„Meine Mutter hat die Schachtel mitgenommen, während du nicht daheim warst“ — Anna erstarrte, das Messer noch in der Hand

Dieses heimtückische Schweigen ist verletzend und beschämend.
Geschichten

Lenas rosafarbener Mantel: fünfundvierzig Euro. Die Stiefel: fünfunddreißig. Drei Pullover: fünfundfünfzig. Lenas Bilderbücher: zwölf. Zwei Handtücher aus dem Bad: acht. Die Porzellanplatte: wieder aufgetaucht, aber der Versuch war dagewesen. Ein Kochtopf, den ihr ihre Mutter hinterlassen hatte: nicht zu beziffern. Die Ledermappe mit der Ansichtskarte und den Fotos: unbezahlbar. Der Inhalt der Schmuckschatulle – der Goldring, die silbernen Ohrringe, die Brosche: ebenfalls unbezahlbar.

„Eineinhalb Seiten“, sagte Anna laut in das leere Zimmer hinein und legte den Kugelschreiber weg.

Im Licht der Lampe schaute sie auf ihre eigene Schrift, und dabei hat sich etwas in ihr verschoben. Ihre Hände ballten sich nicht mehr zu Fäusten, in ihrem Hals brannte nichts. Stattdessen senkte sich etwas viel Leiseres auf ihre Brust, ein Satz, der von innen kam und den sie gar nicht aussprechen musste: Also das war es.

„Katharina?“, sagte sie am nächsten Vormittag ins Telefon. Seit zwanzig Jahren kannten sie einander. Katharina war Anwältin für Familienrecht, eine Frau, die am Wochenende Weichselkuchen buk und unter der Woche Scheidungsanträge formulierte. „Könntest du mir bei etwas helfen?“

„Natürlich. Was ist los?“ Katharinas Stimme war sofort wach, so wie immer, wenn sie merkte, dass es ernst wurde.

Anna erzählte es ihr. Ohne Eile, ohne übertriebene Dramatik. Sie zählte die einzelnen Dinge auf, die Zeiträume, die Beträge in Euro.

Katharina hörte bis zum Ende zu. Dann sagte sie:

„Fotografier das Heft. Jede Seite, alles, was du notiert hast.“

„Mach ich.“

„Und mach Fotos von den leeren Laden, vom leeren Kasten, von der Schachtel, von jeder Stelle, an der etwas fehlt. Falls du ältere Bilder hast, auf denen man die Sachen sieht – Lena in dem Mantel, du mit dem Schmuck, egal was –, such sie zusammen.“

„In Ordnung.“

„Druck außerdem die Kontoauszüge vom letzten halben Jahr aus. Die Wocheneinkäufe stehen dort drauf. Dann können wir ausrechnen, wie viel du für Lebensmittel ausgegeben hast, die regelmäßig aus dem Kühlschrank verschwunden sind.“

„Ich verstehe.“

„Und Anna?“ Katharinas Stimme wurde nun weicher, aber nicht mitleidig. Eher genau, wie jemand, der Koordinaten durchgibt. „Lass das Schloss austauschen.“

„Meinst du das ernst?“

„Dein Name steht ebenfalls im Mietvertrag. Du bist nicht verpflichtet, einer dritten Person einen Schlüssel zu deiner Wohnung zu überlassen. Was da passiert ist, ist keine Hilfe und auch keine Fürsorge. Juristisch reden wir von unbefugtem Betreten und von der Wegnahme fremden Eigentums.“

Anna stand in der Küche und hielt das Handy fest ans Ohr. An der Kühlschranktür hing Lenas Zeichnung: ein Haus, darin eine Familie – Mama, Papa, kleines Mädchen –, und rund um das Haus ein Zaun.

„Den Schlüsseldienst schicke ich dir“, sagte Katharina. „Heute Nachmittag, um drei. Das Ganze kostet ungefähr sechzig Euro.“

„Gut.“

„Und sag Lukas nichts. Niemandem. Tu es einfach.“

Anna beendete das Gespräch. Sie blieb vor dem Kühlschrank stehen, betrachtete Lenas Haus mit dem Zaun und dachte: Du hast recht, mein Mädchen. Ein Haus braucht einen Zaun.

Der Schlosser kam schon um halb drei. Ein junger Bursch, wortkarg und flink. Anna stand im Vorzimmer und sah zu, wie er den alten Schließzylinder herausnahm und den neuen einsetzte. Mehr als zwei Minuten hat es nicht gedauert.

„Bitte sehr, zwei Schlüssel“, sagte der Bursch und legte sie auf den Tisch. „Mit dem alten lässt sich die Tür nicht mehr aufsperren.“

Zwei Minuten – und etwas, das drei Jahre lang offen gestanden hatte, war plötzlich verschlossen. Anna bezahlte bar, aus ihrer eigenen Geldbörse. Die neuen Schlüssel rochen nach Metall und waren kalt. Sie steckte beide in ihre Jackentasche. Den alten Schlüssel legte sie in ein Kuvert und schrieb darauf: „Ungültig.“ Dann schob sie das Kuvert in die Lade, direkt neben das Heft.

Am Nachmittag fotografierte sie die ganze Wohnung ab. Die leere Schmuckschatulle, aufgeklappt auf dem Regal. Die Lade des Nachtkästchens, in der früher die Ledermappe gelegen hatte. Lenas Kasten, wo an der Stelle des Mantels nur noch ein leerer Kleiderbügel hing. Sie druckte die Kontoauszüge aus und unterstrich die Wocheneinkäufe mit rotem Stift: zwanzig bis fünfundzwanzig Euro jedes Mal, von denen regelmäßig die Hälfte aus dem Kühlschrank verschwunden war. Alles nahm sie auf, jedes Detail, und schickte die Fotos an Katharina.

„Ist angekommen“, schrieb Katharina am Abend zurück. „Morgen stelle ich das Aufforderungsschreiben zusammen. Bis dahin: Stille.“

Anna wollte ohnehin nicht reden. Ihre Schultern fühlten sich lockerer an als seit Wochen, und im Schlaf presste sie die Zähne nicht mehr aufeinander. Die zwei neuen Schlüssel drückten in ihrer Tasche. Das genügte.

Zwei Tage später kam Lukas früher heim als sonst. Er rief aus dem Stiegenhaus an.

„Die Tür geht nicht auf“, sagte er ins Telefon.

„Ich habe das Schloss tauschen lassen“, antwortete Anna. „Ich komme runter und lasse dich hinein.“

Unten im Stiegenhaus stand Lukas mit seiner Tasche, das Gesicht gerötet.

„Warum hast du das Schloss austauschen lassen? Das ist auch meine Wohnung.“

„Ich weiß. Deshalb bekommst du einen Schlüssel.“ Anna drückte ihm einen der neuen Schlüssel in die Handfläche. „Deine Mutter bekommt keinen.“

Hedis Stube