„Das Haus bleibt bei mir, das Geld auch“, sagte er nebenbei — Anna steht zitternd in der Küche

So feige, so kalt, so zutiefst ungerecht.
Geschichten

Nachdem er die Scheidung eingereicht hatte, war Lukas überzeugt, Anna ohne Geld und ohne Zuhause zurücklassen zu können – doch er hatte nicht mit ihrer Antwort gerechnet.

Anna stand seit gut zehn Minuten in der Küche und trocknete immer wieder dieselben Häferln ab. Ihre Gedanken waren ein einziges Durcheinander, und ihre Finger zitterten so stark, dass das Porzellan leise klirrte. Lukas’ Stimme hallte noch immer in ihrem Kopf nach:

„Ich habe die Scheidung eingereicht. Das Haus bleibt bei mir, das Geld auch. Du weißt ja selbst: Alles läuft auf meinen Namen.“

Zweiunddreißig Jahre Ehe. Zweiunddreißig. Und dann sollte alles mit einem einzigen Satz vorbei sein. Er hatte es nicht einmal bei einem ernsten Gespräch gesagt, nicht beim Abendessen, nicht mit einem Anflug von Bedauern. Nur nebenbei, während er Unterlagen in seine Aktentasche geschoben hatte.

Das Handy vibrierte. Ihr Sohn.

„Mama? Wie geht’s dir?“ Maximilians Stimme klang angespannt.

„Schon gut“, brachte Anna hervor und schluckte den Kloß hinunter, der ihr im Hals steckte. „Es passt alles.“

„Papa hat mich angerufen. Stimmt das wirklich?“

„Ja.“

„Mein Gott, Mama, wie kannst du nur so ruhig bleiben? Er… er will sich von dir scheiden lassen!“

„Was soll ich machen, Maximilian? Schreien? Einen Anfall bekommen?“

Anna stellte das Häferl ins Regal. Zweiunddreißig Jahre lang hatte sie das Geschirr nach Größe sortiert. Lukas hatte Ordnung immer geliebt.

„Er hat gesagt, das Haus und die Konten gehören ihm“, sagte sie schließlich leise.

„Was?! Wie kommt er dazu? Ihr habt euch doch alles gemeinsam aufgebaut!“

„Gemeinsam…“ Anna verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. „Aber eingetragen ist alles auf ihn, Maximilian.“

Da läutete es an der Tür. Draußen stand Hannah, die Nachbarin – die einzige Freundin, die Anna über all die Jahre geblieben war, obwohl Lukas sie mit seiner verschlossenen Art von fast allen anderen abgeschottet hatte.

„Annerl!“ Hannah zog sie sofort fest an sich. „Es wissen schon alle. Das… das ist ja kaum zu glauben, was dein Mann da aufführt!“

„Woher?“ Mehr brachte Anna nicht heraus.

„Lea aus dem zweiten Stiegenhaus hat ihn mit einer jüngeren Frau gesehen. Sie haben sich eine Neubauwohnung angeschaut. Und dein Mann hat zu ihr gesagt: ‚Nach der Scheidung ziehen wir hier ein.‘“

Anna musste sich an der Wand abstützen. In ihr riss etwas, ganz leise und endgültig.

„Also hat er… eine andere?“

„Du hast es nicht gewusst?“ Hannah schlug sich die Hand vor den Mund. „Jessas, ich bin so eine Tratschen…“

In dieser Nacht hat Anna kein Auge zugetan. Sie holte alte Fotos hervor und blätterte sie langsam durch. Da war ihre Hochzeit: sie in einem schlichten weißen Kleid, das Gesicht hell vor Glück. Dann der erste Urlaub – Meer, Sonne, ein Lachen, das echt gewesen war. Maximilian als kleiner Bub, mit zerzausten Haaren und schokoladenverschmiertem Mund. Aus den letzten fünf Jahren gab es dagegen kaum noch gemeinsame Aufnahmen. Nur Lukas allein, auf Präsentationen, bei Geschäftsessen, auf Dienstreisen.

Am Morgen entdeckte sie, dass der Safe in Lukas’ Arbeitszimmer offenstand. Er hatte sämtliche Unterlagen mitgenommen. Sogar die Papiere für das Haus, das sie miteinander gebaut hatten. Anna erinnerte sich noch genau daran, wie sie Ziegel geschleppt, Tapeten ausgesucht und Monat für Monat ihr Lehrerinnengehalt dazugegeben hatte.

„So leicht gebe ich nicht auf“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild.

In der Kanzlei war es kühl, und in der Luft hing der Duft von Kaffee.

„Katharina Viktorovna“, stellte sich die Anwältin vor und deutete auf den Sessel vor ihrem Schreibtisch. „Erzählen Sie mir in Ruhe, was passiert ist.“

Anna begann stockend. Immer wieder musste sie innehalten.

„Ich habe immer geglaubt… wir sind doch eine Familie… ich habe mich nie um diese Papiere gekümmert…“

Katharina nickte verständnisvoll. „Das machen viele Frauen so. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Selbst wenn alles auf den Namen Ihres Mannes eingetragen ist, gilt Vermögen, das während der Ehe erworben wurde, grundsätzlich als gemeinsam. Es wird nicht einfach so nur ihm zugeschlagen.“

Anna hob den Kopf. „Wirklich? Aber er behauptet…“

„Was soll er sonst behaupten?“ Die Anwältin lächelte knapp. „Natürlich sagt er, alles gehöre ihm. Das ist leider ein sehr bekanntes Muster. Haben Sie irgendwelche Unterlagen? Rechnungen, Belege, Bestätigungen? Irgendetwas?“

Zu Hause räumte Anna Kisten aus, öffnete Laden, durchsuchte alte Mappen. In einer vergessenen Schachtel fand sie schließlich Rechnungen für Baumaterialien, die beim Hausbau gekauft worden waren. Daneben lagen mehrere handschriftliche Bestätigungen, die Lukas unterschrieben hatte, wenn er sich von ihr „kurzfristig“ Geld für sein Geschäft ausgeborgt hatte. Sie hatte alles aufgehoben, ohne selbst genau zu wissen, warum. Eine Angewohnheit aus ihrem Lehrerinnenleben: Alles musste ordentlich dokumentiert sein.

Wieder läutete das Handy.

„Was treibst du da?“ Lukas’ Stimme war eiskalt. „Bist du wirklich gleich zu einer Anwältin gerannt?“

„Woher weißt du…?“

„Das ist jetzt egal. Hör zu, Anna“, sagte er plötzlich weicher. „Wozu dieser Krieg? Lass uns das friedlich erledigen. Ich gebe dir für die erste Zeit ein bisschen Geld.“

„Ein bisschen?“ Anna umklammerte das Telefon fester. „Und was ist mit der Hälfte des Hauses? Und mit unserem gemeinsamen Geschäft?“

Hedis Stube