Michael starrte auf den Schlüssel in seiner Handfläche, als wüsste er nicht recht, was er da eigentlich hielt.
„Drei Jahre lang hat sie einen Schlüssel zu dieser Wohnung gehabt“, sagte Anna. Ihre Stimme blieb ruhig, beinahe so gleichmäßig wie der Zeiger einer Waage. „In dieser Zeit hat sie immer wieder unseren Wocheneinkauf aus dem Kühlschrank mitgenommen. Lenas Mantel, ihre Stiefel, drei Pullover und ihre Bilderbücher. Sie hat Briefe meiner Mutter eingepackt, Fotos, Schmuck. Nie hat sie gefragt. Und du hast jedes einzelne Mal gesagt: Meine Mutter meint es doch nur gut.“
Michael zog die Schultern hoch. Anna kannte diese Bewegung. Gleich würde wieder kommen, dass sie übertreibe.
„Jetzt“, sagte sie, noch bevor er den Mund aufmachen konnte, „gibt es eine genaue Aufstellung von allem, was hier aus der Wohnung verschwunden ist. Ich habe den leeren Kasten fotografiert, die leere Schachtel, die leere Lade. Die Kontoauszüge habe ich ausgedruckt. Die Liste samt Belegen liegt bei meiner Anwältin.“
„Anwältin?“ Michaels Gesicht veränderte sich, als hätte ihm jemand die Luft aus der Brust genommen. „Anna, bitte. Das ist meine Mutter. Das ist eine Familiensache.“
„Nein“, sagte Anna. „Das war einmal eine.“
Schweigend gingen sie hinauf in die Wohnung. Michael stellte seine Tasche im Vorzimmer ab und blieb dort stehen, als wüsste er nicht, in welches Zimmer er gehen sollte.
„Das meinst du nicht ernst“, sagte er leise.
„Deine Mutter hat den Ring meiner Mutter mitgenommen“, antwortete Anna. Ihre Stimme zitterte nicht. Sie hätte gern gezittert, weil es leichter gewesen wäre, weil Zittern etwas Menschliches gehabt hätte. Aber ihre Hände blieben still, und in ihrer Brust hielt sie dieses kalte, klare Gefühl aufrecht, das seit Tagen in ihr wohnte und nicht mehr verschwinden wollte. „Meine Mutter hat ihn sich auf dem Sterbebett vom Finger gezogen und mir in die Hand gedrückt. Und du hast gesagt: Sie hebt ihn nur auf. Sag mir, Michael, was soll das bedeuten?“
Michael gab keine Antwort. Er ging ins Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich zu. Anna hörte, dass er telefonierte – natürlich mit seiner Mutter. Zuerst sprach er gedämpft, dann lauter, dann wieder gepresst und leise. Sie ging nicht hin, um zu lauschen. Sie setzte sich zurück in den Fauteuil und nahm ihr Buch. Was sie gelesen hatte, wusste sie später nicht mehr. Es war auch völlig gleichgültig.
Barbara läutete am nächsten Morgen um neun. Anna öffnete die Wohnungstür, machte aber keinen Schritt zur Seite.
„Meine Liebe“, sagte Barbara und lächelte. Es war dieses Lächeln, mit dem sie seit zwanzig Jahren alles geglättet, erklärt und für sich entschieden hatte. „Michael hat mir gesagt, dass es ein Missverständnis gibt. Ich wollte doch nur helfen. Du weißt ja, ich helfe immer.“
„Ich weiß“, erwiderte Anna. „Diesmal kannst du helfen, indem du alles zurückbringst, was du mitgenommen hast.“
An Barbaras Lächeln zuckte der Rand, wie ein feiner Sprung in einer Porzellantasse.
„Aber das waren doch nur ein paar Kleidungsstücke und diese kleine Schachtel. Ich habe es aufgehoben, bis die Kleine größer ist, und —“
„Die Liste ist bei meiner Anwältin“, unterbrach Anna sie. „Darauf steht jeder einzelne Gegenstand, mit Datum und geschätztem Wert. Zusammen sind das mehr als tausend Euro, und dabei sind die Schmuckstücke noch gar nicht eingerechnet. Deren Wert kann ich nicht in Euro ausdrücken.“
Barbaras Lächeln verschwand. Zurück blieb etwas Härteres, etwas, das Anna bisher nur hinter all der angeblichen Hilfsbereitschaft geahnt hatte.
„Anna, das ist lächerlich. Ich habe nichts gestohlen. Wir sind Familie.“
„Du hast ohne meine Zustimmung Vermögensgegenstände aus einer Wohnung entfernt, die du regelmäßig betreten hast, ohne dass ich davon wusste“, sagte Anna. Sie wusste, dass dieser Satz von Claudia stammte. Aber inzwischen gehörte er auch ihr, weil sie ihn gelernt hatte und weil er stimmte. „Das Schloss ist ausgetauscht. Einen Schlüssel bekommst du nicht mehr. Die Sachen erwarte ich noch diese Woche zurück.“
Barbara sah sie einen Augenblick lang an. In diesem Blick erkannte Anna alles: die Überraschung, die Wut, das Rechnen im Kopf – und zuletzt, ganz schwach, das Begreifen, dass es diesmal nicht so laufen würde wie bisher.
„Sieht Michael das auch so?“, fragte Barbara. Ihre Stimme war schmal geworden, scharf wie eine Klinge.
„Ich sehe das so“, sagte Anna. „Und in diesem Punkt ist es egal, was Michael denkt.“
Barbara drehte sich um und ging. Sie schlug die Tür zum Stiegenhaus nicht zu. Sie zog sie langsam und sorgfältig hinter sich ins Schloss, und gerade das war schlimmer als jedes Krachen.
Am Abend, nachdem Lena eingeschlafen war, ging Anna durch die Wohnung und löschte, wie jeden Abend, ein Licht nach dem anderen. In der Küche blieb sie stehen, zog eine Lade auf und nahm das Kuvert mit dem alten Schlüssel heraus. Einen Moment lang lag er in ihrer Handfläche. Er war abgenützt, an den Kanten glatt gerieben von all den Jahren.
Dann warf sie ihn in den Mistkübel, zwischen Kaffeesud und Zwiebelschalen.
Sie ging zur Eingangstür, steckte den neuen Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Es klickte leise, fest und endgültig – so, wie Stille in einem Zimmer Platz nimmt, wenn alle gegangen sind.
