„Der Bub hat gemeint, du hast dir eine Dreizimmerwohnung mitten in der Innenstadt gekauft. Und in dieser Wohnung werde ausschließlich ich wohnen!“ — verkündete die Schwiegermutter mit erhobenem Kinn.
Anna trat aus dem Bürogebäude hinaus und ging zügig zu ihrem Wagen. Der Arbeitstag hatte es in sich gehabt: drei Besprechungen mit Mandanten, ein Stapel Akten, der kein Ende nehmen wollte, und unzählige Telefonate. Seit fünf Jahren war sie als Juristin in einem großen Konzern tätig und längst an dieses Tempo gewöhnt.
Schon als Studentin hatte sie gewusst, was sie wollte. Damals hatte sie nebenbei gearbeitet, um finanziell unabhängig zu sein und ihren Eltern nicht auf der Tasche zu liegen. Michael und Maria, die eine erfolgreiche Baustoffhandelskette führten, hätten ihrer Tochter ohne Weiteres ein bequemes Leben ermöglichen können. Doch Anna war es wichtig, sich alles selbst zu erarbeiten.
Vor drei Jahren hatte sie Lukas geheiratet, einen Softwareentwickler in einer IT-Firma. Kennengelernt hatten sie einander auf einer Firmenfeier über gemeinsame Bekannte. Sein ruhiges Lächeln und seine Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören, hatten Anna sofort beeindruckt. Erst später merkte sie, dass diese Friedfertigkeit sich auf alle Lebensbereiche erstreckte — auch auf seine Mutter Claudia. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie dem allerdings keine besondere Bedeutung beigemessen.
Das junge Ehepaar hatte zunächst eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand gemietet. Sie war durchaus in Ordnung, doch Anna träumte von etwas Eigenem. Bereits ab ihrem ersten Gehalt hatte sie konsequent Geld zur Seite gelegt: Jeden Monat wanderte ein Drittel ihres Einkommens auf ein Sparkonto als Eigenkapital. Lukas sparte ebenfalls, allerdings deutlich weniger. Er erklärte, er unterstütze seine Mutter und seinen jüngeren Bruder Tobias finanziell.

Nach drei Jahren hatte Anna rund zwei Millionen Euro angesammelt. Lukas kam gerade einmal auf fünfhunderttausend. Sie hielt ihm das nie vor; sie wusste, dass jeder andere Prioritäten setzte. Als sie jedoch konkret vom Wohnungskauf sprach, überraschte Michael sie beim Sonntagsessen mit einem Angebot.
„Annerl“, sagte er zwischen Suppe und Hauptgang, „deine Mutter und ich haben beschlossen, dir drei Millionen Euro für eine Wohnung zu schenken. Du bist unser einziges Kind, und wir wollen, dass du gut und sicher lebst. In deinem Alter noch zur Miete wohnen — das passt einfach nicht.“
Anna fiel ihren Eltern gerührt um den Hals. Die Dankbarkeit stand ihr in den Augen. Mit diesem Betrag eröffnete sich plötzlich die Möglichkeit, wirklich etwas Hochwertiges zu finden.
Die Suche zog sich über einen Monat. Sie studierte unzählige Exposés, vereinbarte Besichtigungen und durchquerte halb Wien, bis sie schließlich fündig wurde: eine Dreizimmerwohnung in einem Neubau direkt im Herzen der Innenstadt. Achtzig Quadratmeter, lichtdurchflutet, mit durchdachtem Grundriss. Der Kaufpreis betrug neun Millionen Euro. Den Restbetrag konnte man zu vernünftigen Konditionen über einen Kredit finanzieren.
„Lukas, schau dir das an, ist das nicht traumhaft?“, sagte Anna und zeigte ihm die Fotos auf ihrem Handy. „Drei Zimmer, eine große Wohnküche, zwei Bäder! Stell dir vor, wie wir dort leben könnten.“
Lukas nickte langsam, während er durch die Bilder scrollte.
„Wirklich schön. Aber … auf wessen Namen läuft die Wohnung?“
Anna schwieg einen Moment. Diese Frage hatte sie innerlich längst durchgespielt.
„Lukas, ich möchte, dass sie auf mich eingetragen wird. Du verstehst doch — das Geld kommt von meinen Eltern, es ist ihr persönliches Geschenk an mich. Mir gibt es einfach ein Gefühl von Sicherheit, wenn die Wohnung offiziell mir gehört.“
Er zog die Stirn kraus.
„Heißt das, ich wohne dann in deiner Wohnung? Wie ein Untermieter?“
„Red keinen Unsinn“, entgegnete sie ruhig. „Du bist mein Mann, selbstverständlich ist es unser gemeinsames Zuhause. Es geht nur um die rechtliche Seite. Bitte glaub mir, so ist es vernünftig.“
Lukas atmete tief durch. Schließlich nickte er und erklärte sich einverstanden, auch wenn man ihm ansah, dass ihm diese Lösung nicht wirklich behagte. Doch er vermied Streit, wie so oft, und schluckte seine Bedenken hinunter, ohne zu ahnen, welche Folgen diese Entscheidung bald haben würde.
