„Wohin willst du jetzt?“ Maximilians Stimme hat so beiläufig geklungen, als würde er mich fragen, welche Semmel er beim Bäcker mitnehmen soll.
Mit der Handtasche in der Hand bin ich an der Wohnungstür stehen geblieben. Er lag halb auf dem Sofa, völlig entspannt, und wischte auf seinem Tablet herum. Nicht einmal den Blick hat er gehoben.
„Zu einem Termin mit dem Anwalt“, habe ich möglichst ruhig gesagt. „Ich hab’s dir gestern erzählt.“
„Aha, stimmt ja.“ Erst da schaute Maximilian zu mir auf. In seinen Augen huschte etwas auf, das mir augenblicklich den Wunsch gab, mich einfach umzudrehen und so schnell wie möglich zu verschwinden. „Aber bleib nicht zu lang weg. Mama kommt zum Mittagessen, da muss noch etwas gekocht werden.“
Mama. Elisabeth. Meine Schwiegermutter, die es in acht Jahren Ehe nicht geschafft hat, mich von sich aus zu grüßen. Dafür beherrschte sie die Kunst, an allem herumzumäkeln, geradezu meisterhaft: an meiner Frisur, an meiner Kleidung, sogar daran, wie ich die Handtücher im Kasten zusammenlegte.

„Maximilian, ich komme erst am Abend zurück. Nach dem Termin muss ich noch ins Büro und Unterlagen unterschreiben.“
Er legte das Tablet beiseite. Langsam. Mit Absicht.
„Welche Unterlagen?“
„Die für den Verkauf meines Anteils an der Firma. Ich hab dir davon erzählt.“
Für einen Moment war es still. Maximilian starrte mich an, als hätte ich plötzlich Chinesisch gesprochen.
„Hör zu, Anna, deine Spielerei als Geschäftsfrau ist ja ganz nett“, sagte er und verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. Dieses Geräusch, dieses kleine verächtliche Schnauben, ließ mich den Griff meiner Tasche fester umklammern. „Aber die Familie geht vor. Mama hat sich extra Zeit genommen, um vorbeizukommen. Kannst du deine Sachen nicht verschieben?“
Ich habe nichts darauf erwidert. Ich habe mich nur umgedreht und bin hinausgegangen. Die Tür fiel hinter mir lauter ins Schloss, als ich es beabsichtigt hatte.
Im Lift zog ich mein Handy heraus. Eine Nachricht von Lukas, meinem Geschäftspartner, wartete bereits: „Die Käufer wollen den Abschluss heute erledigen. 120.000 € werden direkt nach der Unterschrift überwiesen. Bitte Uhrzeit bestätigen.“
Hundertzwanzigtausend Euro. Für meinen Anteil an jener IT-Firma, die Lukas und ich vor sechs Jahren gegründet hatten. Damals hatte ich meine letzten Ersparnisse in das Start-up gesteckt — 3.000 €, die ich noch vor der Hochzeit zur Seite gelegt hatte. Maximilian hatte damals nur gelacht: „Na dann, amüsier dich halt. Du wirst ohnehin damit einfahren.“
Wir sind nicht eingefahren. Ganz im Gegenteil. Vor drei Jahren begann die Firma, verlässlich Gewinn abzuwerfen. Ich habe nachts gearbeitet, während Maximilian geschlafen hat, Abläufe aufgebaut, Kundinnen und Kunden gesucht, Verträge vorbereitet. Für ihn blieb es trotzdem ein Hobby. Eine kleine Laune von mir, nichts Ernstzunehmendes.
Der Termin beim Anwalt war schneller vorbei, als ich erwartet hatte. Alles war sauber vorbereitet, die Unterlagen waren vollständig, der Verkauf rechtlich einwandfrei. Lukas hatte bereits einen neuen Partner gefunden, der meinen Anteil übernehmen wollte. Die 120.000 € waren ein fairer Preis. Wahrscheinlich hätte ich noch verhandeln und mehr herausholen können. Aber ich wollte diesen Abschnitt endlich abschließen und weitergehen.
„Anna, bist du dir wirklich sicher?“ Lukas sah mich ernst an. „Die Firma wächst. In einem Jahr könnte dein Anteil das Doppelte wert sein.“
„Ich bin sicher“, antwortete ich und lächelte. „Ich brauche das Geld jetzt. Verfügbares Geld, verstehst du?“
Er nickte nur. Nachfragen stellte er keine. Wir hatten lange genug zusammengearbeitet, damit er wusste: Wenn ich eine Entscheidung getroffen hatte, dann gab es dafür Gründe.
In der Bankfiliale unterschrieb ich um drei Uhr nachmittags das letzte Formular. Die Beraterin lächelte mich mit professioneller Höflichkeit an.
„Der Betrag sollte innerhalb einer Stunde auf Ihrem Konto sein. Möchten Sie vielleicht gleich ein Festgeldkonto eröffnen? Die Konditionen sind derzeit wirklich attraktiv.“
„Nein, danke. Vorerst bleibt das Geld einfach am Konto.“
Als ich wieder auf der Straße stand, fühlte es sich seltsam an. So, als hätte ich einen schweren Rucksack abgenommen, den ich jahrelang mit mir herumgeschleppt hatte. Die Firma war mein Stolz gewesen, mein eigenes Werk. Gleichzeitig war sie zu einem Anker geworden, der mich an ein Leben band, das sich schon lange nicht mehr wie meines anfühlte.
Das Handy vibrierte. Eine Nachricht der Bank erschien auf dem Display: „Gutschrift: 120.000,00 €.“
Hundertzwanzigtausend Euro auf meinem persönlichen Konto. Auf einem Konto, von dessen Existenz Maximilian keine Ahnung hatte. Als ich es vor drei Jahren eröffnet hatte, hatte er nur gesagt: „Wozu brauchst du eine eigene Karte? Wir haben doch ein gemeinsames Budget.“ Ein gemeinsames Budget, über das er bestimmte. Und das seine Mutter jeden Monat kontrollierte, weil eine „junge Familie lernen muss, sparsam zu sein“.
Ich setzte mich in ein Kaffeehaus gegenüber der Bank. Bestellte einen Cappuccino und ein Croissant. Dann saß ich einfach da, schaute durch die Scheibe auf die winterliche Stadt und auf die Menschen, die eilig ihren Wegen nachgingen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich das Gefühl, wieder frei atmen zu können.
Nach Hause kam ich um acht Uhr am Abend. Schon im Vorzimmer hörte ich Stimmen aus dem Wohnzimmer: Maximilian und Elisabeth.
„Ich hab dir ja gleich gesagt, dass sie keine passende Partie ist“, sagte meine Schwiegermutter ohne jede Scheu. „Ihr fehlt es an Erziehung und an Verständnis.“
