„Ach so, deine Mutter hat also Bluthochdruck – und ich hab wohl eine Gelddruckmaschine im Nachtkästchen?“ zog energisch den Stecker des Bügeleisens

Diese bittere Ungerechtigkeit ist erschütternd und unerträglich.
Geschichten

– Anna, überweis mir bitte fünfunddreißigtausend Euro auf meine Karte. Morgen wird die Rate bei der Bank fällig – meinte Lukas, ohne auch nur aufzuschauen. Seine Augen klebten am Laptop, wo er wieder einmal mit virtuellen Panzern in irgendeiner Schlacht unterwegs war.

Anna erstarrte mitten in der Bewegung. In ihrer Hand zischte das Bügeleisen, Dampf quoll hervor und hüllte das Bügelbrett in einen weißen Schleier. Bedächtig stellte sie es ab und sah auf den breiten Rücken ihres Mannes, gespannt unter einem ausgeleierten T‑Shirt. Seit vier Jahren lief dieses monatliche Ritual ab – „überweis das Geld“ – doch ausgerechnet an diesem verregneten Dienstag im November riss in ihr etwas endgültig.

– Lukas – begann sie leise und rang um eine ruhige Stimme. – Hast du wirklich gar nichts mehr übrig? Erst letzte Woche hab ich für zehntausend eingekauft und die Rechnungen beglichen. Vom Vorschuss ist kaum mehr etwas da, ich muss noch bis zum nächsten Gehalt durchhalten.

Unwillig klickte er mit der Zunge, nahm das Headset ab und drehte sich im Bürosessel zu ihr um. Sein Gesicht wirkte beleidigt, wie das eines Buben, dem man die Süßigkeiten weggenommen hat.

– Anna, wir haben das doch besprochen. Gerade ist Flaute, es kommen keine Aufträge rein. Ich lebe von Provisionen, das weißt du. Die Bank wartet aber nicht. Mama hat schon eine SMS mit der Erinnerung bekommen. Willst du wirklich, dass Inkassoleute anrufen? Ihr Blutdruck ist ohnehin zu hoch.

– Ach so, deine Mutter hat also Bluthochdruck – und ich hab wohl eine Gelddruckmaschine im Nachtkästchen? – Anna zog energisch den Stecker des Bügeleisens aus der Steckdose. – Seit vier Jahren zahle ich diesen Kredit. Vier Jahre lang gehen siebzig Prozent meines Einkommens für eine Wohnung drauf, in der ich rechtlich niemand bin.

– Jetzt fang nicht schon wieder damit an! – Lukas verdrehte die Augen. – Wie oft noch? Wir haben sie auf Mama überschrieben, weil sie als Pensionistin und Arbeitsveteranin einen günstigeren Zinssatz bekommt. Wir haben uns ein Vermögen erspart! Das ist doch für unsere Familie!

– Für welche Familie, Lukas? – Anna trat ans Fenster, an dem der Herbstregen gegen die Scheiben peitschte. – Juristisch existieren wir hier gar nicht. Es gibt eine Eigentümerin – Elisabeth. Und dann gibt es uns, die faktisch ihre Wohnung finanzieren. Wobei „uns“ nicht stimmt. Ich zahle. Deine sogenannte saisonale Flaute dauert nämlich das ganze Jahr.

– Willst du mir jetzt das Geld vorhalten? – Seine Stimme kippte ins Schrille. – Bist du so materialistisch geworden? Ich hab auch meinen Beitrag geleistet! Die Renovierung hab ich gemacht! Ich hab die Tapeten geklebt!

– Mit dem Material, das ich von meiner Prämie bezahlt habe. Lukas, ich kann nicht mehr. Heute war ich beim Zahnarzt, ich brauche eine Krone. Das kostet. Und ich hab kein Geld, weil morgen die Rate fällig ist. Seit fünf Jahren trage ich denselben Wintermantel. Und deine Mutter prahlt letzte Woche mit ihrem neuen Pelz, weil sie von ihrer Pension etwas zur Seite legen kann – ihre Kinder unterstützen sie ja großzügig beim Wohnen.

– Hör auf, Mamas Geld zu zählen! – Lukas sprang auf. – Das ist unterste Schublade! Sie hat uns in ihre Wohnung aufgenommen, und du…

– Aufgenommen? In eine Wohnung, die ich abbezahle? Wie großzügig.

– Schluss jetzt. Kein Theater mehr. Überweis das Geld. Ich will morgen nicht vor Mama dastehen wie ein Versager, wenn die Bank anruft. Und wärm bitte das Essen auf, ich hab Hunger.

Er setzte das Headset wieder auf – jede seiner Bewegungen ein deutliches Signal, dass das Gespräch beendet war. Anna blickte auf seinen Nacken und spürte, wie sich in ihrer Brust eine eisige Leere ausbreitete. Liebe, Geduld, Hoffnung – alles war in diesem Moment wie ausgelöscht. Zurück blieb eine nüchterne, beinahe kalte Klarheit.

Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Zimmer, nahm ihr Handy und öffnete die Banking-App. Auf dem Konto befanden sich vierzigtausend Euro. Exakt genug für die Rate – und ein kleiner Rest für Lebensmittel. Ihr Finger schwebte über dem Feld „Überweisen“.

Da tauchte vor ihrem inneren Auge das Gespräch vom Vortag auf, das sie unfreiwillig mitangehört hatte. Elisabeth war zu Besuch gewesen und hatte in der Küche Tee getrunken, während Anna schnell zum Supermarkt gegangen war. Sie kam früher zurück als geplant, sperrte leise auf – und hörte die Stimme ihrer Schwiegermutter. Elisabeth telefonierte mit ihrer älteren Tochter, also mit Annas Schwägerin Sophie.

„Ja, mein Sopherl, es läuft alles nach Plan. Die Kreditrate wird brav bezahlt. Sie haben die Wohnung schön hergerichtet, die Annalein so…“

Hedis Stube