„Ich bin nicht der persönliche Chauffeur deiner Mutter.“ sagte sie ruhig, woraufhin Lukas zu schreien begann

Diese unverschämte Erwartung fühlte sich endlich befreiend an.
Geschichten

— Bist jetzt komplett übergeschnappt?

So hat es begonnen. Kein „Grüß Gott“, kein vorsichtiges Herantasten, nicht einmal ein Anflug von Höflichkeit. Gleich frontal, direkt ins Gesicht.

Anna stand in der Küche und räumte die Einkäufe aus dem Sackerl in den Kühlschrank. Ein ganz gewöhnlicher Freitag: nach der Arbeit noch rasch zum Supermarkt, alles besorgt, was fürs Wochenende nötig war, jetzt verstauen. Die Hände beschäftigt, der Kopf schon bei der To-do-Liste für Samstag und Sonntag – und dann das.

Lukas kam mit dem Handy in der Hand herein. An seinem Gesicht hat sie sofort erkannt, dass etwas war. Nicht mit ihm. Mit seiner Mutter. Und das bedeutete in ihrer Ehe automatisch: auch mit ihr. Diese beiden Dinge waren längst untrennbar miteinander verbunden.

— Meine Mama hat angerufen, sagte er und legte das Telefon auf den Tisch. — Sie muss morgen in die Ambulanz, dann aufs Amt wegen ein paar Unterlagen und danach noch wohin. Du hast ja das Auto – führst sie halt.

Anna stellte die Milch langsam ins Kühlschrankfach und drehte sich zu ihm um.

— Lukas, morgen ist Samstag.

— Na und?

— Ich hab selbst was vor.

Er sah sie an, als hätte sie plötzlich eine Fremdsprache gesprochen. Eigene Pläne? Am Samstag? Während seine Mutter irgendwo in Warteschlangen stand?

— Was denn für Pläne, Anna? In seiner Stimme lag dieses feine, kaum hörbare Herablassende, das sie längst kannte. Eine Frage, verpackt wie ein Vorwurf. — Du wolltest doch eh nirgends großartig hin.

In ihr hat sich etwas verschoben. Langsam, aber spürbar.

— Ich bin nicht der persönliche Chauffeur deiner Mutter.

Lukas erstarrte.

Die Stille zog sich. Der Kühlschrank brummte leise, draußen hupte ein Auto. Anna hielt seinem Blick stand. Sie wunderte sich selbst, wie ruhig sie klang – kein Zittern, keine Tränen. Nur eine schlichte Feststellung.

— Wie bitte?

— Du hast mich schon verstanden.

Und dann begann es.

Lukas hatte eine besondere Art, beleidigt zu sein. Das wusste sie aus acht gemeinsamen Jahren. Er schrie nicht, er knallte keine Türen. Stattdessen zog er sich zurück, wurde eisig, schwieg – wie ein U-Boot, das abtaucht und aus der Tiefe mit dem Blick eines Verratenen nach oben starrt.

Er verließ die Küche, setzte sich ins Wohnzimmer vor den Fernseher, schaltete ihn ein und starrte auf den Bildschirm, ohne wirklich etwas zu sehen.

Anna räumte die restlichen Einkäufe ein. Stellte den Wasserkocher auf. Schnitt eine Semmel auf. Alles automatisch, routiniert – die Hände arbeiteten, während die Gedanken eigene Wege gingen.

Sie dachte an Barbara.

Ihre Schwiegermutter war keine einfache Person. Achtundfünfzig, robust, mit wachem Blick aus braunen Augen und einem Talent, in jeder Geschichte recht zu behalten – zumindest in ihrer Version davon. Offene Unfreundlichkeit gegenüber Anna hätte sie nie gezeigt. Das wäre zu banal gewesen. Barbara agierte subtiler: über Lukas, über kleine Bemerkungen, über Anrufe genau im unpassendsten Moment.

„Annerl, du bist ja immer so furchtbar beschäftigt“, sagte sie in einem Tonfall, in dem „beschäftigt“ ungefähr „gefühllos“ bedeutete.

Und Lukas hörte zu. Und glaubte ihr. Weil Mutter eben Mutter war.

Anna nippte an ihrem Tee und schaute aus dem Fenster.

Sie arbeitete als Managerin in einer Logistikfirma. Vollzeit, oft mit Überstunden. Ihr Auto – ein kleiner Hatchback – hatte sie sich vor drei Jahren selbst finanziert. Und genau dieses Auto war in der Familie offenbar zu einer Art öffentlichem Verkehrsmittel für Barbara geworden.

Am Anfang war es eine Ausnahme gewesen. Dann wurde es Gewohnheit.

„Anna, bring Mama schnell zum Markt.“ Einmal.
„Anna, Mama hat einen Termin am anderen Ende der Stadt.“ Zweimal.
„Anna, sie kann die schweren Sackerl nicht allein tragen.“ Drei-, vier-, fünfmal …

Und jedes Mal hatte sie ja gesagt. Weil es unangenehm war, nein zu sagen. Weil Familie. Weil es ja wirklich kein großer Aufwand sei.

Doch gestern war innerlich etwas eingerastet.

Am nächsten Morgen sprach Lukas kein Wort mit ihr. Er saß mit seinem Kaffee am Tisch, scrollte demonstrativ durch sein Handy und vermittelte mit jeder Bewegung: Ich bin da, aber du existierst nicht.

Anna machte sich in aller Ruhe fertig. Zog ihre Jacke an, nahm die Handtasche.

— Ich fahr dann, sagte sie in den Raum hinein.

Keine Reaktion.

Sie ging.

Am Parkplatz schloss sie das Auto auf, setzte sich hinein und blieb einen Moment mit beiden Händen am Lenkrad sitzen. Die Stadt war längst wach – Straßenbahnen ratterten vorbei, Radfahrer schlängelten sich durch den Verkehr, Menschen hasteten mit Coffee-to-go-Bechern über die Gehsteige. April. Strahlend, fast frech hell, mit diesem Licht, das einen blinzeln lässt.

Sie fuhr Richtung Innenstadt.

Dort gab es einen kleinen Coworking-Space, in dem sie gelegentlich auch am Wochenende arbeitete – Tapetenwechsel, nicht daheim herumsitzen. Sie nahm einen Platz am Fenster, klappte den Laptop auf, bestellte einen Cappuccino. Versuchte, sich auf einen Bericht zu konzentrieren. Doch ihre Gedanken kreisten.

Das Handy vibrierte. Eine unbekannte Nummer.

— Annerl? Die Stimme war weich, beinahe süßlich. Barbara. — Wo bist du denn, mein Schatz? Der Lukas hat gesagt, du hast heute eh Zeit …

Anna schloss für einen Atemzug die Augen.

— Barbara, ich hab berufliche Termine.

— Aber es ist doch Samstag …

— Samstag ist nicht für alle automatisch frei. Heute geht es bei mir nicht.

Stille. Dann, sehr leise, fast gekränkt:

— Aha. Verstehe.

Das Gespräch war beendet.

Anna legte das Handy neben den Laptop und starrte auf den blinkenden Cursor in der leeren Zeile. Draußen rumpelte eine Straßenbahn über die Schienen, ein Mädchen von vielleicht sieben Jahren zerrte seine Mutter am Arm und zeigte begeistert auf ein Schaufenster voller Spielzeug.

Sie wartete innerlich darauf, dass Lukas anrufen würde. Dass er von Egoismus sprach. Davon, dass „Mama allein ist“. Dass es doch wirklich nicht zu viel verlangt sei.

Aber Lukas rief nicht an.

Stattdessen kam eine Nachricht. Nicht von ihm. Von

Hedis Stube