– Hör endlich auf, dich wie die große Direktorin aufzuspielen, Anna! – sagte Barbara und hob mein Dienstnotebook über den Besprechungstisch. – In deinem Alter bleibt man daheim und kommandiert nicht erwachsene Männer herum.
– Legen Sie es wieder hin, – sagte ich ruhig.
– Zu spät, – meinte Lukas.
Das Notebook krachte zuerst gegen die Kante des Konferenztisches und dann auf den Boden. Das Gehäuse sprang auf. Der Bildschirm flackerte kurz und wurde schwarz.
Barbara stand mitten im geschlossenen Besprechungsraum der CedarSoft GmbH, in einem hellen Blazer, den Besucherausweis an einem Band um den Hals. Sie war vierundsiebzig. In einem fremden Büro benahm sie sich, als wäre sie gekommen, um in ihrer eigenen Wohnung nach dem Rechten zu schauen.

Lukas, mein Mann und zugleich mein Stellvertreter, rührte sich nicht einmal.
Er strich nur die Manschette seines Hemdes glatt und sah mich an, als würde er erwarten, dass ich mich jetzt rechtfertige.
– Mama hat dein blödes Notebook kaputtgemacht, – sagte er. – Zum Weinen ist es jetzt zu spät.
Ich schaute auf den eingedellten Deckel. Auf das gebrochene Scharnier. Auf den Sicherheitsaufkleber der IT, der nun schief von der Seite wegstand.
Auf diesem Gerät lagen Unterlagen für Patentanmeldungen. Ein geschlossener Zweig unseres Quellcodes. Technische Beschreibungen jener Module, die wir den Investoren vorführen wollten.
Zugriffsschlüssel ohne zweiten Faktor waren dort nicht gespeichert. Back-ups gab es ebenfalls. Ich war kein Mädl, das seine einzige Kopie auf einem USB-Stick im Sackerl herumträgt.
Trotzdem änderte das nichts am Wesentlichen.
Vor meinen Augen war gerade Firmeneigentum beschädigt worden.
Und zwar nicht daheim im Streit. Nicht im Stiegenhaus. Nicht versehentlich.
Sondern in einem Besprechungsraum. Unter Kameras. Bei laufender Aufzeichnung. Im Beisein meines Stellvertreters, der eine betriebsfremde Person in einen gesperrten Bereich gebracht hatte.
– Lukas, – sagte ich. – Wer hat deiner Mutter den Besucherausweis ausstellen lassen?
Er zuckte mit den Schultern.
– Ich. Na und?
– Wer hat sie ohne Antrag an die Sicherheitsabteilung hierhergeführt?
– Ich hab sie hereingebracht. Anna, fang jetzt nicht mit deinen Vorschriften an. Mama wollte reden.
– Das hat sie getan.
Barbara schnaubte.
– Endlich hat dir einmal jemand gezeigt, dass du keine Kaiserin bist. Lukas schleppt hier seit Langem alles allein. Und du sitzt im Chefsessel und spielst Vorgesetzte.
Ich nickte. Ein einziges Mal.
– Verstanden.
Dieses kurze Wort hat alles verändert.
Lukas begriff es noch nicht. Er war daran gewöhnt, dass ich diskutierte. Dass ich erklärte. Dass ich ihn daran erinnerte, dass ich die Firma gegründet hatte, bevor er überhaupt da war. Dass ich die ersten Verträge selbst unterschrieben hatte. Dass der erste Server unter meinem Arbeitstisch gestanden war. Dass ich dem Team Gehalt überwiesen hatte, bevor ich mir selbst etwas ausbezahlt hatte.
Er war gewohnt, dass ich Haushalt, Büro, Berichte, Kunden und sein gekränktes Ego gleichzeitig zusammenhielt.
In diesem Augenblick aber hörte ich auf, ihn zu halten.
Ich nahm den internen Apparat vom Tisch.
– Bitte schicken Sie sofort die Sicherheit, die Rechtsabteilung und Michael in den Besprechungsraum. Dringend. Ja, jetzt gleich. Und bereiten Sie eine außerordentliche Sitzung des Direktoriums für elf Uhr vierzig vor. Tagesordnung: Beschädigung von Firmeneigentum, Sperre der Zugänge des stellvertretenden Geschäftsführers, Beendigung des Optionspakets von Lukas.
Bei dem Wort „Optionspaket“ verschwand die Gelassenheit aus Lukas’ Gesicht.
– Was redest du da für einen Unsinn?
– Ich formuliere die Tagesordnung.
– Anna, du bist gerade emotional.
– Nein.
Das stimmte. Gefühle waren in mir in diesem Moment kaum vorhanden. Nur eine klare, gerade Linie von Schritten.
Barbara hob das Kinn.
– Was soll das überhaupt für ein Direktorium sein? Ich bin die Mutter deines Mannes. Ich darf wohl noch sagen, was ich denke.
– Reden dürfen Sie. Firmeneigentum beschädigen nicht.
– Ach, Eigentum. Ein Stück Blech.
– Betriebliches Gerät mit eingeschränktem Zugriff.
– Hörst du, Lukas? – Sie drehte sich zu ihrem Sohn. – Redet sie daheim auch so? Wie mit Angestellten?
Lukas kam einen Schritt näher zu mir.
– Anna, sag diesen Zirkus sofort ab.
Mein Blick fiel auf seine rechte Hand. Darin hielt er meinen alten Projektleiter-Ausweis. Den schwarzen. Genau jenen, der vor einer Woche verschwunden war.
Damals hatte ich geglaubt, er läge im Auto.
– Gib mir den Ausweis.
– Welchen Ausweis?
– Meinen alten. Du hältst ihn in der Hand.
Seine Finger schlossen sich fester um das Plastik.
– Das ist doch egal.
– Jetzt ist alles wichtig.
Die Tür ging auf. Paul, der Sicherheitsmitarbeiter, trat ein. Hinter ihm kam Katharina, die Juristin der Gesellschaft, mit Tablet und einer dünnen Mappe. Gleich darauf erschien Michael, unser technischer Geschäftsführer. Sein erster Blick ging zum Boden.
– Ist das Annas Dienstnotebook? – fragte er.
– Es war es, – sagte ich. – Veranlasse bitte sofort über die Administratoren die Sperre aller Sitzungen, die Neuausstellung der Tokens und eine Zugriffsprüfung für die letzten sieben Tage.
– Bin schon dran.
Er zog sein Handy heraus und ging auf den Gang, ohne eine einzige überflüssige Frage zu stellen.
Lukas fuhr zu mir herum.
– Stellst du mich vor deinen Leuten als Dieb hin?
– Ich dokumentiere einen Vorfall.
– Ich bin dein Mann.
– Und mein Stellvertreter. In diesem Raum ist das wichtiger.
Dieser Satz traf ihn härter als jeder Streit. Daheim hätte er noch den beleidigten Ehemann geben können. Im Büro blieben nur Funktion, Regeln und Unterschriften.
Barbara nahm ihre Handtasche vom Sessel daneben.
– Lukas, wir gehen. Diese wichtige Dame soll sich allein mit ihrem Blechzeug herumschlagen.
– Sie bleiben vorerst hier, – sagte Katharina. – Wir müssen Ihre Stellungnahme aufnehmen.
Meine Schwiegermutter drehte sich scharf um.
– Wer sind Sie überhaupt?
– Die Juristin der Gesellschaft.
– Ihr hängt doch alle an ihrer Leine.
Katharina öffnete ihr Tablet.
– Paul, bitte sorgen Sie dafür, dass Zeugen anwesend sind, und sichern Sie die Kameraaufzeichnungen.
Der Sicherheitsmann stellte sich zur Tür. Nicht grob. Er stand einfach dort.
Lukas sah mich nun ohne seine frühere Sicherheit an.
– Anna, du überschreitest eine Grenze.
– Nein. Ich ziehe sie wieder dort, wo sie hingehört.
Um elf Uhr vierzig kamen wir im großen Besprechungsraum zusammen. Nicht in jenem, in dem das Notebook am Boden gelegen war. Dort arbeitete bereits ein Spezialist: Er fotografierte die Schäden, überprüfte die Inventarnummer und legte kleine abgebrochene Gehäuseteile in einen durchsichtigen Beutel.
In unserer Satzung war das Direktorium ausdrücklich vorgesehen: für Investoren, das Optionsprogramm und alle Sonderfragen, die den Zugang zu geschlossenen Entwicklungen betrafen.
