Lukas hat den Mund aufgemacht, als wollte er ihr widersprechen. Doch kein einziges Gegenargument ist ihm eingefallen. Zu deutlich hat er gespürt, dass jedes ihrer Worte gestimmt hat.
Anna hat ihn plötzlich mit einem fast listigen Lächeln angesehen.
„Weißt du eigentlich, warum ich damals keinen Aufstand gemacht hab? Als du mir eröffnet hast, dass mein Urlaub einfach gestrichen ist?“
Lukas hat die Augen geschlossen. Er hat bereits geahnt, worauf sie hinauswollte.
„Weil mir in diesem Moment klar geworden ist: Wenn ein Mann nicht zwischen seiner Frau und seiner Mutter unterscheiden kann, wenn er nicht einmal begreift, wo seine Verantwortung liegt, dann ist es gescheiter, ich geh von selbst. Ohne Geschrei, ohne Szenen, ohne diese ganze würdelose Streiterei. Still. Als Frau. Mit erhobenem Kopf.“
Sie hat das alte Fotoalbum an sich genommen, noch einmal mit den Fingern über den Einband gestrichen und leise gesagt:
„Also dann… leb wohl, Lukas.“
Dann ist sie gegangen.
Er ist im Vorzimmer stehen geblieben, als hätte jemand die Luft aus der Wohnung gelassen.
In der Küche ist Elisabeth gesessen. Sie ist nicht herausgekommen, weil sie bis zuletzt gehofft hat, ihr Sohn und Anna würden sich irgendwie wieder zusammenraufen.
„Mein Bub… ich hab eh nicht gelauscht… Was ist passiert? Wie schaut’s jetzt aus mit euch?“, hat sie mit zitternder Stimme gefragt.
Lukas hat nur müde den Kopf gehoben.
„Nichts Besonderes. Wir haben uns verabschiedet.“
„Der Ehemann hat seine Mutter ans Meer geschickt. Nur hat er nicht damit gerechnet, dass ich ebenfalls gehe. Und zwar für lange.“
Elisabeth hat ihr Gesicht in den Händen vergraben.
„Herrgott… wär ich damals doch nur nie an dieses verfluchte Meer gefahren…“
Ein halbes Jahr ist vergangen. Lukas ist stiller geworden, verschlossener. Zu trinken hat er aufgehört. Auf einmal hat er begriffen, dass Alkohol keinen Menschen ersetzt, den man aus Dummheit verloren hat. Er hat sein einsames Leben mit seiner Mutter irgendwie geordnet: in die Arbeit gehen, heimkommen, essen, schweigen. Abends ist er oft beim Fenster gesessen und hat zugeschaut, wie die Sonne hinter den Häusern verschwunden ist.
Anna hingegen hat in einem fernen Land tatsächlich neu begonnen. Mit Maximilian ist sie in die Berge gefahren und ans Meer, sie haben fremde Küchen ausprobiert, Tango gelernt und darüber geredet, sich einen Hund zu nehmen.
„Sag, bereust du manchmal, dass alles so gekommen ist?“, hat Maximilian sie eines Tages gefragt.
Anna hat den Kopf geschüttelt.
„Nein. Ganz sicher nicht. Zum ersten Mal in meinem Leben hab ich gespürt, dass ich Liebe verdiene. Nicht Pflichtgefühl. Nicht dauernde Zugeständnisse. Nicht dieses ewige Sich-Zusammenreißen. Sondern einfach echte Liebe.“
Sie sind die Promenade entlangspaziert, ihre Hände haben einander berührt. Das Meer hat gerauscht und sich sanft an die Küste geschmiegt. Es war warm, und in ihr war eine Ruhe, wie sie sie früher nicht gekannt hatte.
Es hat sich beinahe genauso angefühlt wie an jenem Tag, an dem dieses unglückselige Urlaubsticket sie dazu gebracht hat, eine alte Einladung anzunehmen – die Einladung eines Mannes, der sie heimlich seit Jahren geliebt hatte. Eine Einladung, die er so lange in seinem Herzen aufbewahrt hatte, bis endlich der Augenblick gekommen ist, in dem sie zum neuen Leben „Ja“ sagen konnte.
Und dieser Augenblick ist ganz von selbst gekommen.
