„Ich sag’s dir ganz klar: Entweder Mama zieht zu uns, oder ich geh zu ihr. Für immer“ — drohte Lukas und zwingt Anna zur Entscheidung

Diese rührende Forderung ist zutiefst ungerecht.
Geschichten

— Sag einmal, geht’s dir eigentlich noch gut? — Lukas stand mitten im Wohnzimmer, und in seiner Stimme lag etwas, bei dem Anna sofort begriffen hat: Das wird kein kurzes Gespräch. — Ich sag’s dir ganz klar: Entweder Mama zieht zu uns, oder ich geh zu ihr. Für immer.

Anna senkte langsam die Zeitschrift, in der sie seit einer halben Stunde geblättert hatte, ohne auch nur eine Zeile wirklich zu lesen. Sie sah ihren Mann an. Den geraden Rücken, die fest zusammengepressten Kiefer, diesen vertrauten Blick von unten herauf — den Blick eines Menschen, der seine Entscheidung längst getroffen hat und nur noch so tut, als könne man darüber reden.

— Lukas, — sagte sie ruhig, — wir haben das schon besprochen.

— Offenbar nicht oft genug.

Er trat zum Fenster. Hinter der Scheibe lag ein gewöhnlicher Abend in der Stadt: Laternenlicht, dunkle Umrisse auf dem Trottoir, Aprilkühle. Ein Abend, der viel zu normal wirkte für das, was gerade in dieser Wohnung passierte.

Anna kannte dieses Thema auswendig. Maria, ihre Schwiegermutter, rief ihren Sohn täglich an. Manchmal sogar zweimal. Ihre Stimme klang immer gleich: ein wenig brüchig, ein wenig leidend, mit dieser ganz besonderen Betonung auf dem Wort „allein“.

Luki, mir geht’s so schlecht allein. Luki, ich langweile mich so. Komm doch wenigstens für ein Stündchen vorbei. Oder noch besser: Hol mich zu euch, ich bin doch keine Fremde.

Keine Fremde. Das war ihr Lieblingssatz.

Anna hatte sie vor drei Wochen gesehen, bei Lukas’ Geburtstag. Maria war mit einer Torte aufgetaucht, die sie natürlich nicht selbst gebacken hatte — sie stammte aus einer Konditorei in der Kärntner Straße, Anna hatte die Schachtel sofort erkannt —, erzählte aber allen, wie viel Mühe sie sich damit gemacht habe. Sie saß am Kopfende des Tisches, obwohl sie niemand dorthin gesetzt hatte; es hatte sich einfach so ergeben. Und dann redete sie. Über Krankheiten. Über Nachbarn. Darüber, wie einsam sie sei. Ihr lockiges, rot gefärbtes Haar — mit zweiundsechzig Jahren selbstverständlich gefärbt — war aufwendig frisiert, und das Lächeln wich keine Sekunde aus ihrem Gesicht. Dieses Lächeln, bei dem Anna jedes Mal ein leises Unbehagen überkam. Zu breit. Zu ausdauernd. Wie angeklebt.

— Sie ist eine ältere Frau, — sagte Lukas, ohne sich vom Fenster wegzudrehen. — Sie braucht Unterstützung.

— Sie ist zweiundsechzig, Lukas. Und sie ist gesund.

— Du hast keine Ahnung, wie sie sich fühlt.

— Ich weiß, was sie sagt. Das ist nicht dasselbe.

Jetzt wandte er sich endlich um. In seinen Augen stand Ärger, aber da war noch etwas anderes. Etwas Kindliches, Gekränktes. Lukas war sechsunddreißig, leitete eine Abteilung in einer Baufirma, konnte mit Auftragnehmern verhandeln und kannte sich mit Kostenvoranschlägen aus. Doch sobald es um seine Mutter ging, schaltete sich in ihm etwas um. Dann wurde er ein anderer. Wieder dieser Bub, dem die Mama erklärt hatte, dass die ganze Welt gegen die beiden sei und sie nur einander hätten.

— Also bist du dagegen, — sagte er. Es war keine Frage. Es war eine Feststellung.

— Ich bin nicht dagegen, mich um deine Mutter zu kümmern. Ich bin dagegen, dass sie in unsere Wohnung einzieht.

— Wo soll da der Unterschied sein?

Anna stand auf. Sie ging zum Bücherkasten und rückte irgendein Buch gerade, nur um nicht reglos dazustehen.

— Der Unterschied ist, — sagte sie, — dass ich seit drei Jahren mit deinen abendlichen Telefonaten lebe, mit Wochenenden, die wir bei ihr verbringen, und damit, dass jeder Urlaub zuerst davon abhängt, ob wir überhaupt wegfahren dürfen, weil es „Mama schlecht geht“. Wenn sie hier einzieht, Lukas, ist das nicht mehr unsere Wohnung.

— Du übertreibst.

— Nein.

Sie sahen einander an. In solchen Momenten fragte sich Anna, wie so etwas überhaupt funktionieren konnte. Da stand ein Mensch vor einem, mit dem man das Bett teilte, das Frühstück, Versicherungen, Sommerpläne. Und gleichzeitig war er einem völlig fremd. Als läge eine Glasscheibe zwischen ihnen.

Lukas war der Erste, der den Blick senkte.

— Ich geh meine Sachen packen, — sagte er.

Anna antwortete nicht.

Sie hatte nicht geglaubt, dass er es so schnell sagen würde. Und auch nicht, dass er es ernst meinte. Aber er drehte sich um und verschwand im Schlafzimmer. Kurz darauf hörte sie Geräusche: Laden wurden aufgezogen, ein Sackerl raschelte, etwas fiel auf den Boden.

Sie blieb im Wohnzimmer stehen und lauschte.

Dann nahm sie ihr Handy.

Sie öffnete die Taxi-App und bestellte einen Wagen. Zieladresse: Waldgasse 8. Dort wohnte Maria. Das Auto sollte in sieben Minuten da sein.

Anna steckte das Handy in die Tasche und ging in die Küche, um den Wasserkocher einzuschalten.

Lukas kam aus dem Schlafzimmer, eine große Reisetasche über der Schulter, einen Rucksack in der Hand. Er war schnell gewesen — schneller, als sie erwartet hatte. Als wäre er schon lange bereit gewesen. Oder als hätte er das alles längst geprobt.

Er ging an der Küche vorbei in den Vorraum. Schlüssel klirrten.

— Ich gehe, — sagte er, ohne hereinzukommen.

— Ich hör’s, — erwiderte Anna.

Eine Pause entstand.

— Willst du dazu gar nichts sagen?

Sie trat aus der Küche und blieb im Türrahmen stehen. Sie betrachtete ihn: die Tasche, den Rucksack, die Jacke, die schon bis oben zugemacht war. In seinem Gesicht mischten sich Entschlossenheit und Verwirrung. Er wartete darauf, dass sie ihm nachlief. Dass sie ihn anflehte zu bleiben. Dass sie in Tränen ausbrach.

— Doch, — sagte sie. — Das Taxi ist schon unterwegs. In ungefähr drei Minuten steht es unten vor dem Haus. Ich hab es in die Waldgasse bestellt.

Lukas erstarrte.

— Was?

— Der Wagen ist bereits auf dem Weg, Lukas. Versäum ihn nicht.

Er starrte sie an, als hätte sie plötzlich in einer fremden Sprache gesprochen. Dann stellte er langsam die Tasche auf den Boden.

Hedis Stube