„Meine Mutter hat die Schatulle mitgenommen, während du nicht daheim warst“, sagte Lukas und tippte dabei auf seinem Handy herum, als würde er bloß nebenbei vom Wetter reden

Dieses heimliche Verschwinden wirkt verletzend und verräterisch.
Geschichten

Darin lagen drei Bilderbücher von Lena, ein Porzellantablett – das Tablett ihrer Mutter, auf dem sie früher immer den Kuchen aus der Küche hereingetragen hatte – und zwei Geschirrtücher.

„Das war das Tablett von meiner Mama“, sagte Anna. Ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor: trocken, flach und hart, wie die Oberkante eines Gartenzauns zwischen zwei Nachbarn.

„Ach, das hab ich nicht gewusst, Schatzerl. Wenn du willst, stell ich’s wieder hin.“

Barbara ging zurück in die Küche, legte das Tablett auf die Arbeitsfläche, nahm das Sackerl aber mit. Wegen der Bücher sagte Anna nichts. Hätte sie etwas gesagt, wäre wieder dieser Satz gekommen: „Ich hab doch nur helfen wollen.“ Und Anna spürte, dass in ihr etwas endgültig brechen würde, wenn sie das noch einmal hören musste.

„Deine Mutter war heute da, während ich nicht daheim war“, sagte sie am Abend zu Lukas. „In ihrem Sackerl war das Tablett von meiner Mama.“

„Sie hat’s ja zurückgestellt, oder?“ Lukas schaute sie nicht einmal an.

„Weil ich sie dabei erwischt hab.“

„Anna, bitte fang jetzt nicht damit an. Meine Mutter ist siebzig und allein. Daraus muss man keinen Krieg machen.“

„Ich mach keinen Krieg. Ich sag nur, sie könnte fragen, bevor sie Sachen aus meiner Wohnung mitnimmt.“

„Aus unserer Wohnung“, korrigierte Lukas sie – zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten. Und Anna merkte sofort: Diese Korrektur hatte nichts mit Gemeinsamkeit zu tun. Sie bedeutete nur, dass sie in allem, was angeblich ihnen beiden gehörte, weniger zu sagen hatte.

An einem Dienstagnachmittag machte sie Lenas Kasten auf. Der rosa Mantel fehlte. Die Stiefel waren weg. Ebenso drei Pullover.

„Mama hat sie mitgenommen“, sagte Lukas, noch bevor Anna fragen konnte. „Das Nachbarsmäderl braucht Sachen. Lena ist eh schon herausgewachsen.“

„Ist sie nicht.“

„Doch. Mama hat gesagt, bei den Schultern ist alles zu eng.“

„Lukas.“ Anna stand vor dem offenen Kasten, und ihre Kehle zog sich zusammen. „Den Mantel hab ich vor zwei Monaten gekauft. Der hat fast fünfzig Euro gekostet.“

„Trotzdem ist er ihr zu klein.“

„Nein. Der Mantel war von mir gekauft. Lena hat ihn geliebt. Gestern hat sie gefragt, wo er ist.“

„Und was hast du ihr gesagt?“

„Dass die Oma ihn mitgenommen hat. Weil es stimmt.“

Lukas stieß einen dieser Seufzer aus, die sagen sollten: Ich bin hier der einzige vernünftige Erwachsene.

„Anna. Meine Mutter meint es gut. Verstehst du das wirklich nicht?“

Anna verstand es sehr gut. Sie verstand, dass Barbara nicht gefragt hatte. Sie verstand, dass Lukas ihr nichts gesagt hatte. Und sie verstand auch, dass es längst nicht mehr um einen Mantel ging, sondern darum, dass sie in ihrem eigenen Haushalt nicht entscheiden durfte, was blieb und was verschwand. Sie machte den Kasten zu und ging abwaschen.

Dann kam das Nachtkasterl. An einem Sonntagabend zog sie die Lade auf, und die kleine Lederhülle war fort. Darin hatte die letzte Ansichtskarte ihrer Mutter gelegen – vom Balaton, aus dem Jahr 1998: „Mein liebes Mädel, das Wasser ist warm und der Sonnenuntergang wunderschön“ – und zwei Fotos: das Hochzeitsbild ihrer Mutter und ein gemeinsames, auf dem Anna fünf Jahre alt war, am Schoß ihrer Mutter saß und beide lachten.

„Keine Ahnung“, sagte Lukas am Telefon aus der Garage. „Du hast es sicher irgendwo anders hingelegt.“

„Hab ich nicht. Seit fünf Jahren liegt es in dieser Lade.“

„Dann hat Lena damit gespielt.“

„Lena macht das Nachtkasterl nicht auf, und das weißt du genau.“

Am anderen Ende blieb es still. Dann sagte Lukas:

„Ich frag meine Mutter.“

Eine halbe Stunde später rief er zurück. Seine Stimme klang leicht, viel zu leicht.

„Mama sagt, sie hat beim letzten Putzen die alten Zettel und Fotos zusammengeräumt, weil alles so unordentlich war. Sie hat sie bei sich. Dort sind sie sicher.“

„Ich hab sie nicht gebeten, bei uns zu putzen.“

„Sie wollte doch nur helfen.“

„In dieser Hülle war der letzte Brief meiner Mutter, Lukas. Auf ihrem Sterbebett hat sie mir ihren Ring gegeben, und dieser Ring war in der Schachtel, die deine Mutter gestern mitgenommen hat. Nennst du das auch Hilfe?“

Lukas schwieg. Als er wieder sprach, war seine Stimme leiser, vorsichtiger, als hätte er begriffen, dass das hier nicht wie sonst ablaufen würde.

„Es ist ja nichts weg. Mama passt darauf auf. Was ist also das Problem?“

Anna legte auf. Sie setzte sich auf die Bettkante und ließ die Hände in den Schoß sinken. Weinen konnte sie nicht. Sie dachte nur: Wenn ich schreie, heißt es, ich übertreibe. Wenn ich weine, heißt es, ich mache ein Drama. Wenn ich nichts sage, verschwindet morgen das Nächste. Also werde ich nicht schweigen. Aber schreien werde ich auch nicht. Ich werde etwas anderes tun.

Sie wartete, bis Lukas eingeschlafen war. Dann ging sie ins Wohnzimmer, knipste die Leselampe an und holte ein altes Heft hervor. Aus dem Gedächtnis begann sie eine Liste zu schreiben: alles, was ihr in den vergangenen drei Jahren als verschwunden aufgefallen war. Käse, Butter, Extrawurst – beinahe jede Woche, geschätzter Wert fünfzig bis sechzig Euro im Monat, in drei Jahren insgesamt fast zweitausendfünfhundert Euro.

Hedis Stube