Aus. Pack deine Sachen zusammen. Meine Mutter zieht mit der Verwandtschaft bis Neujahr hier ein, und keiner von ihnen ist besonders begeistert von dir.
Die Wohnung hatte Anna von ihren Eltern geerbt. Es waren zwei Zimmer in einem alten Ziegelhaus, im vierten Stock. Die Fenster gingen in den Innenhof hinaus, wo Pappeln standen und ein paar Bänke aneinandergereiht waren. Ihre Eltern hatten alles ordentlich hinterlassen, und ein halbes Jahr später war die Immobilie offiziell auf Anna übergegangen.
Sie ließ sämtliche Unterlagen auf ihren Namen umschreiben, bekam den Grundbuchsauszug und gewöhnte sich nach und nach an den Gedanken, dass diese vier Wände nun wirklich ihr Zuhause waren.
Lukas heiratete sie ein Jahr nach der Erbschaft. Die Feier blieb klein, ohne unnötigen Trubel und ohne Gäste, die man nur aus Pflichtgefühl einlädt. Danach zog Lukas zu Anna. Seine Einzimmerwohnung am Stadtrand verkaufte er, das Geld legte er auf ein Sparbuch beziehungsweise ein Bankkonto.
Ihr gemeinsames Leben verlief ruhig. Es gab keine großen Glücksmomente, aber auch keine heftigen Streitereien. Lukas arbeitete bei einer Baufirma und blieb oft bis spät am Abend im Büro oder auf Baustellen hängen. Anna war in der Buchhaltung eines kleinen Unternehmens beschäftigt, kam früher heim und kochte das Abendessen.

Die ersten Monate als Ehepaar sind friedlich vergangen. Lukas mischte sich nicht in den Haushalt ein und versuchte auch nicht, in der Wohnung irgendetwas nach seinem Geschmack umzukrempeln. Anna ließ alles so, wie sie es gewohnt war: die Fotos ihrer Eltern an den Wänden, das alte Buffet mit dem Geschirr darin, die vertrauten Kleinigkeiten an ihren Plätzen. Ihr Mann hatte nichts dagegen.
Mit der Zeit tauchte allerdings ihre Schwiegermutter immer öfter auf. Barbara kam einmal in der Woche vorbei, manchmal sogar häufiger. Sie brachte Sackerl voller Lebensmittel mit, trat ein, ohne lange zu läuten, und musterte die Wohnung mit einem prüfenden, fast schon bohrenden Blick. Anna bemühte sich, höflich zu bleiben. Sie bot Tee an, hörte sich Ratschläge an und schluckte vieles hinunter.
„Irgendwer sollte endlich auch einmal an deinen Mann denken“, bemerkte Barbara, während sie das Wohnzimmer betrachtete. „Lukas wird in dieser kalten Wohnung ja ganz erschöpft. Da gehören Vorhänge her. Und eine freundlichere Tapete würde auch nicht schaden.“
Anna sagte nichts. Diese Wohnung gehörte ihr. Sie war das Zuhause ihrer Eltern gewesen. Sie hatte weder vor, Tapeten herunterzureißen, noch Vorhänge auszutauschen oder sonst irgendetwas zu verändern. Aber streiten wollte sie ebenso wenig. Es war einfacher, nur zu nicken und still zu bleiben.
„Alles hat sie von ihren Eltern bekommen, aber ein richtiges Heim daraus machen kann sie trotzdem nicht“, fuhr Barbara fort und zog ein Glas Marmelade aus einem Sackerl. „Lukas arbeitet Tag und Nacht, und wenn er heimkommt, empfängt ihn Kälte und Leere.“
Unter dem Tisch ballte Anna die Hand zur Faust. Dennoch antwortete sie ruhig:
„Lukas hat sich nie beschwert.“
„Lukas beschwert sich nie, so ist er eben“, seufzte die Schwiegermutter. „Aber eine Mutter sieht, wenn es ihrem Kind nicht gutgeht.“
Kind. Lukas war zweiunddreißig Jahre alt, doch für Barbara blieb er offenbar noch immer ihr kleiner Bub. Anna hatte gelernt, solche Sätze an sich abprallen zu lassen. Zuhören, nicken, danach weitermachen wie bisher.
Lukas selbst bemerkte gar nicht, wie seine Mutter die Stimmung im Haus langsam vergiftete. Im Gegenteil, es gefiel ihm, wenn Barbara kam. Fürsorge, Essen, Aufmerksamkeit – all das, wovon er als Kind zu wenig bekommen hatte. Sein Vater war früh verschwunden, seine Mutter hatte ihn allein großgezogen, zwei Jobs gehabt und den Buben oft bei Nachbarn lassen müssen.
Nun versuchte Barbara offenbar, alles Versäumte nachzuholen. Jeden Abend rief sie ihren Sohn an, fragte nach, gab Ratschläge, machte sich Sorgen. Manchmal schnappte Anna einzelne Satzfetzen auf:
„Mama, es passt alles, mach dir keine Gedanken.“
„Lukas, du weißt, ich denke doch nur an dich.“
„Ja, Mama, ich versteh schon.“
Anna mischte sich nicht ein. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte mit den Eltern, seine eigenen Gewohnheiten und Verletzungen. Wichtig war nur, dass diese Bindungen das Eheleben nicht störten.
Der Herbst hatte inzwischen endgültig die Oberhand gewonnen. Es wurde kälter, Regen fiel immer häufiger, und die Tage wirkten grau und schwer. Anna holte die warmen Sachen aus dem Kasten, tauschte die leichten Sommerdecken gegen winterliche Überwürfe aus und stellte Kerzen auf die Fensterbank. Es waren kleine Dinge, aber gerade sie machten eine Wohnung behaglich.
Der Dezember rückte näher. Anna begann an Silvester zu denken. Sie hätte gern eine kleine Feier vorbereitet, ein paar Freunde eingeladen und die Wohnung geschmückt. Kein großes Spektakel, keine laute Gesellschaft – nur ein gemütlicher Abend mit Menschen, die ihr nahestanden.
Lukas wurde in dieser Zeit immer bedrückter. Wenn er heimkam, schwieg er, starrte auf sein Handy und wirkte abwesend. Anna fragte mehrmals, ob etwas passiert sei, doch ihr Mann winkte jedes Mal nur ab.
„Alles in Ordnung. Ich bin nur müde.“
Eines Abends, während sie beim Abendessen saßen, sprach Lukas schließlich doch.
„Mama und die anderen wollen den Jahreswechsel in der Stadt verbringen. Sie haben nirgends Platz, und wir sind ja nur zu zweit. Bei uns könnten sie unterkommen.“
Anna hob den Kopf von ihrem Teller. Die Gabel blieb mitten in der Luft stehen.
„Alle? Von wie vielen Leuten reden wir da?“
Lukas zuckte mit den Schultern, ohne den Blick von seinem Teller zu lösen.
„Na ja, Mama, Tante Claudia, mein Neffe, Felix und Laura. So ungefähr sechs Personen, nicht mehr.“
„Sechs Leute? In einer Zweizimmerwohnung?“
„Nicht lange. Nur vom 31. Dezember bis zum 2. Jänner. Was ist daran so schlimm?“
Anna legte die Gabel langsam neben den Teller.
„Lukas, das ist meine Wohnung.“
