In der Hochzeitsnacht hat der Schwiegervater die Tür versperrt, achttausend Euro hervorgeholt und gesagt: „Nimm das Geld, zieh dich um und lauf durch den Hinterausgang. Sofort.“
„Josef, was ist los?“
„Keine Zeit für Erklärungen. Lauf, Mädchen, lauf.“
Sie sind schon da. Wer „sie“ waren, habe ich damals nicht begriffen. Trotzdem habe ich gehorcht. Genau diese Entscheidung hat mir das Leben gerettet.
Die letzten Gäste sind erst gegen Mitternacht weggefahren. Anna ist endlich allein im Schlafzimmer im ersten Stock gewesen und hat sich erschöpft auf die Bettkante sinken lassen. Nach acht Stunden auf hohen Absätzen haben ihre Beine gepocht. Lukas war noch hinausgegangen, um ein paar Verwandte zu verabschieden, und blieb länger aus, als sie erwartet hatte. Von unten drangen gedämpfte Stimmen herauf, Gelächter, das Zuschlagen von Türen.
Das mit Perlen bestickte Brautkleid lag wie eine weiße Wolke über dem Sessel. Anna, bereits in ein seidenes Negligé geschlüpft, betrachtete ihr Spiegelbild in der alten Frisierkommode, deren Glas an den Rändern dunkel geworden war. Sie versuchte zu begreifen, dass all das nun zu ihrem Leben gehörte: das Haus bei Graz, die üppige Hochzeitstafel für hundert Menschen, der goldene Ring an ihrem Finger.

Als das Schloss klickte, drehte sie sich mit einem Lächeln um. Doch nicht Lukas stand im Türrahmen, sondern ihr Schwiegervater. Josef, zweiundsechzig Jahre alt, ein schwerer Mann mit grauen Schläfen und großen Händen, wie sie Menschen haben, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben.
Er zog die Tür hinter sich zu und sperrte von innen ab. Anna griff instinktiv nach dem Morgenmantel, der über der Sessellehne hing, und presste ihn an die Brust.
„Josef, was ist passiert?“
Zunächst sagte er kein Wort. Er ging zum Schreibtisch beim Fenster und warf ein mit einem Bankgummi zusammengehaltenes Geldbündel darauf. Danach holte er weiter aus.
eine weitere, dann noch eine. Schließlich lagen acht Bündel schief übereinander auf der Tischplatte. Erst da wandte sich Josef zu ihr um, und sein Blick war so hart, dass Anna ein eisiger Schauer über den Rücken lief.
„Zieh dich an“, sagte er gedämpft, doch in seiner Stimme lag jener Ton, mit dem man zu jemandem spricht, der schon am Rand eines Abgrunds steht. „Jeans, Jacke, Turnschuhe. Alles im Kasten, unteres Fach. Sofort.“
„Ich verstehe nicht …“
„Dafür ist keine Zeit.“ Er trat ans Fenster, schob den Vorhang kaum einen Fingerbreit zur Seite und starrte hinaus in die Dunkelheit des Gartens. „Nimm das Geld. Deine Papiere sind in der Tasche am Sessel. Du gehst durch die Hintertür, quer durch den Gemüsegarten bis zum hinteren Gartentor. Dort wartet jemand auf dich.“
Draußen wurde es unruhig. Kies knirschte unter Reifen, Motoren brummten auf. Nicht nur ein Wagen — mehrere. Josef wich vom Fenster zurück, und Anna sah, wie sich die Muskeln an seinen Wangen verhärteten.
„Wer ist da? Wo ist Lukas?“
„Lauf, Mädchen. Lauf.“ Er sagte es so, dass ihr jedes weitere Wort im Hals stecken blieb. „Sie sind schon hier. Wenn du jetzt nicht genau tust, was ich dir sage, überlebst du diese Nacht in diesem Haus nicht. Glaubst du mir?“
Sie sah in seine Augen — hellgrau wie die von Lukas, nur von roten Äderchen durchzogen — und erkannte darin etwas, das ihre eigene Angst plötzlich klein und beinahe unwichtig wirken ließ neben der Furcht dieses nicht mehr jungen Mannes.
„Nicht wegen mir. Wegen ihr. Ich glaube Ihnen“, flüsterte sie, ließ den Morgenmantel fallen und eilte zum Kasten.
Die Jeans passte, die Jacke war ein wenig zu groß, als käme sie von einer fremden Schulter, und roch nach Tabak und Maschinenöl. Anna schlüpfte in die Turnschuhe, ohne die Bänder zu binden, und griff nach der leichten Stofftasche auf dem Sessel.
In der Tasche tasteten ihre Finger sofort den Reisepass, ein paar zusammengefaltete Dokumente und etwas Hartes, vermutlich einen Schlüsselbund. Anna presste alles an sich und wandte sich noch einmal zu ihrem Schwiegervater um.
„Und Sie?“, brachte sie kaum hörbar hervor. „Ich bleibe hier.“
Josef antwortete nicht gleich. Er legte nur einen Finger an die Lippen, öffnete die Tür einen Spaltbreit und lauschte in den dunklen Gang hinaus. Erst als von draußen kein Laut kam, winkte er sie zu sich.
„Komm hinter mir her. Ganz leise. Tritt auf der Hinterstiege vorsichtig auf, die Stufen knarren.“
Anna nickte, obwohl ihr der Hals wie zugeschnürt war. Sie folgte ihm dicht auf den Fersen. Durch das schwache Licht wirkten die Wände schmäler, die Schatten länger, und jeder Atemzug schien ihr viel zu laut. Über jene schmale Dienstbotenstiege, die während der Hochzeitsvorbereitungen ständig benutzt worden war, stiegen sie hinunter, Stufe für Stufe, ohne ein Wort zu wechseln.
Unten führte Josef sie in eine finstere Speis. Es roch nach gelagerten Äpfeln, feuchtem Holz und alten Brettern. Mit einer Kraft, die Anna ihm in diesem Augenblick gar nicht zugetraut hätte, schob er einen schweren Sack Erdäpfel zur Seite. Dahinter kam eine niedrige Tür zum Vorschein. Als er sie öffnete, sah Anna dahinter nur die schemenhaften Umrisse eines Glashauses und dunkler Beete.
„Geh geradeaus“, sagte Josef hastig. „Nicht abbiegen, nicht stehen bleiben. Hinter dem Zaun beginnt ein Feldweg. Dort wartet ein Mann mit einem Auto. Er heißt Tobias. Er bringt dich an einen sicheren Ort.“
Anna packte ihn am Ärmel. Ihre Finger zitterten so stark, dass sie es selbst spürte.
„Josef … was passiert hier? Wer sind diese Menschen? Und wo ist Lukas?“
Der bereitgestellte Teil enthält ausschließlich Webelemente beziehungsweise Verweise auf andere Beiträge und keine Fortsetzung der Geschichte. Gemäß Vorgabe wurden diese Inhalte ausgelassen.
