und zwar auch dann, wenn im Grundbuch nur einer von beiden als Eigentümer eingetragen ist. Im Fall einer Scheidung werde grundsätzlich hälftig geteilt, unter Umständen aber auch mit Blick darauf, was für das Kind am besten ist. Sollte Lukas versuchen, die Wohnung zu verkaufen oder zu verschenken, brauche er dafür meine notariell beglaubigte Zustimmung. Ohne diese Zustimmung könne man so ein Geschäft später anfechten. Trotzdem, meinte Claudia, sei es gescheiter, sich rechtzeitig abzusichern.
„Lassen Sie beim zuständigen Bezirksgericht beziehungsweise im Grundbuch vermerken, dass ohne Ihr persönliches Erscheinen keine Verfügung eingetragen werden darf“, sagte sie. „Das kostet nicht viel und ist keine Kampfansage. Es ist einfach ein Antrag. Ein Stück Papier, mehr nicht. Aber manchmal schützt genau so ein Papier mehr als hundert Erklärungen.“
Das Auto, erklärte sie weiter, laufe zwar auf Lukas, sei aber während der Ehe angeschafft worden. Also gehöre auch das zum gemeinsamen Vermögen. Nur sei ein Auto viel leichter beiseitezuschaffen: Für den Verkauf brauche man im Alltag keine Zustimmung des Ehepartners, auch wenn man den Vorgang später anfechten könne. Ich solle deshalb alles festhalten: Marke, Baujahr, Kilometerstand, ungefähren Marktwert.
Das Wochenendhaus gehörte Theresa. Damit hatte ich nichts zu tun. Es fiel nicht in die Aufteilung und war, wie Claudia trocken sagte, im Moment nicht meine Baustelle.
Beim Unterhalt für Emma sei die Sache wieder anders. Wenn es tatsächlich zur Scheidung komme, orientiere man sich bei einem Kind üblicherweise an einem Viertel des offiziellen Einkommens, sofern kein Gericht etwas anderes festlege oder wir eine Vereinbarung treffen würden. Lukas’ offizielles Gehalt lag bei ungefähr 1.200 Euro. Aber die Überweisungen an Sophie waren nicht von seinem Gehaltskonto weggegangen, sondern von einem anderen Konto. Das bedeutete: Er hatte Rücklagen. Oder irgendeine weitere Geldquelle, von der ich nichts gewusst hatte.
Ich tippte alles in meine Notizen, Wort für Wort.
Am fünften Tag bin ich zum Bezirksgericht gegangen und habe den Antrag abgegeben. Bis dahin hatte ich mir nie vorstellen können, einmal mit meinem Ausweis in der Hand in einer ganz normalen Warteschlange zu stehen und dabei im Kopf mein Leben in ein Davor und ein Danach zu teilen. Es war nichts Dramatisches daran. Ein Gang, ein Schalter, eine Mitarbeiterin, die meine Unterlagen entgegennahm und mir erklärte, die Eintragung werde binnen fünf Werktagen erledigt. Ich unterschrieb, steckte die Kopie in meine Tasche und ging hinaus.
Am sechsten Tag habe ich mit Lukas gesprochen.
Emma war bei einer Freundin zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Lukas kam von der Arbeit heim, zog sich um und setzte sich zum Abendessen an den Tisch. Ich stellte ihm einen Teller mit Ragout hin und nahm ihm gegenüber Platz.
„Lukas, wer ist Sophie Astachowa?“
Er hörte auf zu kauen. Nicht sofort. Zuerst kaute er den Bissen fertig. Dann legte er die Gabel langsam neben den Teller.
„Woher weißt du das?“
Nicht: „Wer soll das sein?“ Nicht: „Welche Sophie?“ Sondern: „Woher weißt du das?“
„Mich interessiert im Moment etwas anderes“, sagte ich ruhig. „Du hast ihr meine Einkommensbestätigung gegeben. Sie hat mit meinen Daten einen Kredit beantragt. Das ist Betrug. Ist dir das überhaupt klar?“
Er wurde blass. Wirklich blass. Nicht theatralisch, nicht wie in einem Film, sondern so, wie ein Mensch aussieht, der plötzlich begreift, dass es in diesem Gespräch nicht um verletzte Gefühle gehen wird.
„Anna, das ist nicht so, wie du glaubst. Sie wollte nicht …“
„Es ist mir egal, was sie wollte. Mich interessiert, was du getan hast. Du hast meine Unterlagen genommen. Du hast sie einer fremden Frau weitergegeben. Diese Frau hat in meinem Namen einen Kreditantrag gestellt. Und du überweist ihr jeden Monat Geld. Ungefähr so viel, wie du mir für unsere Familie gibst. Das ist nicht einfach nur Fremdgehen, Lukas. Oder genauer: Es ist nicht nur das. Es ist etwas deutlich Schlimmeres.“
Er sagte eine Weile gar nichts. Dann murmelte er:
„Der Kredit ist eh nicht bewilligt worden. Es ist doch nichts passiert.“
„Doch“, antwortete ich. „Meine Daten sind bei jemandem gelandet, dem sie nie hätten gehören dürfen. Die Anfrage steht in meiner Bonitätsauskunft. Und wenn der Kredit durchgegangen wäre, wäre die Schuld auf mich gelaufen. Verstehst du das wenigstens?“
Er verstand es. Ich sah es ihm an den Augen an.
„Ich hab nicht gedacht, dass es so weit kommt“, sagte er leise. „Sie hat gesagt, sie braucht es nur kurz. Nur zum Überbrücken.“
Ich stand vom Tisch auf.
„Lukas, ich werde jetzt nicht schreien. Ich werde auch keine Teller an die Wand werfen. Ich sage dir nur, was als Nächstes passiert. Morgen kommst du mit mir zu meiner Juristin. Wir setzen uns hin und legen alles offen: die Wohnung, das Auto, das Geld, Emma. Wenn du nicht mitkommst, gehe ich zur Polizei und erstatte Anzeige wegen versuchten Betrugs. Ich habe den Bankausdruck, die Telefonnummer und Screenshots von den Überweisungen. Das ist keine Hysterie und keine Erpressung. Es ist nur die Information, was ich tun werde.“
Er widersprach nicht.
Am nächsten Tag fuhren wir gemeinsam zu Claudia. Lukas saß auf der vorderen Stuhlkante und starrte auf den Boden, während sie vor ihm die Unterlagen ausbreitete.
Claudia hielt keine Moralpredigt. Sie stellte Fragen. Sachlich, präzise, ohne jede Schärfe in der Stimme.
„Lukas, von welchem Konto sind die Überweisungen an diese Nummer abgegangen?“
„Vom Sparkonto.“
„Dieses Konto läuft auf Sie?“
„Ja.“
„Anna wusste davon nichts?“
„Nein.“
„Wie viel ist derzeit noch darauf?“
Er schwieg kurz.
„Ungefähr 1.200 Euro.“
„Und wie viel war vorher darauf?“
Diesmal dauerte seine Pause länger.
„Ungefähr 4.000.“
Viertausend Euro. Ein Sparkonto, von dem ich nie erfahren hatte. Geld, das er zurückgelegt hatte – oder das wir zurückgelegt hatten – und das nun Monat für Monat in Richtung Donaustraße verschwunden war.
Claudia drehte sich zu mir.
„Anna, möchten Sie die Scheidung einreichen?“
Ich sah Lukas an. Dreizehn Jahre. Emma. Unsere Wohnung. Alles, was wir aufgebaut hatten.
„Ich will zuerst, dass alles offen am Tisch liegt“, sagte ich. „Alle Konten. Alle Überweisungen. Alle Verpflichtungen. Danach entscheide ich.“
Claudia nickte langsam.
„Gut. Dann beginnen wir mit einer notariellen Vereinbarung.“
