— Und warum sitzt meine Tochter nicht bei euch am Tisch? — fragte mein Vater, kaum dass er mit einem ganzen Arm voll Geschenke über unsere Schwelle getreten war.
Der Tisch hat sich unter den Salaten gebogen, für die ich seit sechs Uhr in der Früh in der Küche gestanden bin. Der Christbaum hat geleuchtet. Nur ich selbst war an diesem Tisch nicht zu finden.
— Ich hab sie hinausgeworfen, — sagte mein Mann mit einem schiefen Grinsen. — Sie macht meine Mutter narrisch.
Meine Schwiegermutter saß daneben, als hätte sie gerade einen wichtigen Sieg errungen. Nicht einmal zum Grüßen ist sie aufgestanden. Mein Vater, sonst ein ruhiger, leiser Mensch, zog wortlos sein Handy heraus. Was er in der nächsten Minute tat, ließ das Lächeln aus Hedwigs Gesicht für immer verschwinden.
Zwei Tage davor, am Morgen des 29. Dezember, bin ich von hartnäckigem Stupsen gegen meine Schulter wach geworden. Lukas rüttelte an mir und verlangte, ich solle sofort aufstehen und mich fertigmachen, weil wir zum Bahnhof müssten. Seine Mutter Hedwig geruhte nämlich, aus der Provinz anzureisen, um Silvester bei uns zu verbringen. Und wie mein Mann mir erklärte, während er sich hastig den Pullover überzog, gehöre es sich für eine ordentliche Schwiegertochter, die Mutter ihres Mannes persönlich in Empfang zu nehmen.

Ich blinzelte auf die Uhr: halb acht in der Früh. Draußen war es noch finster, und der Zug sollte erst um halb zehn ankommen.
— Lukas, wir schaffen es doch locker in einer halben Stunde hin, oder? — versuchte ich, an seinen Hausverstand zu appellieren.
Aber er hetzte bereits durch die Wohnung und sammelte Sachen zusammen, mit einer Wichtigkeit, als würde er nicht seine Mutter, sondern höchstpersönlich den Finanzminister begrüßen.
Vierzig Minuten später standen wir im vorweihnachtlichen Verkehr am Donaukanal, und wieder einmal fiel mir auf, mit welcher Ehrfurcht Lukas von seiner Mutter sprach, als handle es sich bei ihr um ein Wesen aus einer höheren Sphäre. In drei Jahren Ehe hatte ich Hedwig gründlich kennengelernt: sechsundfünfzig Jahre alt, Ökonomin in einer Baufirma, zweimal pro Woche im Schwimmbad, regelmäßig auf Urlaub in der Türkei — und trotzdem nutzte sie jede Gelegenheit, um über ihre angeblich schwache Gesundheit zu klagen.
Am Bahnsteig erschien Hedwig mit feierlicher Miene, als wäre sie soeben von einer Raumstation zurückgekehrt, und musterte mich abschätzig.
Dann hat sie nur knapp genickt, als hätte sie meinen abgekämpften Zustand amtlich zur Kenntnis genommen. Lukas ist sofort auf seine Mutter zugestürzt und hat sie umarmt, als wäre sie jahrelang verschollen gewesen. An mich hat er in dem Moment natürlich nicht gedacht; mir sind bloß die zwei riesigen Sackerln mit „echten Naturprodukten“ vom Land geblieben, als hätten bei uns in der Stadt sämtliche Geschäfte zugesperrt.
Schon im Auto war die altbekannte Rangordnung wiederhergestellt. Hedwig thronte vorne auf dem Beifahrersitz, ich habe mich hinten hineingezwängt, und Lukas hat nach der ersten Klage seiner Mutter über den Luftzug durchs angelehnte Fenster sofort die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht.
„Bub, du weißt doch, dass meine Gesundheit nicht aus Eisen ist“, hat Hedwig gedehnt gesagt. In Gedanken habe ich mir ein Hakerl gemacht: Die erste Trumpfkarte war ausgespielt, noch bevor wir überhaupt daheim waren.
Unsere Wohnung am linken Donauufer, eine großzügige Dreizimmerwohnung mit Blick aufs Wasser, hat sie mit dem Duft von frischem Gebäck und Tannengrün empfangen. Ich hatte den ganzen Vorabend geputzt und alles auf Hochglanz gebracht. Hedwig aber ist durch die Zimmer geschritten wie eine amtliche Kontrollstelle, hat mit dem Finger über die Karniese gefahren und feierlich verkündet, dass Staub vorhanden sei. Lukas lag da bereits mit dem Handy auf dem Sofa und tat so, als ginge ihn das alles nicht das Geringste an.
„Anna, warum wirken eure Vorhänge denn so ausgebleicht? Und der Parkett knarrt auch an manchen Stellen. Früher haben Frauen halt noch ordentlich auf ihr Zuhause geschaut.“
In der Küche hat Hedwig dann Stellung bezogen: auf dem Hocker beim Fenster, strategisch perfekt, um jede meiner Bewegungen zu überwachen. Während ich das Mittagessen vorbereitet habe, bin ich mir vorgekommen wie ein Versuchstier im Labor. Nichts blieb unkommentiert. Das Hendl zerlegte ich angeblich völlig falsch, die Paradeiser seien viel zu wässrig, Pfeffer hätte ich hineingeschüttet, als kämen drei Familien zum Essen, und als ich die Gurken für den Salat schnitt, kam hinter mir ein schwerer Seufzer.
„Bei meiner Nachbarin Rosi, da ist die Schwiegertochter ein richtiges Goldstück. Und kochen kann sie auch.“
„Die kocht so, dass man sie gar nimmer vom Tisch wegbringt. Und ihre Wohnung – blitzblank, wie in einem Museum. Mit der Rosi versteht sie sich außerdem, als wär sie ihre eigene Tochter.“
Ich habe mir auf die Zunge gebissen und mich stur auf das Schneiden vom Gemüse konzentriert. Lukas ist nach wie vor im Wohnzimmer gehockt und hat so getan, als wäre er plötzlich schwerhörig geworden. Beim Mittagessen hat Hedwig ihre Vergleichsstudie über sämtliche Schwiegertöchter weit und breit fortgesetzt. Das Ergebnis war eindeutig: Ich bin in jeder einzelnen Disziplin hoffnungslos durchgefallen. Nach der Nachspeise bin ich unter dem Vorwand, das Geschirr abzuwaschen, in die Küche geflüchtet. Für einen winzigen Moment habe ich die Augen zugemacht und mir vorgestellt, Hedwig säße schon wieder im Zug zurück. Vierzehn Tage, habe ich mir vorgesagt. Nur vierzehn Tage. Das steht man irgendwie durch.
Am nächsten Morgen, dem 30. Dezember, bin ich vom Klappern der Kühlschranktür wach geworden. Hedwig hat offenbar eine Bestandsaufnahme unserer Vorräte durchgeführt. Als ich in die Küche gekommen bin, stand sie mit meinem Notizheft in der Hand da, genau auf der Seite mit der Überschrift „Silvestermenü“.
„Anna, was hast denn du da zusammengeschmiert? Olivier-Salat, Hering im Schichtsalat, griechischer Salat … das schaut ja aus wie in einer Werkskantine! Wo ist die Sulz? Wo ist was Eingemachtes? Wo ist ein g’scheiter hausgemachter Schweinsbraten?“
Noch bevor ich etwas sagen konnte, hat sie sich einen Kugelschreiber geschnappt und begonnen, meine Liste wütend durchzustreichen. An die Stelle meiner Gerichte setzte sie ihre eigenen Vorstellungen.
„Hedwig, ich hab die Sachen dafür aber schon eingekauft“, habe ich vorsichtig eingeworfen.
Sie hat nur mit der Hand gewedelt, als würde sie eine lästige Fliege verscheuchen.
„Griechischer Salat zu Silvester – was soll denn das für eine Mode sein? Deinen Truthahn streichen wir, stattdessen gibt’s Gans mit Äpfeln. Sulz muss unbedingt sein. Krapferl oder Piroggen in mindestens drei Sorten. Und keinen gekauften Kaviar, so weit kommt’s noch – Melanzani-Aufstrich machen wir selber.“
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