„Annerl, deinen Urlaub kannst du vergessen“, verkündete Lukas beim Abendessen mit selbstzufriedenem Grinsen

Diese selbstgerechte Geste fühlte sich an wie Verrat.
Geschichten

„Annerl, deinen Urlaub kannst du vergessen“, hat Lukas beim Abendessen verkündet, mit einem selbstzufriedenen Grinsen im Gesicht. Man hat ihm richtig angesehen, wie sehr er diesen Augenblick genossen hat. „Ich hab Mama die Reise gegeben. Sie träumt doch ihr ganzes Leben vom Meer, verstehst du? Also fährt sie jetzt an deiner Stelle. Soll sie sich endlich einmal erholen. Verdient hat sie es.“

Anna hat den Blick langsam vom Teller gehoben. Eine Weile hat sie ihren Mann nur angesehen, aufmerksam, fast prüfend. Kein Wort ist über ihre Lippen gekommen. Dann hat sie gelächelt – nicht böse, nicht spöttisch, sondern auf eine seltsam ruhige Art.

Gerade dieses Lächeln hat Lukas aus dem Konzept gebracht. Innerlich war er auf ein Donnerwetter eingestellt gewesen, auf Geschrei, vielleicht sogar auf Teller, die ihm um die Ohren fliegen. Stattdessen: Stille. Und dieses merkwürdige, nicht einzuordnende Lächeln.

„Das heißt… du bist mir nicht böse?“, hat er nachgehakt, diesmal schon deutlich weniger sicher. „Wirklich nicht?“

„Aber nein, mein Lieber“, hat Anna sanft geantwortet und weitergegessen, als wäre überhaupt nichts Besonderes passiert. „Wie könnte ich denn böse sein? Wenn deine Mutter ans Meer möchte, dann soll ihr Wunsch eben in Erfüllung gehen. Selbstverständlich.“

Lukas war sichtlich irritiert. Woher kam plötzlich dieser engelsgleiche Ton? Sollte das tatsächlich so problemlos ablaufen? „Na bitte“, dachte er erleichtert. „Meine Anna ist offenbar doch eine vernünftige Frau.“

Drei Tage später ist Elisabeth abgereist. Türkei, neuer Badeanzug, ein Koffer, der beinahe aus allen Nähten geplatzt ist, und ein Gesicht, das vor Glück gestrahlt hat. Sie hat ohne Punkt und Komma geplappert:

„Schau nur, Anna, wie gut mir dieser Hut steht! Den hab ich der Nachbarin Tamara abgeschwatzt, und zurückgeben werd ich ihn sicher nicht – soll sie ruhig neidisch sein. Lukas, mein Bub, ich danke dir tausendmal! Du bist ein richtiger Mann. Und du, Anna, sei nicht allzu traurig. Obwohl…“ Sie hat gekichert. „Vielleicht plagt mich ja ein bisserl das Gewissen, weil ich allein am Strand liege und du in dieser stickigen Wohnung hockst.“

Elisabeths Humor war ziemlich eigen, doch Anna hat bloß genickt und gelächelt.

Am selben Abend ist Lukas gemütlich vor dem Fernseher gesessen, hat langsam sein Bier getrunken und das Fußballspiel genossen. Er hat sich gefühlt wie ein Held: seiner Mutter eine Freude gemacht und daheim auch noch einen Streit vermieden. „So schaut ein reifes, ruhiges Familienleben aus“, hat er zufrieden gedacht. „Alles im Griff.“

Dann hat es begonnen.

Am nächsten Abend ist Anna nicht nach Hause gekommen. Ihr Handy blieb stumm. Erst gegen Mitternacht ist Lukas unruhig geworden. Als er ins Bad gegangen ist, hat er bemerkt, dass ihre Zahnbürste weg war. Danach ist er zum Kasten geeilt – die Hälfte ihrer Kleidung fehlte.

Hedis Stube