„Die Karte ist bei mir“ sagte er kalt und verweigerte ihre Rückgabe

Diese Demütigung ist brutal, feige und unverzeihlich.
Geschichten

„Oder hat meine Zustimmung für dich ohnehin nie gezählt?“

Lukas verzog den Mund zu einem Lächeln.

Und dieses Lächeln hat Johanna mehr erschreckt als jeder Wutausbruch.

„Weil ich der Mann bin“, sagte er. „Weil ich entscheide. Weil ich der Kopf dieser Familie bin.“

Manchmal reichen ein paar Sätze, um ein ganzes Leben zum Einsturz zu bringen.

In diesem Augenblick ist Johanna etwas Furchtbares klar geworden: Sie hat all die Jahre neben einem Menschen gelebt, der sie nie wirklich als gleichwertig gesehen hat.

Er hatte ihre Selbstständigkeit geduldet.

Aber angenommen hatte er sie nie.

Eine bleierne Müdigkeit legte sich über sie.

Nicht bloß wegen dieses Abends.

Nicht bloß wegen dieses Streits.

Sondern wegen allem.

Wegen all der Jahre.

Sie war müde davon, ständig beweisen zu müssen, dass sie arbeiten durfte.

Dass sie sich ausruhen durfte.

Dass sie Freundinnen treffen durfte.

Dass sie über ihr eigenes Geld verfügen durfte.

Dass sie überhaupt das Recht hatte, sie selbst zu sein.

Johanna war fünfunddreißig.

Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlte sie sich vollkommen allein.

Lukas zog ihr Handy hervor.

„Und komm ja nicht auf die Idee, bei der Bank anzurufen.“

Sie hob langsam den Kopf.

„Was?“

Sein Grinsen wurde noch breiter.

„Ich hab die Karte schon verwendet. Ich hab mir einen neuen Helm gekauft und das Motorrad vollgetankt.“

In ihr riss etwas ab.

Johanna starrte ihn an und konnte kaum fassen, was sie da gerade gehört hatte.

Er hatte ihr nicht einfach nur die Karte weggenommen.

Er hatte nicht nur eine Grenze überschritten, die ihm nichts anging.

Er hatte ihr Geld ausgegeben.

Und er war dabei auch noch überzeugt, jedes Recht dazu zu haben.

„Das ist Diebstahl …“

Mit einem Schritt war er näher bei ihr.

„Wag es nicht, so etwas zu sagen.“

Doch seine Stimme kam kaum noch bei ihr an.

Vor ihrem inneren Auge tauchten plötzlich Bilder der vergangenen Jahre auf.

Sie, wie sie den Einkauf bezahlt hat.

Sie, wie sie den Urlaub übernommen hat.

Sie, wie sie die Renovierung finanziert hat.

Sie, wie sie die Medikamente für seine Mutter besorgt und bezahlt hat.

Sie, wie sie die Versicherung beglichen hat.

Sie, wie sie beinahe alles getragen hat.

Und trotzdem war sie am Ende immer die schlechte Ehefrau gewesen.

Nicht fürsorglich genug.

Nicht häuslich genug.

Nicht bequem genug.

Manchmal lebt ein Mensch jahrelang neben einem Verrat und merkt es nicht einmal.

Weil Verrat nicht immer mit einer Affäre beginnt.

Er beginnt mit mangelndem Respekt.

Mit dem Wunsch, jemanden kleinzuhalten.

Mit der Überzeugung, ein anderer Mensch gehöre einem.

„Gib mir mein Handy“, sagte Johanna leise.

„Nein.“

Sie sah ihm direkt in die Augen.

Und auf einmal hatte sie keine Angst mehr.

In ihr wurde es leer.

Erstaunlich leer.

Als wäre die Liebe, an die sie sich so lange geklammert hatte, einfach gestorben.

Ohne Geschrei.

Ohne Zusammenbruch.

Ohne Tränen.

Johanna öffnete den Tiefkühler, nahm eine Packung gefrorene Teigtascherl heraus und stellte Wasser auf.

Hedis Stube