— Hat Lukas Ihnen einen Schlüssel gegeben? — fragte sie kühl.
— Ich hab einen Ersatzschlüssel, — erwiderte Barbara und musterte ihre Schwiegertochter von oben bis unten. — Lukas hat mir von eurem Gespräch gestern erzählt. Ich bin hergekommen, weil wir ein paar Dinge klären müssen.
— Bitte, ich höre, — sagte Anna, zog ihre Jacke aus und setzte sich ihr gegenüber.
— Sie begehen einen gewaltigen Fehler, — begann Barbara mit strenger Stimme. — Lukas ist ein begabter Fachmann. Er darf sein Können nicht unter Wert verkaufen. Und Sie als seine Ehefrau haben die Pflicht, ihn in einer schwierigen Phase zu stützen.
— Acht Monate sind keine Phase mehr, — entgegnete Anna scharf. — Das ist schon ein Lebensstil.
— Unterbrechen Sie mich nicht, — presste Barbara hervor. — Ich habe einen wunderbaren Sohn großgezogen. Gescheit, gebildet, mit Zukunft. Er verdient eine Frau an seiner Seite, die ihn zu schätzen weiß, und keine, die jeden Cent umdreht.
— Aha. Also finden Sie es normal, dass ich allein arbeiten gehe, allein den Haushalt schupfe und nebenbei auch noch Sie mitfinanziere?
— Mich muss niemand erhalten! — fuhr Barbara beleidigt auf.
— Wozu brauchen Sie dann die monatlichen Überweisungen? — Anna nahm ihr Handy vom Tisch. — Soll ich Ihnen die Kontoauszüge zeigen? In acht Monaten waren das 1.200 Euro. Und Lukas hat in dieser Zeit keinen einzigen Cent verdient.
— Das ist die Fürsorge eines Sohnes für seine Mutter. So etwas verstehen Sie nicht, Sie haben eben andere Werte.
— Für mich bedeutet Familie, dass beide Verantwortung übernehmen, — sagte Anna und stand auf. — Nicht dieses Modell, das Sie Lukas eingeredet haben.
— Welches Modell soll das bitte sein? — Barbara sprang ebenfalls auf.
— Eines, in dem der Mann ein ewiges Kind bleibt. Ein Kind, das von Frauen bedient werden muss. Zuerst von der Mutter, später von der Ehefrau. Und beide sollen am besten still sein und alles hinnehmen.
— Wie können Sie es wagen, so mit mir zu reden!
— Ganz einfach: Ich hab genug von diesem absurden Theater. Lukas ist ein erwachsener Mann, benimmt sich aber wie ein verwöhnter Jugendlicher. Und Sie bestärken ihn auch noch darin.
— Ich beschütze meinen Sohn vor so einer… so einer…
— Sagen Sie es ruhig. Vor so einer geldgierigen Ehefrau? — Anna lächelte bitter. — Wissen Sie was? Ich bin heute befördert worden. Ich werde gut genug verdienen, um auch allein bequem leben zu können. Ohne einen Mann, den ich erhalten muss, und ohne eine Schwiegermutter, die das für selbstverständlich hält.
— Drohen Sie etwa mit Scheidung?
— Ich stelle nur fest, wie es ist. Wenn Lukas sich nicht ändert, reiche ich die Scheidung ein. Und glauben Sie mir, dann wird mein Leben leichter.
Barbara sagte kein Wort mehr. Sie raffte ihre Sachen zusammen und ging zur Tür. Erst dort drehte sie sich noch einmal um.
— Das werden Sie bereuen. Einen Mann wie meinen Lukas finden Sie nie wieder.
— Gott sei Dank, — murmelte Anna und machte hinter ihr die Tür zu.
Die folgenden Tage sind in einer eigenartigen Stille vergangen. Lukas rief nicht an, schrieb keine Nachricht und kam auch nicht nach Hause. Anna stürzte sich in die Arbeit und versuchte, die familiären Sorgen zumindest tagsüber aus ihrem Kopf zu verbannen.
Am Freitagabend läutete es. Als sie öffnete, stand Lukas vor der Tür, eine kleine Tasche in der Hand.
— Darf ich hereinkommen? — fragte er leise.
— Natürlich. Es ist auch dein Zuhause, — antwortete Anna und trat zur Seite.
Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Lukas sah zerknittert und erschöpft aus, als hätte er seit Tagen kaum geschlafen.
— Ich hab in den letzten Tagen viel nachgedacht, — begann er. — Und ich bin draufgekommen, dass du in vielen Punkten recht gehabt hast. Ich bin tatsächlich viel zu lang ohne Arbeit herumgesessen.
Anna schwieg. Sie wollte ihn nicht unterbrechen und ließ ihn weiterreden.
— Mama meint, ich soll auf das perfekte Angebot warten. Aber so ein perfektes Angebot gibt es wahrscheinlich gar nicht, oder? Und während ich warte, rackert du dich allein ab.
— Ich bin froh, dass du das einsiehst, — sagte Anna und nickte langsam. — Und wie stellst du dir das jetzt vor?
— Ich hab mich auf mehrere Stellen beworben. Keine Spitzenpositionen, aber ordentliche Jobs mit vernünftigem Gehalt. Für Montag hab ich schon zwei Vorstellungsgespräche ausgemacht.
— Das ist ein guter Anfang.
— Und noch etwas… Ich hab mit Mama gesprochen. Ich hab ihr gesagt, dass ich ihr kein Geld mehr überweise, solange ich selbst nichts verdiene. Sie war beleidigt, aber das ist ihr Problem.
Anna sah ihren Mann überrascht an. Hatte er sich wirklich gegen seine Mutter gestellt?
— Und was ist mit dem Satz, dass ein Sohn verpflichtet ist, für seine Mutter zu sorgen?
— Ist er auch. Aber nicht auf Kosten seiner Frau. Du hattest recht: Mama ist gut versorgt. Ich hab mich nur daran gewöhnt, jede finanzielle Verantwortung auf dich abzuwälzen.
— Lukas, ich bin befördert worden, — sagte Anna schließlich und teilte ihm endlich die Nachricht mit. — Ich werde jetzt Senior-Projektleiterin.
— Wirklich? Das ist großartig! — In seinem Gesicht zeigte sich echte Freude. — Du bist unglaublich. Du hast dir das verdient.
— Das heißt aber nicht, dass ich wieder alles allein tragen werde, — warnte Anna. — Ich will einen Partner. Keinen Menschen, den ich durchfüttern muss.
— Ich verstehe. Und ich werde mich bemühen, genau das zu sein. Gib mir eine Chance, das wieder in Ordnung zu bringen.
Anna betrachtete ihn aufmerksam. Sie versuchte einzuschätzen, ob diese Veränderung echt war oder nur aus Angst entstand. Die gemeinsamen Jahre hatten sie gelehrt, seine Stimmungen ziemlich genau zu lesen.
— Gut. Aber die Bedingungen bleiben dieselben. Du hast einen Monat Zeit, Arbeit zu finden. Und bis wir wieder sicher auf den Beinen sind, geht kein Euro an deine Mutter.
— Einverstanden, — sagte Lukas und streckte ihr die Hand hin. — Frieden?
— Das werden wir sehen, — erwiderte Anna, nahm seine Hand aber an. — Taten zählen mehr als Worte.
Am Montag ist Lukas tatsächlich zu seinen Vorstellungsgesprächen gegangen. Das erste lief nicht besonders gut, dort wurde eine andere Art von Erfahrung gesucht. Das zweite hingegen war vielversprechend.
