„Meine Mutter hat die Schachtel mitgenommen, während du nicht daheim warst“ — Anna erstarrte, das Messer noch in der Hand

Dieses heimtückische Schweigen ist verletzend und beschämend.
Geschichten

„Meine Mutter hat die Schachtel mitgenommen, während du nicht daheim warst“, sagte Lukas und tippte dabei auf seinem Handy herum, als ginge es bloß um die Wettervorhersage.

Anna stand an der Küchenarbeitsplatte. In der Hand hielt sie ein Messer, vor ihr lag auf dem Schneidbrett ein halbierter Paprika. Lukas hatte den Satz nicht laut gesagt — gerade deshalb blieb ihre Hand mitten in der Bewegung stehen.

„Welche Schachtel?“, fragte sie leise und legte das Messer an den Rand des Brettes.

„Die mit dem Schmuck. Geh bitte, mach jetzt kein Drama draus. Sie passt nur darauf auf. Sie hat gemeint, bei uns gibt es keinen Safe, und die Kleine greift vielleicht hinein.“

Lena war sieben Jahre alt und hatte in ihrem ganzen Leben diese Schachtel nicht angerührt. Anna wusste das. Lukas wusste es genauso.

„Wann hat sie sie geholt?“, fragte Anna.

„Gestern. Oder vorgestern. Keine Ahnung, ich hab nicht so genau geschaut.“ Er hob kurz den Blick, sah ihr aber nicht in die Augen, sondern irgendwo knapp an ihrem Ohr vorbei. „Wieso? Gibt’s ein Problem?“

Anna betrachtete ihren Mann. Seit siebzehn Jahren kannte sie dieses Gesicht, und seit siebzehn Jahren hatte sie gelernt, wann es besser war zu reden — und wann Schweigen weniger wehtat.

„Nein“, sagte sie. „Es gibt kein Problem.“

Am selben Abend, als Lukas eingeschlafen war, ist sie aus dem Schlafzimmer geschlichen und hat im Wohnzimmer den Kasten geöffnet. Auf dem obersten Fach, hinter einem alten Schal, hatte sie die Schmuckschachtel versteckt gehalten — jedenfalls hatte sie sie dort aufbewahrt, solange es noch etwas aufzubewahren gab. Sie nahm die Schachtel hoch und schüttelte sie. Nichts. Aus dem Samtfutter stieg nur noch ein kaum merklicher Duft auf, das Parfum ihrer Mutter, das sich über Jahre darin festgesetzt hatte.

„Wirst du sie zurückverlangen?“, fragte sie Lukas am nächsten Morgen in der Küche.

„Was?“ Er starrte in seinen Kaffee.

„Den Schmuck. Von deiner Mutter.“

„Ich hab dir doch gesagt, sie verwahrt ihn nur. Warum, hast Angst darum?“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Meine Mutter stiehlt nichts, Anna.“

Sie stiehlt nichts. Anna hörte diese Worte, und in ihrer Brust drehte sich etwas langsam um, wie ein Schlüssel in einem alten Schloss. Denn genau dasselbe hatte Lukas schon vor drei Jahren gesagt, als er Barbara den Ersatzschlüssel zur Wohnung gegeben hatte.

„Falls einmal irgendwas ist, soll Mama hereinkönnen“, hatte er damals gemeint, und Anna hatte genickt. Was hätte sie sonst tun sollen? Der Schwiegermutter verweigert man keinen Schlüssel. Zumindest nicht in Lukas’ Welt.

Im ersten Monat ist gar nichts passiert. Im zweiten kam Anna von der Arbeit heim, und im Wohnzimmer hingen frisch gewaschene Vorhänge.

„Mama hat gesehen, dass sie schmutzig sind“, sagte Lukas beim Abendessen. „Sie wollte nur helfen.“

„Sie waren nicht schmutzig. Ich hab sie vor zwei Wochen gewaschen.“

„Herrgott, Anna. Sie hat die Vorhänge gewaschen. Kannst du dich nicht einmal freuen, wenn dir jemand unter die Arme greift?“

Anna gab keine Antwort. Sie dachte nur: Jemand ist hier hereingekommen, während ich nicht daheim war, und hat meine Sachen angegriffen. Aber sie sagte es nicht laut. Hätte sie es ausgesprochen, hätte Lukas gesagt, sie stelle sich hysterisch an. Und wenn sie schwieg, blieben die Vorhänge trotzdem gewaschen.

Dann kamen die Samstage. Barbara sperrte am Vormittag mit ihrem Schlüssel auf, ging mit Straßenschuhen durch den Vorraum und öffnete den Kühlschrank.

„Bei uns ist es ausgegangen, Schatzerl“, sagte sie lächelnd, während sie ihr Sackerl füllte. „Du kaufst ja eh wieder ein.“

Käse, Butter, drei Packungen Extrawurst, Sauerrahm. Woche für Woche. Anna rechnete mit: im Monat ungefähr fünfzig bis sechzig Euro, die einfach aus ihrem Kühlschrank verschwanden.

„Lukas, das waren allein heute rund dreizehn Euro“, sagte sie an so einem Samstagabend und hielt den Kassabon in der Hand.

„Das ist meine Mutter. In der Familie rechnet man nicht jedes Essen auf.“ Er sprach aus dem Fauteuil heraus, mit dieser Stimme, die klang wie ein Lehrer, der einem langsamen Kind etwas Selbstverständliches erklärt.

„Aber ich hab es von meinem Gehalt bezahlt.“

„Von unserem“, verbesserte er sie und drehte sich wieder zum Fernseher.

Anna blieb in der Küche stehen, den Kassabon noch immer zwischen den Fingern. Sie dachte: Jetzt gehe ich hinein und schreie. Aber sie ging nicht. Hätte sie geschrien, hätte Lukas nur gefragt: „Warum bist du so?“ — und danach hätte sie sich elender gefühlt als wegen des fehlenden Käses. Also begann sie, im Geschäft die doppelte Menge zu kaufen und einen Teil gleich in ein eigenes Sackerl zu geben, das Barbara ohnehin mitnehmen würde. Als sie merkte, was sie da dachte, zog sich ihr Magen zusammen. Sie begriff, dass sie bereits dabei war, den eigenen Verlust einzuplanen.

Einmal kam sie früher von der Arbeit heim. Es war halb zwei, im Stiegenhaus war es still. Sie sperrte die Wohnungstür auf, und Barbara stand im Vorraum, ein Sackerl in der Hand.

„Jössas, Schatzerl, du hast mich aber erschreckt!“ Barbara legte sich die Hand aufs Herz. „Ich hab nicht gedacht, dass du schon so früh kommst.“

„Was nimmst du mit?“, fragte Anna und sah auf das Sackerl.

„Nichts Besonderes. Ein paar Bücher, aus denen die Kleine herausgewachsen ist. Und da war noch so ein Tablett, das ihr ja sowieso nie verwendet.“

Anna richtete den Blick auf das Sackerl.

Hedis Stube