm das Smartphone, ohne zu widersprechen. Der Bildschirm war entsperrt.
— Wo ist die Aufnahme?
— Da … in der Galerie … das letzte Video.
Florian öffnete die Datei. Er tippte auf Löschen. Danach ging er noch in den Ordner „Zuletzt gelöscht“ und entfernte sie auch von dort endgültig.
— Die Kamera von der Brust nimmst du runter und schaltest sie aus.
Mit fahrigen Fingern löste Lukas den Clip und drückte auf den Ausschaltknopf.
— So, Lukas, — Florian gab ihm das Handy zurück. — Heute gibt’s keinen Content. Heute gibt’s nur eine Lektion. Die hat dich einen ruinierten Pulli gekostet und ein paar Minuten echte, nackte Angst.
Dann wandte Florian sich wieder dem Lenkrad zu. Er startete den Motor und aktivierte das Tablet.
In der engen Seitengasse wendete er den Wagen und fuhr zurück in Richtung der helleren Straßen. Nach ungefähr zehn Minuten hielt er bei einer U-Bahn-Station, obwohl bis zum ursprünglichen Ziel noch etliche Kilometer gefehlt hätten.
— Ab hier gehst du zu Fuß weiter, — sagte Florian.
Er drückte den Knopf, und die Verriegelung der hinteren Türen sprang auf.
Lukas schoss aus dem Auto, als hätte es Feuer gefangen. Er schlug die Tür zu und stolperte ein paar Schritte hinaus in den strömenden Regen. Sein Neon-Hoodie war binnen Sekunden durchnässt. Der rechte Ärmel klebte dunkel und schmutzig an ihm. Unter dem Dach einer Bushaltestelle blieb er stehen, schlang die Arme um sich und starrte zum Wagen zurück. In seinem Blick lag kein Hass. Nur Erschütterung.
Florian ließ die rechte Scheibe hinunter.
— Und weißt du was, Lukas? — rief er durch das Prasseln des Regens.
Der Blogger zuckte zusammen.
— Versuch das nächste Mal dein Geld so zu verdienen, dass du dich vor dir selber nicht schämen musst. Das ist schwerer, als Pranks zu drehen. Aber man schläft danach besser.
Die Scheibe glitt wieder nach oben.
Florian legte den Gang ein und reihte sich ruhig in den Verkehr ein.
Ein paar Kilometer später fuhr er auf eine hell beleuchtete Tankstelle und blieb dort stehen. Er stieg aus, öffnete die hintere Tür und beugte sich hinein. Der rote Fleck war zwar nicht mehr zu sehen, doch das Leder fühlte sich noch immer unangenehm klebrig an.
Aus dem Kofferraum holte Florian ein spezielles Pflegemittel für Leder, eine Packung Feuchttücher und ein trockenes Mikrofasertuch. Ohne Hast, aber sehr gründlich, reinigte er den Sitz. Danach griff er unter den Beifahrersitz.
Seine Finger ertasteten den kleinen Engel aus Perlen.
Florian zog ihn hervor, blies ein Staubkorn weg und legte ihn behutsam ins Handschuhfach. Morgen würde er neues Klebeband kaufen und ihn wieder an seinen Platz setzen.
Er setzte sich zurück hinters Lenkrad, schenkte sich heißen Kaffee aus der Thermoskanne ein und nahm einen tiefen Schluck. In ihm war es still. Kein Zorn mehr, keine Kränkung. Nur das klare Gefühl, etwas richtig erledigt zu haben.
Viele Menschen glauben, man könne die eigenen Grenzen nur mit Geschrei, einem Auftritt oder mit den Fäusten verteidigen. Sie meinen, Stärke müsse laut sein.
Doch wirkliche Stärke ist leise. Sie bittet nicht um Erlaubnis, sie rechtfertigt sich nicht und spielt nicht nach fremden Regeln. Sie setzt einfach ihre eigenen. Und genau dann merken jene, die sich daran gewöhnt haben, von der Schwäche anderer zu leben, plötzlich, dass ihre Zähne an ruhiger Würde zerbrochen sind.
Florian stellte den Becher in den Halter, drehte das Radio auf, fand einen Sender mit leisem Jazz und stellte seinen Status in der App wieder auf „Frei“.
Die Nachtschicht ging weiter.
