„Ich hab bewusst nichts überwiesen“ sagte sie scharf, während sie seit acht Monaten allein die Kosten stemmt

Diese selbstsüchtige Gleichgültigkeit fühlt sich erschütternd ungerecht an.
Geschichten

— Ich hab nicht vergessen, deiner Mutter Geld zu überweisen. Ich hab es mit Absicht nicht getan — sagte die Frau scharf, nachdem ihr Mann seit acht Monaten daheim saß und nicht arbeitete.

— Anna, du hast Barbara schon wieder nichts überwiesen! — Lukas’ Stimme klang vorwurfsvoll, kaum dass sie nach einem zehnstündigen Arbeitstag über die Schwelle der Wohnung getreten ist.

Anna blieb mitten in der Bewegung stehen, während sie sich die Schuhe auszog. Die Schlüssel zitterten in ihrer Hand — zuerst vor Erschöpfung, jetzt auch vor Ärger.

— Ich hab es nicht vergessen. Ich hab bewusst nichts überwiesen, — sagte sie, richtete sich auf und sah ihren Mann an, der mit finsterem Gesicht im Türrahmen zum Wohnzimmer stand.

— Wie bitte, bewusst? Mama hat mit dem Geld gerechnet! Morgen ist ihre Betriebskostenrechnung fällig!

— Deine Mutter hat ihre eigene Pension, Ersparnisse und vermietet außerdem ein Zimmer in ihrer Wohnung. Wir dagegen zahlen noch immer den Autokredit ab, den du aufgenommen hast, als du noch gearbeitet hast, — Anna ging an ihm vorbei in die Küche. — Und seit acht Monaten zahle ich alles allein.

— Fang nicht schon wieder damit an! — Lukas folgte ihr. — Ich hab dir hundertmal erklärt, dass meine Branche gerade in einer Krise steckt. Es bringt nichts, irgendeinen schlecht bezahlten Programmiererjob anzunehmen. Ich muss auf ein ordentliches Angebot warten.

Anna öffnete den Kühlschrank und seufzte müde. Drinnen war fast nichts.

— Du warst nicht einmal einkaufen? — fragte sie und drehte sich zu ihm um. — Ich hab dir in der Früh die Liste und das Geld hingelegt.

— Ich hatte ein Online-Vorstellungsgespräch, — sagte Lukas achselzuckend. — Danach hab ich noch mit meinem früheren Team telefoniert. Es ist sich einfach nicht ausgegangen.

— Aber Zeit, deine Mutter anzurufen und dich bei ihr zu beschweren, weil ich ihr nicht rund 150 Euro geschickt hab, die hast du gehabt, — Anna holte die Lebensmittel aus ihrer Tasche, die sie auf dem Heimweg besorgt hatte. — Weißt du was? Ich kann nicht mehr. Körperlich nicht und seelisch auch nicht. Ich arbeite allein, ich koche, ich putze, und von dir kommt nur Kritik — oder die Verteidigung deiner Mutter.

— Übertreib nicht, — Lukas setzte sich an den Tisch, als würde er selbstverständlich warten, bis sie ihm etwas zu essen machte. — Das ist nur eine Übergangsphase. Sobald ich eine Stelle mit einem vernünftigen Gehalt finde, renkt sich alles wieder ein.

— Wann soll das sein? — Anna fuhr zu ihm herum. — In einem Monat? In einem Jahr? Oder erst dann, wenn ich völlig zusammenklappe, weil ich tagsüber als Projektmanagerin in einer Werbeagentur arbeite und abends noch Zusatzaufträge mache?

— Die Nebenjobs hast du dir selbst ausgesucht, — warf Lukas ihr hin. — Niemand hat dich dazu gezwungen.

— Und wovon sollen wir sonst dein Auto zahlen, unsere Mietwohnung finanzieren und auch noch deine Mutter unterstützen? — Anna begann, Gemüse für einen Salat zu schneiden. — Mein Gehalt reicht gerade einmal für das Nötigste.

— Erstens ist das unser Auto. Und zweitens braucht Mama wirklich Hilfe. Sie hat mich allein großgezogen. Ich kann sie doch nicht im Stich lassen.

— Barbara hat dich vor fünfunddreißig Jahren großgezogen! — Anna verlor die Geduld. — Jetzt ist sie zweiundsechzig, arbeitet halbtags als Buchhalterin, bekommt Pension und vermietet ein Zimmer in ihrer Dreizimmerwohnung. Sie hat mehr Einnahmen als ich!

— Woher weißt du das mit dem Zimmer? — Lukas zog die Stirn kraus.

— Ich bin zufällig über die Anzeige gestolpert. Bei den Mietangeboten. Die Adresse und die Fotos hab ich sofort erkannt, — Anna stellte ihm den Salat hin. — Allein für dieses eine Zimmer bekommt sie etwa 250 Euro im Monat. Zusätzlich zu ihrer Pension und ihrem Gehalt.

— Du spionierst meiner Mutter nach? — empörte sich Lukas.

— Ich versuche nur zu begreifen, warum wir ihr helfen sollen, wenn wir selber kaum über die Runden kommen! — Anna setzte sich ihm gegenüber. — Und warum du seit acht Monaten daheim sitzt und jede Stelle ablehnst, weil sie dir angeblich nicht würdig genug ist.

— Weil ich zehn Jahre Berufserfahrung habe! Ich werde sicher nicht für 600 Euro arbeiten, wenn ich früher 1.500 bekommen habe!

— In jener Firma, aus der du wegen Einsparungen entlassen worden bist, — erinnerte ihn Anna. — Seitdem sind acht Monate vergangen. In der Zeit hätte man längst irgendetwas finden können.

— Mama hat recht gehabt, — Lukas schob den Teller von sich weg. — Du stehst nicht hinter mir. Statt an mich zu glauben, machst du mir nur Vorwürfe.

— Deine Mutter meint ja überhaupt, du hättest die falsche Frau geheiratet, — Anna stand auf. — Bei jedem Treffen sagt sie mir aufs Neue, eine anständige Ehefrau müsse ihren Mann erhalten und dürfe keine Fragen stellen.

— Sie macht sich eben Sorgen um mich.

— Und wer macht sich Sorgen um mich? — Annas Stimme zitterte. — Wer fragt mich, wie es mir geht? Ob ich genug schlafe, wenn ich jeden Abend bis Mitternacht arbeite? Ob ich überhaupt noch Kraft habe?

Lukas sah wortlos zur Seite.

— Genau, — sagte Anna, griff nach ihrer Tasche und wandte sich ab. — Ich geh eine Runde. Ich brauche Luft. Und ich muss nachdenken.

Draußen auf der Straße holte Anna ihr Handy hervor und rief ihre Freundin an.

— Sophie? Kann ich zu dir kommen? Ich muss mit jemandem reden, sonst platz ich.

Eine halbe Stunde später saß sie bereits in Sophies Küche, die Hände um ein Häferl Tee gelegt.

— Ich halte das nicht mehr aus, — sagte Anna und schüttelte den Kopf. — Seit acht Monaten bleibt alles an mir hängen. Und er tut nichts außer nörgeln und seine Mutter verteidigen.

— Und deine Schwiegermutter? Braucht sie wirklich Unterstützung? — Sophie sah sie ernst an.

— Genau das ist ja der Punkt. Sie braucht sie nicht. Ich hab da etwas herausgefunden.

Hedis Stube