„Es wird Zeit, dass du wieder arbeiten gehst“ sagte meine Schwiegermutter seelenruhig, während eine fremde Frau meine Kleidung in Kartons packte

Diese rücksichtslosen Entscheidungen fühlten sich wie Verrat an.
Geschichten

Als ich von der Kinderärztin heimgekommen bin, stand mitten in unserem Schlafzimmer eine fremde Frau und legte meine Kleidung zusammen, um sie in eine Kartonschachtel zu räumen.

Doch das war nicht einmal das Schlimmste.

Viel schlimmer war, dass meine Schwiegermutter seelenruhig am Türstock zur Küche lehnte und ihr erklärte, auf welchem Fach die Hemden meines Mannes lagen, wann unser kleiner Bub sein Vitamin D bekommen musste und wie Lukas seinen Kaffee in der Früh am liebsten trank.

„Katharina, die dunklen Sachen bitte nicht zu den hellen legen“, sagte sie nebenbei. „Anna war da immer ein bisserl schlampig.“

Die Frau hielt mit meinem Pullover in den Händen plötzlich inne.

„Entschuldigen Sie … sind Sie Anna?“

In meiner Handtasche begann mein Handy zu läuten. Die Ordination der Kinderärztin rief zurück, weil ich Felix’ Impfpass irrtümlich bei der Anmeldung liegen gelassen hatte. Ich hob nicht ab.

Der zehn Monate alte Felix schlief im Kinderwagen. Und ich stand im Vorzimmer meiner eigenen Wohnung, als hätte ich mich in der Tür geirrt und wäre in ein fremdes Leben hineingestolpert.

„Theresa, was geht da bitte vor?“

Meine Schwiegermutter zupfte ihren Cardigan zurecht.

„Gott sei Dank bist du endlich da. Wir haben schon geglaubt, du treibst dich mit dem Kind den ganzen Nachmittag irgendwo herum.“

„Wer ist diese Frau?“

„Katharina. Ab morgen hilft sie hier mit.“

„Wobei?“

„Bei allem, wofür du ja offenbar bald keine Zeit mehr haben wirst. Lukas und ich haben beschlossen, dass dieser Zustand jetzt ein Ende hat. Es wird Zeit, dass du wieder arbeiten gehst.“

Sie sagte das in demselben Ton, in dem man jemandem mitteilt, dass donnerstags der getrennte Müll abgeholt wird.

„Ich fange im November wieder in der Arbeit an“, erwiderte ich. „Das weißt du ganz genau.“

„Das sind noch über zwei Monate. Du wirst doch nicht so lange daheim herumsitzen, wenn überall jede Hand gebraucht wird.“

In diesem Moment kam Katharina aus dem Schlafzimmer.

Sie war ungefähr vierzig, hatte kurzes braunes Haar, trug Jeans und eine hellgrüne Bluse. Ihr Blick glitt unsicher zu mir.

„Mir wurde gesagt, die Mutter des Kindes wisse bereits über die Vereinbarung Bescheid.“

„Über welche Vereinbarung?“

Theresa kam ihr zuvor.

„Das besprechen wir am Abend. Jetzt leg das Kind ab und mach bitte keine Szene.“

Erst da bemerkte ich, dass am Haken im Vorzimmer ein Damenmantel hing, den ich noch nie gesehen hatte. Darunter standen Schuhe, daneben ein mittelgroßer Koffer.

Sie hatte also nicht einfach eine Putzfrau organisiert.

Sie wollte jemanden bei uns einquartieren.

Mit meinem Mann Lukas lebte ich seit sechs Jahren zusammen. Unsere Wohnung war in Wels, im vierten Stock eines sanierten Wohnbaus. Riesig war sie nicht: zwei Zimmer, Küche, Bad und WC getrennt. Aber sie gehörte uns.

Genauer gesagt: Lukas und mir, jeweils zur Hälfte.

Den Kredit zahlten wir gemeinsam ab, und den größeren Teil des Eigenkapitals hatten wir aus Geld genommen, das wir über Jahre angespart hatten. Meine Schwiegermutter sprach trotzdem manchmal darüber, als hätte sie uns die Wohnung gekauft.

Vielleicht lag das auch daran, dass Lukas im Familienbetrieb seiner Mutter arbeitete.

Nach dem Tod seines Vaters hatte Theresa die kleine Gebäudetechnikfirma weitergeführt. Lukas kümmerte sich um Angebote, Aufträge und Subunternehmer. Auf dem Papier war er technischer Sachbearbeiter, in Wahrheit lief fast alles über seinen Schreibtisch.

Ich war in einer örtlichen Logistikfirma in der Lohnverrechnung beschäftigt. Seit Felix’ Geburt war ich zuerst im Mutterschutz und danach in Karenz.

Es war nie geplant gewesen, dass ich auf Dauer daheimbleibe. Ab November hätte ich wieder dreißig Stunden pro Woche gearbeitet, und für Felix hatten wir bereits einen Platz in einer kleinen Kinderbetreuung reserviert.

Lukas wusste über alles Bescheid.

Mehr noch: Er selbst hatte mich gebeten, nichts zu überstürzen.

An diesem Nachmittag rief ich ihn dreimal an, bevor er endlich abhob.

„Servus, Schatz, ich bin grad …“

„Deine Mutter lässt eine fremde Frau meine Sachen zusammenpacken.“

Stille.

Im Hintergrund hörte ich Verkehrslärm.

„Mama ist schon bei euch?“

Mein Magen zog sich zusammen.

„Du hast davon gewusst?“

„Anna, bitte, das klären wir nicht am Telefon.“

„Hast du davon gewusst?“

„Ich wusste, dass Katharina vorbeikommt und sich alles anschaut.“

„Sich alles anschaut? Lukas, ihr Koffer steht in unserem Vorzimmer!“

„Ich bin gegen sechs daheim.“

„Antworte mir jetzt!“

Doch da war die Verbindung weg.

Ich ging zurück ins Schlafzimmer. Eine Hälfte meines Kastens war leer. Meine Kleidung lag in der Schachtel, meine Handcreme vom Nachtkästchen und meine Bücher waren in ein Stoffsackerl gestopft.

„Das räumen Sie sofort wieder zurück“, sagte ich zu Katharina.

Die Frau legte den Pullover beiseite.

„Schauen Sie, ich möchte wirklich keine Unannehmlichkeiten. Frau Theresa hat mir erklärt, das Zimmer müsse umgestellt werden, weil Sie für eine Weile zu Ihrer Mutter ziehen.“

Im ersten Moment glaubte ich, mich verhört zu haben.

„Wie bitte?“

„Ich kenne die familiäre Situation auch nicht genau“, fügte sie leise hinzu. „Mir wurde gesagt, das sei eine gemeinsame Entscheidung.“

Hinter mir tauchte Theresa auf.

„Jetzt tut nicht so, als wäre hier ein Verbrechen passiert! Anna, deine Mutter hat doch dieses große Haus in Baden. Ein paar Wochen könntest du ohne Weiteres bei ihr wohnen.“

„Warum sollte ich aus meiner eigenen Wohnung ausziehen?“

„Weil Lukas jetzt Ruhe braucht.“

Felix wachte im Kinderwagen auf und begann zu weinen.

Ich nahm ihn hoch. Sein warmer kleiner Körper drückte sich an meine Brust, und in mir stieg eine Wut auf, die so heftig war, dass ich mich kaum zu sprechen traute.

„Theresa, gib mir deinen Schlüssel.“

„Welchen Schlüssel?“

„Den zu unserer Wohnung.“

„Du wirst mich sicher nicht aus dem Zuhause meines Sohnes aussperren!“

„Dann rufe ich jetzt Lukas an, und wir klären gemeinsam, wer dir was erlaubt hat.“

Währenddessen klappte Katharina langsam ihren Koffer zu.

Theresa warf ihr einen Blick zu, der sie augenblicklich wieder erstarren ließ.

„Du gehst nirgendwohin. Lukas kommt um sechs.“

„Ich bleibe aber nicht an einem Ort, an dem ich offensichtlich nicht willkommen bin“, antwortete Katharina.

Da erschien auf ihrem Handy eine Nachricht.

Sie las sie, dann sah sie mich auf eine merkwürdige Art an.

„Anna, darf ich Sie fragen, ob Sie von dem neuen Arbeitsvertrag Ihres Mannes wissen?“

Theresas Gesicht veränderte sich schlagartig.

„Katharina! Darüber reden wir nicht jetzt!“

„Von welchem Vertrag?“, fragte ich.

Katharina biss sich auf die Lippe.

„Von dem, für den offenbar auch Ihre Unterschrift notwendig wäre.“

Theresa trat so rasch zwischen uns, dass sie beinahe gegen Felix’ Kinderwagen stieß.

„Jetzt reicht’s! Katharina, geh in die Küche!“

Doch mir war in diesem Moment bereits klar, dass ich nicht bloß mitten in einen familiären Streit geraten war.

Jemand hatte etwas vorbereitet.

Und dafür brauchte dieser Jemand offenbar meine Wohnung, meine Abwesenheit – und sehr wahrscheinlich auch meine Unterschrift.

📩 Warum ich aus meinem eigenen Zuhause verschwinden sollte, war im ersten Kommentar zu lesen. 👇

Hedis Stube