Ab jetzt läuft jede weitere Kommunikation ausschließlich über meinen Rechtsanwalt. Und, Barbara: Wenn Sie noch einmal in meinen privaten Unterlagen herumwühlen, erstatte ich Anzeige wegen Diebstahls. Kontoauszüge fallen unter mein Bankgeheimnis. Ich habe alles dokumentiert. Auch Ihre Ankündigung, mir das Leben zur Hölle zu machen.“
In der Nacht ist Anna auf den Balkon hinausgegangen. Unter ihr lag die Stadt im Schlaf, gelbe Fenster leuchteten in den Häusern, irgendwo in der Ferne rauschte dumpf die Schnellstraße. Sie stand da, in eine alte Decke gewickelt, und schaute zu dem Koffer hinüber, den sie vor einem halben Jahr gepackt und in der Abstellkammer versteckt hatte. Ein Koffer für den Notfall. Für die Flucht. Heimlich vorbereitet, mit Dokumenten, Bargeld und ein paar Garnituren Unterwäsche. Damals war sie überzeugt gewesen, dass irgendwann ein furchtbarer Tag kommen würde, an dem sie es einfach nicht mehr aushielt und mitten in der Nacht davonlief. Jetzt begriff sie: Weglaufen musste sie nicht. Sie musste bleiben. Und standhalten.
Sie ging zurück ins Schlafzimmer, setzte sich an den Laptop und schrieb einem befreundeten Rechtsanwalt. Keine zwanzig Minuten später kam seine Antwort: „Schicken Sie mir bitte die Unterlagen zur Wohnung und die Aufnahme der Drohungen. Rechtlich können Sie jede Person entfernen lassen, die nicht Eigentümerin ist. Ihre Schwiegermutter hat keinerlei Anspruch, Ihr Mann ist lediglich dort gemeldet. Unter Berücksichtigung der Drohungen durch die Schwiegermutter und der Duldung durch Ihren Mann stehen die Chancen gut.“
Dann begann eine neue Woche. Eine Woche voller Stille, aber diese Stille war vergiftet.
Barbara und Lukas taten so, als wäre nichts geschehen. Der Streit schien sich einfach in Luft aufgelöst zu haben. Jeden Morgen stand plötzlich Frühstück am Tisch, die Wäsche war ordentlich zusammengelegt, in der Wohnung herrschte eine ungewohnte Sauberkeit. Barbara ließ ihre spitzen Bemerkungen bleiben. Stattdessen drehte sie in Annas Anwesenheit alte Fernsehsendungen über Ehe, Familie und „richtige Werte“ auf und kommentierte sie lautstark für ihren Sohn.
„Da schau her, Lukas. Das ist noch eine echte Frau gewesen. Hat ihren Mann verehrt, nie an sich selbst gedacht, ihm ihr ganzes Leben gewidmet. Und dafür hat man sie geachtet und respektiert. Aber die heutigen? Die wollen den Mann nur vor die Tür setzen. Egoistinnen, Gott verzeih mir.“
Lukas murmelte zustimmend, warf seiner Frau dabei aber immer wieder Seitenblicke zu. Anna setzte sich Kopfhörer auf und hörte nicht hin. Sie wusste genau, was das war: die nächste Taktik. Einschüchtern hatte nicht funktioniert. Einschmeicheln auch nicht. Jetzt versuchten sie es mit stillem Druck, mit Gift in kleinen Dosen.
Der Rechtsanwalt schickte inzwischen den Entwurf für die Klage: Entfernung des Ehemannes aus der Wohnung wegen unzumutbaren Zusammenlebens, beigelegt die Tonaufnahmen. Bei Barbara musste gar nichts „abgemeldet“ werden, weil sie keinerlei Rechte an dieser Wohnfläche hatte. Am entscheidenden Tag würde es reichen, die Polizei zu rufen.
Am fünften Tag kam Anna früher als sonst von der Arbeit heim. Eine Besprechung war abgesagt worden, also stand sie nicht erst um acht, sondern schon um vier in der Wohnung. Im Vorzimmer zog sie die Schuhe aus und ging lautlos über den Teppich weiter. Die Tür zum Wohnzimmer war fest geschlossen, dahinter waren Stimmen zu hören. Anna blieb mitten im Schritt stehen.
„Du bist so ein Trottel“, zischte Barbara. „Sie schmeißt dich über das Gericht hinaus, und dann stehen wir mit leeren Händen da. Man muss das gescheit angehen.“
„Und was schlägst du vor?“, fragte Lukas. Seine Stimme klang müde.
„Du ruderst jetzt zurück. Süßholz raspeln, Liebe schwören, ihr das Blaue vom Himmel erzählen. Sie soll schwanger werden. Sobald das Kind da ist, geht sie in Karenz, wird schwächer, abhängiger, nachgiebiger. Mit einem Kind läuft sie nirgends mehr hin. Dann machen wir ihr mit der Kinder- und Jugendhilfe Angst: Die Mutter sei nervlich nicht stabil, sie schreie herum, sie schlage uns. Bei der Scheidung teilen wir die Wohnung über das Kind auf, verlangen Anteile. Und dann kann man mich als Großmutter auch gleich hier melden. Am Ende gibt sie uns die Schlüssel von selbst.“
Anna erstarrte. Ihr Herz schlug ihr plötzlich bis in den Hals, dann sackte ihr alles eiskalt in den Bauch. Sie hatte es gehört. Mit ihren eigenen Ohren. Einen Plan. Einen kalten, sauberen Plan, um ihr Leben zu zerstören.
„Mama, das ist schon ziemlich grauslich“, murmelte Lukas. „Sie ist immerhin meine Frau.“
„Willst du in irgendeiner Schachtel hausen?“, fuhr Barbara ihn an. „Sie hält uns nicht einmal für Menschen. Dann soll sie jetzt zahlen. Und merk dir eines: Im Krieg sind alle Mittel erlaubt.“
Anna wich auf Zehenspitzen von der Tür zurück, huschte ins Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich fest zu. Sie zitterte am ganzen Körper. Auf dem Bett sitzend griff sie nach dem Handy und aktivierte die Kamera. Mit bebenden Fingern öffnete sie die Einstellungen jener Diktier-App, die sie normalerweise für Besprechungen verwendete; sie konnte Ton auch im Hintergrund aufnehmen. Das Handy blieb im Schlafzimmer liegen.
Anna holte tief Luft. Dann ging sie wieder hinaus ins Vorzimmer und ließ diesmal die Wohnungstür absichtlich laut zufallen.
„Ich bin daheim!“
Im Wohnzimmer verstummten die Stimmen augenblicklich. Eine Minute später öffnete sich die Tür, und Barbara schwebte mit einem sanften Lächeln heraus.
„Annerl, mit dir haben wir ja noch gar nicht gerechnet! Wie schön, dass du früher da bist. Ich wollte gerade das Abendessen herrichten. Bleib doch bei uns, trinken wir gemeinsam einen Tee.“
Anna betrachtete dieses Lächeln, diese liebevoll verstellten Augen, hinter denen blanke Berechnung lauerte. Dann lächelte sie zurück.
„Danke, Barbara. Sehr gern.“
In der Nacht, als Lukas im Wohnzimmer eingeschlafen war — er schlief inzwischen dort auf der Couch —, holte Anna das Handy aus dem Schlafzimmer. Die Aufnahme war lang geworden, fast eineinhalb Stunden. Sie suchte die entscheidende Stelle, hörte sie einmal an, dann ein zweites Mal, dann ein drittes. Danach kopierte sie die Datei auf einen USB-Stick, in die Cloud und zusätzlich auf einen zweiten Stick. Jetzt hatte sie etwas in der Hand. Eine echte Waffe.
Der letzte Tag der Frist begann grau und völlig unspektakulär. Draußen nieselte feiner Regen, tiefe Wolken hingen über den Häusern. Anna wachte um sieben auf, trank Kaffee und zog sich an, als würde sie ins Büro gehen: ein strenger Anzug, die Haare ordentlich zusammengebunden, kaum Make-up. Sie wusste, dass heute alles entschieden werden würde, und sie wollte so gefasst wie möglich wirken.
Lukas schlief noch. Aus der Küche roch es nach Palatschinken; Barbara bereitete Frühstück zu und summte dabei irgendein kirchliches Lied. Alles sah aus wie in einer friedlichen, glücklichen Familie. Nur dass es keine Familie mehr war. Es war ein Schlachtfeld.
Zu Mittag rückte Barbaras Verstärkung an. Tante Claudia, die ältere Schwester der Schwiegermutter, kam in die Wohnung wie ein Schlachtschiff in den Hafen: mächtig, laut, fest entschlossen, in einem fremden Zuhause Ordnung zu schaffen. Anna öffnete ihr die Tür und bekam im selben Moment eine Ladung Vorwürfe ins Gesicht geschleudert.
„Was bist du für eine gottlose Person? Eine alte Frau willst du auf die Straße setzen! Wie kann die Erde so jemanden tragen? Barbara und ich halten seit der Kindheit zusammen, ich lass sie sicher nicht im Stich! Wo ist dein Gewissen, Mädel?“
Lukas erwartete seine Frau mit scheinheiligen Blumen: drei kümmerlichen Nelken, hastig beim nächsten Standl gekauft. Er versuchte, Anna auf die Wange zu küssen, doch sie wich zurück.
„Anna, sei nicht stur, hör auf mit diesem Krieg“, flüsterte er. „Machen wir es im Guten, vor Zeugen. Mama ist nicht nachtragend, ich hab mit ihr geredet, sie ist bereit, alles zu vergessen. Du musst auch nur vergessen und das Geld wieder in die Familie zurückbringen.“
„In die Familie“, wiederholte Anna leise und ging ins Wohnzimmer.
Dort saß Barbara bereits in der Rolle der großen Märtyrerin. Gerötete Augen, ein Taschentuch in den Händen, die Lippen leidend zusammengepresst.
„Schon gut, Claudia, wir werden es überleben. Der Herrgott wird über sie richten. Und wir gehen in Frieden, wenn ihr Gewissen es zulässt.“
Tante Claudia drehte sich zu Anna um und stemmte die Hände in die Hüften.
„Na? Was hast du zu sagen, du Gewissenlose?“
„Barbara. Lukas.“ Anna sprach ruhig, klar und sachlich, als säße sie in einer Besprechung. „Ich mache euch ein letztes Friedensangebot. Vor Zeugen. Ihr gebt zu, dass ihr mich verleumdet habt, und ihr sagt zu, bis morgen ohne Theater auszuziehen. Dann werde ich keine Anzeige erstatten.“
Barbara riss theatralisch die Arme in die Höhe.
„Leute, hört ihr das? Sie bedroht mich! Eine Anzeige will sie machen! Wofür denn? Wir haben uns um sie gekümmert, sie bekocht, ihr alles gegeben! Sie selber hat das Geld an sich gerissen wie die letzte Schmarotzerin …“
„Sie haben es nicht anders gewollt“, unterbrach Anna sie.
Sie nahm ihr Handy, öffnete die App und drückte auf Wiedergabe. Über Bluetooth verband sich das Gerät mit dem Fernseher. Auf dem großen Bildschirm erschien das Symbol einer Audiodatei.
„Was soll das sein?“, fragte Tante Claudia misstrauisch.
„Hören Sie zu. Hören Sie alle zu.“
Dann füllte Barbaras Stimme den Raum. Genau diese Stimme: kratzig, einschmeichelnd, kalt.
„… Sie soll schwanger werden. Sobald das Kind da ist, geht sie in Karenz, wird schwächer, abhängiger, nachgiebiger. Mit einem Kind läuft sie nirgends mehr hin. Dann machen wir ihr mit der Kinder- und Jugendhilfe Angst: Die Mutter sei nervlich nicht stabil, sie schreie herum, sie schlage uns. Bei der Scheidung teilen wir die Wohnung über das Kind auf, verlangen Anteile. Und dann kann man mich als Großmutter auch gleich hier melden. Am Ende gibt sie uns die Schlüssel von selbst.“
Die Stille danach schlug ein wie ein Hieb mit einem schweren Hammer. Das Stamperl mit Likör, das Tante Claudia in der Hand gehalten hatte, rutschte ihr aus den Fingern und zerschellte klirrend auf dem Parkett. Barbara saß mit offenem Mund da, wie eine Gipsfigur, die jemand mitten in einer Pose vergessen hatte. Lukas wurde zuerst weiß, dann krochen rote Flecken über sein Gesicht.
„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen!“, brüllte er. „Das war nicht ich … ich hab ja gar nichts gesagt! Ich hab dem nicht zugestimmt!“
