Der Freitagabend hätte eigentlich ruhig werden sollen. Anna ist später als sonst heimgekommen, in beiden Händen schwere Sackerl, in denen Flaschen mit Olivenöl und Dosen mit italienischen Paradeisern leise aneinandergeklirrt haben. Nach der Arbeit war sie extra noch auf den Markt gefahren, um gutes Rindfleisch und frische Kräuter zu besorgen. In einem der Sackerl lag außerdem ein Geschenk für Lukas: eine Flasche gereifter Malbec, nach der er seit einem halben Jahr gesucht hatte. Anna hatte gehofft, ein stiller Abend mit einem Glas ordentlichem Wein würde ihnen endlich helfen, miteinander zu reden. Nicht nebenbei, nicht zwischen Tür und Angel, sondern wirklich.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Kaum war die Wohnungstür offen, schlug ihr der Geruch von angebranntem Fett und Zwiebeln entgegen. Im Vorraum stand bereits Barbara, ihre Schwiegermutter. Die Hände in die Hüften gestemmt, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
„Na schau, die gnädige Frau kommt auch schon. Das Essen ist längst hinüber, die Laibchen sind zäh wie Gummi. Bei einer ordentlichen Ehefrau steht der Tisch rechtzeitig bereit, aber du treibst dich irgendwo herum, weiß der Himmel wo.“
Anna zog wortlos den Mantel aus und hängte ihn auf einen Bügel. Die Sackerl schnitten ihr in die Finger.
„Ich war arbeiten, Barbara. Die Besprechung hat länger gedauert.“

„Deine Besprechungen kenn ich schon.“ Barbara schnaubte verächtlich. „Zu unserer Zeit sind Frauen auch arbeiten gegangen. Trotzdem haben sie es geschafft, ein Essen zu kochen, den Mann ordentlich zu empfangen und daheim sauberzumachen. Und du? Du rennst deiner Karriere nach, als wär sie ein Heiligtum.“
Anna ging in die Küche und bemühte sich, nicht darauf einzugehen. Auf dem Herd stand tatsächlich eine Pfanne mit dunkelbraunen Klumpen, die einmal Fleischlaibchen gewesen sein mussten. Daneben ein Topf mit kalt gewordenem Supperl. Anna begann, die Sackerl auszuräumen, die Lebensmittel in die Regale zu legen und das Geschirr abzuwaschen, das sich im Laufe des Tages angesammelt hatte.
Barbara setzte sich an den Küchentisch, stützte das Kinn in die Hand und beobachtete ihre Schwiegertochter mit dem Blick einer Prüferin. Aus dem Nebenzimmer drangen gedämpfte Schüsse und Explosionen herüber. Lukas spielte auf der Konsole. Er war nicht einmal herausgekommen, um sie zu begrüßen.
„Annerl“, begann Barbara plötzlich, und ihre Stimme wurde weich, fast zärtlich. Gerade das ließ Anna einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „Lukas braucht für sein Start-up dreitausend Euro. Nur noch eine Woche Zeit. Der Investor drängt, verstehst du. Und du lebst ja, als hättest du keine Sorgen.“
Anna hielt über der Abwasch inne. Langsam trocknete sie sich die Hände am Geschirrtuch ab und drehte sich um.
„Gestern habe ich ihm fünfhundert Euro für Werbung überwiesen. Davor habe ich seine Programmierkurse bezahlt. Welche dreitausend Euro meinst du?“
„Na welche schon? Ganz normales Geld!“ Barbara warf die Hände in die Luft. „Ist das wirklich so schwer zu begreifen? In einer Familie gibt es ein gemeinsames Budget. Oder ist dir für deinen Mann das Geld zu schade? Uns würdest du am liebsten das letzte Hemd ausziehen. Jeden Tag kaufst du dir unterwegs Kaffee, aber wenn es um eine familiäre Sache geht, sitzt du auf dem Geld wie eine Glucke. Du bist eine Schmarotzerin verkehrt herum, das bist du.“
Anna presste die Zähne aufeinander. Sie erinnerte sich an den kleinen Cappuccino, den sie sich am Morgen im Kaffeehaus neben dem Büro gekauft hatte. Zwei Euro. Die einzige kleine Freude an diesem Tag. Und dieser Cappuccino wurde ihr nun schon den zweiten Monat vorgehalten.
„Mama, lass sie“, rief Lukas aus dem Wohnzimmer. Er machte sich nicht einmal die Mühe, vom Sofa aufzustehen. „Anna, ehrlich, du bist wirklich geizig geworden. Früher warst du anders. Da hast du noch an mich geglaubt.“
Anna trat in den Gang, von wo aus sie ins Wohnzimmer sehen konnte. Lukas lag ausgestreckt auf der Couch, die Beine über die Armlehne gehängt, den Blick starr auf den Fernseher gerichtet. Auf dem Bildschirm rannten irgendwelche Monster durch eine Ruine, Maschinengewehre ratterten. Vierunddreißig Jahre alt war dieser Mann. Vierunddreißig.
„Lukas, können wir bitte ohne deine Mutter reden?“, sagte sie leise.
„Was gibt’s denn da zu flüstern?“ Barbara tauchte sofort in der Küchentür auf. „Hast du jetzt Geheimnisse vor mir? Ich wohne hier übrigens auch. Und ich habe meine Seele in diese Wohnung gesteckt. Meine Nerven und meine Ersparnisse noch dazu. Aber du behandelst mich und meinen Sohn wie Fremde.“
Anna drehte sich langsam zu ihr um. Ihre Seele und ihre Ersparnisse. Tausend Euro für die Renovierung, die Barbara vor drei Jahren beigesteuert hatte. Tausend Euro, die seither keinen einzigen Tag vergessen worden waren. Dabei hatte die Renovierung über fünfzehntausend Euro gekostet, und jeden einzelnen Cent davon hatte Anna verdient. Genauso wie die Anzahlung für den Kredit. Genauso wie die monatlichen Kreditraten selbst.
Barbara sah sie mit rechtschaffener Empörung an. Dann wandte sie den Blick zu ihrem Sohn und sagte in einem Ton, als wäre Anna gar nicht im Raum:
„Aus ihr wird nie eine richtige Ehefrau. Sie denkt nur an sich. Aber keine Sorge, ich werde sie schon zurechtstutzen. Die Wohnung gehört jetzt schließlich uns allen, damit basta. Davonlaufen kann sie nirgends.“
Anna antwortete nicht. Sie ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich, setzte sich aufs Bett und starrte lange auf ihre Tasche, die mit Arbeitsunterlagen vollgestopft war. Schließlich zog sie den Laptop heraus und öffnete die Banking-App. Fünfzehntausend Euro lagen auf ihrem Sparkonto. Ihr Sicherheitsnetz, das sie in den letzten drei Jahren heimlich aufgebaut hatte. Lukas wusste nichts davon. Barbara erst recht nicht.
Anna klappte den Laptop zu und legte sich hin. An Schlaf war nicht zu denken.
Sie dachte daran zurück, wie alles angefangen hatte. Vor fünf Jahren hatte ihre Großmutter, der einzige Mensch, der ihr wirklich nahegestanden war, ihr ein Erbe hinterlassen: fünftausend Euro. Lukas hatte damals vorgeschlagen, das Geld für die Anzahlung der Wohnung zu verwenden. Er behauptete, er selbst habe auch etwas beiseitegelegt. Doch als der Vertrag unterschrieben werden sollte, war sein Geld plötzlich „nicht verfügbar“ gewesen. Er habe alles in ein „bahnbrechendes Projekt“ gesteckt, hatte er gesagt. Die Wohnung wurde auf Anna eingetragen. Der Kredit ebenfalls. Barbara hatte damals nur gemeint: „Dann zahl auch selber, wenn du so selbstständig bist. Meinen Sohn ziehst du mir nicht in deine Schulden hinein.“
Anna hatte gezahlt. Monat für Monat. Dreihundertfünfzig Euro. Betriebskosten, Lebensmittel, Waschmittel, Putzmittel, Medikamente, wenn jemand krank wurde, Kleidung, Geräte für den Haushalt – alles landete auf ihren Schultern. Lukas borgte sich von Zeit zu Zeit Geld für seine Start-ups, und dieses Geld kam nie zurück. Barbara arbeitete seit Jahren nicht mehr, lebte von einer kleinen Pension und erklärte ihrer Schwiegertochter trotzdem ununterbrochen, wie man „richtig“ zu leben habe. Und Anna hatte es hingenommen. Weil sie liebte. Weil sie geglaubt hatte, Familie sei das Wichtigste. Weil ihre eigene Mutter getrunken und sie als Kind bei der Großmutter abgeladen hatte, und weil Anna sich damals geschworen hatte, dass ihr Leben einmal anders werden würde. Dass sie eine andere Familie haben würde.
Genau so eine Familie war es nun geworden.
Am Sonntag inszenierte Barbara ein regelrechtes Mittagessen. Das alte Service von der Großmutter stand auf dem Tisch, sie hatte mehrere Kuchen und pikante Strudel gebacken und thronte jetzt am Kopfende, als säße sie auf einem Kaiserinnenthron. Lukas saß daneben, abwesend und blass, und stocherte lustlos mit der Gabel auf seinem Teller herum.
„Annerl, magst noch ein bisserl Suppe?“, säuselte Barbara. „Du bist so dünn geworden, in der Arbeit laugen sie dich völlig aus. Es wird Zeit, dass du einmal an deine Seele denkst. Und an Mutterschaft. Die Uhr tickt, weißt eh. Schenk uns einen Enkel, geh in Karenz, und Lukas übernimmt endlich seine Rolle als Mann. Er wird schon verdienen. Und du bist daheim bei deinem Mann, geschützt wie hinter einer Mauer.“
Anna hob den Blick vom Teller.
„Wovon sollen wir leben, während er diese Rolle übernimmt? Der Wohnungskredit läuft auf mich. Wer zahlt den?“
Barbara zog missbilligend die Lippen zusammen und tupfte sich den Mund mit der Serviette ab.
„Wenn Gott ein Haserl schenkt, schenkt er auch die Wiese dazu. Widersprich nicht den Älteren. Muttersein ist deine wichtigste Bestimmung. Nicht dieses ewige Herumwühlen in Papieren.“
„In diesen Papieren, Barbara, steckt mein Gehalt. Und der Kredit. Und die Raten für den Kühlschrank. Und, wenn wir schon dabei sind, auch Ihre Kuchen.“
Lukas zuckte zusammen, als wäre er erst jetzt wieder im Raum angekommen.
„Anna, jetzt sei doch nicht immer so negativ. Als wäre ein Kredit das Ende der Welt. Ich bring mein Geschäft zum Laufen, dann ist alles erledigt. Gib mir einfach noch Zeit.“
„Welche Zeit, Lukas? Du versprichst das seit drei Jahren. Kein einziges deiner Projekte funktioniert. Du hast nicht einmal ein einziges Mal die Betriebskosten bezahlt.“
„Na bitte, jetzt geht’s wieder los.“ Lukas schob den Teller von sich weg. „Mama hat recht. Du hast im Kopf nur mehr einen Taschenrechner.“
Barbara nickte zufrieden. Anna spürte, wie ihr übel wurde. Sie stand vom Tisch auf.
„Danke fürs Essen. Ich leg mich kurz hin, mir tut der Kopf weh.“
Am Abend kam Lukas ins Schlafzimmer. Anna saß mit einem Buch auf dem Bett und tat so, als würde sie lesen. Er setzte sich vorsichtig auf die Bettkante und versuchte, ihre Hand zu nehmen. Sie zog die Finger weg.
„Anna, lass uns bitte nicht streiten. Mama meint es gut mit uns.“
„Was heißt mit uns? Sie frisst mich bei lebendigem Leib auf.“
„Sie ist ein guter Mensch. Sie will nur, dass alles ordentlich und normal läuft.“
„Ordentlich und normal ist also, dass ich schufte wie ein Zugpferd, du auf der Couch liegst und deine Mutter mich Schmarotzerin nennt?“
Lukas verzog das Gesicht.
„So hat sie das nicht gemeint. Du verstehst sie nur falsch.“
„Dann erklär es mir bitte.“
