Da drang aus dem Kinderzimmer Maximilians Stimme zu uns herüber:
„Anna! Er muss groß. Kommst du?“
„Ich geh schon“, sagte Papa sofort und machte sich auf den Weg.
„Papa, nein, ich kann doch …“
„Du bleibst sitzen und ruhst dich aus“, unterbrach er mich in einem Ton, der keinen Widerspruch zugelassen hat.
Ich hörte, wie Papa mit Lukas sprach, dann das Plätschern von Wasser im Bad. Kurz darauf kamen gedämpfte Männerstimmen aus dem Gang. Maximilian redete schnell auf ihn ein, als müsste er irgendetwas erklären, während Papa nur knapp, ruhig und hart antwortete.
Mama setzte sich neben mich und nahm meine Hand zwischen ihre.
„Annerl“, sagte sie leise, „du verstehst schon, dass das so nicht in Ordnung ist, oder?“
Ich nickte müde. „Ja. Aber was soll ich denn machen? Mich scheiden lassen? Allein mit dem Kind dastehen?“
„Und jetzt bist du nicht allein?“ Mama drückte meine Finger fester. „Neben dir lebt ein Mann, der dein Gehalt nimmt und es seiner Schwester weitergibt, während seine eigene Familie ohne Geld dasitzt. Das ist nicht besser als Alleinsein, mein Kind. Das ist schlimmer.“
Ich schwieg. Nicht, weil ich nichts sagen wollte, sondern weil es nichts gab, womit ich ihr hätte widersprechen können.
In den letzten zwei Jahren hatte ich mich gefühlt, als würde ich durch Nebel gehen. Arbeiten, heimkommen, Kind versorgen, funktionieren. Mehr nicht. Ich hatte nicht nachgedacht, nicht abgewogen, nicht gefragt, ob das alles noch normal war. Ich hatte einfach ausgehalten.
Vielleicht hatte ich zu viel Angst gehabt, mir einzugestehen, dass meine Ehe mit Maximilian ein Fehler gewesen ist.
Dann kam Papa aus dem Kinderzimmer zurück, Lukas auf dem Arm. Mein Sohn war frisch gewaschen, sauber angezogen und strahlte übers ganze Gesicht.
„Opa!“, rief er begeistert und streckte die Arme nach mir aus. „Mama, der Opa ist da!“
„Ich seh’s, mein Schatz“, murmelte ich, nahm ihn an mich und spürte plötzlich, wie mir Tränen in die Augen stiegen.
Wann hatte Maximilian das letzte Mal von sich aus, ohne Aufforderung, Lukas gewickelt? Wann hatte er einfach mit ihm gespielt, nur so, weil er sein Vater war?
Mama schaute zur Schlafzimmertür. „Und wo ist Maximilian jetzt?“
„Er packt“, antwortete Papa kurz. „Er fährt zu seiner Schwester. Dort ist auf einmal wieder irgendetwas ganz Dringendes.“
Ein paar Minuten später erschien Maximilian tatsächlich im Flur, eine kleine Tasche in der Hand. Er sah mich nicht direkt an.
„Ich bin ein paar Tage bei Sophie“, sagte er ausweichend. „Bei ihr gibt es wieder … Schwierigkeiten.“
„Natürlich“, meinte Mama zuckersüß. „Sie hat Schwierigkeiten. Und deine Frau, die hat ja offenbar ein herrliches Leben, nicht wahr?“
„Mama, bitte …“, setzte ich an.
„Nein, Anna, jetzt ist Schluss mit dem Schweigen!“ Ihre Stimme wurde scharf. „Maximilian, erklär uns doch einmal: Wovon willst du die neuen ‚Schwierigkeiten‘ deiner Schwester bezahlen?“
„Sie hat eh noch Geld übrig“, murmelte er gleichgültig.
„Aha. Übrig. Von Annas Gehalt also.“ Mama richtete sich auf. „Und hat Anna dir erlaubt, ihr Geld mit deinem Schwesterchen zu teilen?“
„Das haben wir schon besprochen. Es reicht jetzt.“
„Eine Ehefrau ist keine Geldbörse, mein Lieber“, sagte Papa sehr leise. Gerade deshalb klang es umso fester. „Und auch kein Bankomat. Eine Ehefrau ist ein Mensch an deiner Seite. Eine Partnerin. Jemand, den man achtet und nicht ausnimmt.“
„Na schön, spart euch eure Predigt“, fauchte Maximilian und ging zur Tür. „Ich komm am Abend wieder.“
„Nur keine Eile“, rief Mama ihm nach. „Dein Vater und ich bleiben da. Wir helfen Anna, ein paar Dinge in Ordnung zu bringen.“
Maximilian blieb einen Augenblick im Türrahmen stehen. Man konnte sehen, dass ihm etwas dämmerte. Trotzdem sagte er kein Wort. Dann ging er hinaus.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, wurde mir auf einmal leichter. Es war, als hätte die Wohnung selbst wieder Luft bekommen.
„So“, sagte Mama und zog ihr Handy hervor. „Jetzt schauen wir uns die Finanzen an. Zeig mir dein Bankkonto.“
„Wozu?“
„Weil es höchste Zeit ist, dass wieder Gerechtigkeit einkehrt. Dein Geld soll für dich und deinen Sohn da sein. Nicht für eine fremde Frau, die seit fünf Jahren angeblich keine Arbeit findet. Hast du mich verstanden, mein Mädchen?“
Mit zitternden Fingern öffnete ich die Banking-App auf meinem Handy.
Kontostand: 8,50 Euro.
Bis zum nächsten Gehalt war es noch eine ganze Woche.
„Deine Karte ist bei Maximilian?“, fragte Papa.
Ich senkte den Blick. „Ja. Er hat gesagt, so sei es praktischer. Er kümmert sich ja um das Geld.“
Meine Eltern sahen einander an. In diesem Blick lag alles: Entsetzen, Sorge und ein Entschluss, der bereits gefasst war.
„Annerl“, sagte Papa schließlich, „morgen gehen wir zur Bank.“
Ab Montag wohnte ich wieder bei meinen Eltern.
Ich packte meine Sachen, während Maximilian nicht daheim war, und ließ ihm nur einen Zettel auf dem Tisch liegen:
„Ich brauche Zeit, um nachzudenken.“
Für Lukas war der Umzug zu Oma und Opa ein Abenteuer. Er flitzte durch die Drei-Zimmer-Wohnung, entdeckte jede Ecke neu und freute sich über die Spielsachen, die Mama schon für ihren Enkel bereitgelegt hatte.
Als Erstes gingen Papa und ich zur Bank.
