— Barbara, wieso kommen Sie eigentlich auf die Idee, dass ausgerechnet ich Ihren Sohn durchfüttern soll? Er ist mein Mann, er ist der Mann im Haus, also wäre es an ihm, für mich zu sorgen — und nicht umgekehrt! Sie können mitsamt Ihrer ganzen „Beschützerinnenrolle“ gern wieder hinausspazieren!
— Annerl, mach auf, ich bin’s! Ich hab frischen Krautstrudel mitgebracht, genau so, wie ihn der Luki am liebsten mag!
Die Stimme hinter der Wohnungstür klang munter, bestimmt und so durchdringend, dass es völlig sinnlos gewesen wäre, sich totzustellen und so zu tun, als wäre niemand daheim. Anna trocknete sich langsam die Hände am Geschirrtuch ab und warf ihrem Mann einen kurzen, schweren Blick zu.
Lukas saß am Küchentisch, starrte in seinen längst kalt gewordenen Kaffee und bemühte sich mit jeder Faser seines Körpers, wie ein leidender Genius zu wirken, den ein abgrundtiefer existenzieller Zusammenbruch verschlungen hatte. Auf das Läuten reagierte er, als wäre es bloß ein weiteres lästiges Geräusch aus dieser groben, unvollkommenen Außenwelt.
Als das Schloss klickte, setzte Anna ein höfliches Lächeln auf, das ihr sichtlich Mühe machte. Auf der Schwelle stand Barbara: eine kräftige Frau in einem guten Mantel, mit scharfem, schwerem Blick und einem Packerl in der Hand, aus dem ein erstickend heimeliger Duft nach frisch Gebackenem strömte. Sie trat nicht einfach ein — sie glitt förmlich in den Vorraum, als brächte sie die Aura einer Wahrheit mit, die keinen Widerspruch duldete.

— Servus, Annerl. Warum bist denn so bleich? Ist dir nicht gut? — fragte sie, während sie bereits den Mantel ablegte und die Wohnung mit prüfenden Augen abtastete. — Wo ist mein Luki? In der Küche? Hab ich mir gleich gedacht.
Ohne auf eine Einladung zu warten, marschierte Barbara in die Küche. Allein ihr Erscheinen brachte die kühle Ordnung durcheinander, auf die Anna so großen Wert legte. Die glatten Stahlflächen und das minimalistische Design der Küche waren ganz und gar keine passende Bühne für eine derart ausladende Vorführung mütterlicher Fürsorge. Lukas löste schließlich den Blick von seiner Tasse, nickte schwach und begrüßte seine Mutter mit einem müden, gezwungenen Lächeln.
— Servus, Mama. Warum bist du denn schon so früh da?
— Für eine Mutter ist es nie zu früh, mein Sohn — erklärte Barbara und stellte das Packerl mit dem Krautstrudel wie eine Fahne auf den Tisch. — Schau dich an, du bist ja ganz eingefallen. Richtig mitgenommen siehst du aus. Da, ich hab dir Kraft mitgebracht. Iss, solange es noch warm ist.
Anna stellte wortlos den Wasserkocher auf den Herd. Ihre Bewegungen waren fein, fast lautlos, und doch war in jeder Geste die enorme Spannung zu spüren, die sie in sich zusammenhielt. Sie kam sich vor wie eine Schauspielerin in einem Stück, das sie schon bis zum Überdruss kannte: Jede Rolle war verteilt, jeder Satz stand längst fest.
Jetzt würde das Vorspiel beginnen. Ein paar Worte über das Wetter, über die Gesundheit entfernter Verwandter, über die Preise am Markt. Und sobald der Boden mit diesem häuslichen Gerede weich genug geklopft war, würde Barbara zum eigentlichen Thema übergehen.
— Bei dir ist es immer sauber, Anna. Nein, eigentlich steril — bemerkte die Schwiegermutter, während sie mit dem Finger über die Kante der Arbeitsplatte fuhr und zufrieden feststellte, dass kein Staub daran hängen blieb. — Nur gemütlich ist es halt nicht besonders. Ein Mann braucht Wärme. Gerade dann, wenn er eine so schwere Zeit durchmacht.
Anna stellte ihr eine Tasse hin.
— Möchten Sie Tee? Schwarz oder grün?
— Schwarz, wie immer. Luki, jetzt iss wenigstens ein Stück. Es ist noch warm. Du hast ja gar keinen Appetit mehr, das tut einem richtig weh beim Zuschauen. — Barbara schob den Teller zärtlich vor ihren Sohn.
Lukas seufzte theatralisch, nahm ein Stück Krautstrudel in die Hand, biss aber nicht hinein. Er drehte es zwischen den Fingern, als hielte er kein einfaches Gebäck, sondern eine philosophische Reliquie.
— Mir ist jetzt nicht nach Strudelessen, Mama. Gedanken …
Das war das Stichwort. Das Signal. Anna spürte, wie sich ihre Schwiegermutter augenblicklich sammelte, ihre ganze Aufmerksamkeit bündelte und sich innerlich zum Angriff bereitmachte. Barbara wandte sich ihr zu, und auf ihrem Gesicht erschien jener mitleidige, verständnisvolle Ausdruck, den sie über Jahre hinweg zur Perfektion geschliffen hatte.
— Siehst du, Annerl. Ein Mensch zieht sich nach innen zurück, er sucht. Eine schöpferische Seele kann nicht leben wie alle anderen, von einer Minute zur nächsten. Sie braucht Zeit, um sich selbst neu zu begreifen, um einen anderen Weg zu finden. Und gerade in so einer Phase ist die Unterstützung der Nächsten besonders wichtig. Die Weisheit einer Frau zeigt sich darin, dass sie eine Schulter bietet, wenn es dem Mann schwerfällt. Dass sie versteht, annimmt …
Sie sprach leise und weich, als würde sie den Raum mit ihren Worten in eine warme, aber erstickende Decke wickeln. Lukas hörte mit dem Gesichtsausdruck eines Märtyrers zu und bestätigte jeden Satz seiner Mutter durch sein stummes Einverständnis. Anna goss inzwischen heißes Wasser in die Tassen.
