Je nachdem, auf wen sie im Grundbuch eingetragen war und welche Umstände nachweisbar waren, würde sie bei einer Scheidung grundsätzlich zur Hälfte aufgeteilt werden — oder unter besonderer Berücksichtigung von Leonies Interessen. Wenn Lukas allerdings versuchen sollte, die Wohnung zu verkaufen oder zu verschenken, bräuchte er dafür meine notariell beglaubigte Zustimmung. Ohne diese Zustimmung ließe sich so ein Geschäft später anfechten. Trotzdem, sagte Barbara, sei es gescheiter, nicht erst im Nachhinein zu reagieren.
„Lassen Sie beim Grundbuchsgericht eine entsprechende Anmerkung beziehungsweise Sperre eintragen“, erklärte sie. „Das kostet nicht die Welt und ist kein Feldzug, sondern ein ganz normales Schriftstück. Damit kann ohne Ihr persönliches Mitwirken nichts einfach über Sie drüber entschieden werden.“
Das Auto war auf Lukas angemeldet, aber während der Ehe gekauft worden. Also zählte auch das grundsätzlich zum gemeinsamen Vermögen. Nur war ein Auto viel leichter beiseitezuschaffen: Für den Verkauf eines Wagens brauchte man nicht automatisch die Zustimmung des Ehepartners, auch wenn man die Sache danach rechtlich bekämpfen konnte. Ich sollte alles festhalten: Modell, Baujahr, Kilometerstand, ungefähren Marktwert.
Das Ferienhaus gehörte Theresa. Es fiel nicht in die Aufteilung. Nicht meine Baustelle.
Bei der Alimente-Frage wurde Barbara noch nüchterner. Sollte es tatsächlich zur Scheidung kommen, orientiere man sich bei einem Kind meist an einem Viertel des offiziellen Einkommens, sofern kein Gericht etwas anderes festlege oder keine Vereinbarung getroffen werde. Lukas’ offizieller Lohn lag bei rund 1.200 Euro. Doch die Überweisungen an Sophie waren nicht von seinem Gehaltskonto weggegangen, sondern von einem anderen Konto. Das hieß: Er hatte Rücklagen. Oder irgendeine weitere Geldquelle, von der ich nichts gewusst hatte.
Ich schrieb alles in meine Notizen.
Am fünften Tag bin ich zum Bezirksgericht gegangen und habe den Antrag gestellt. Bis dahin hätte ich mir nie vorstellen können, einmal mit meinem Ausweis in der Hand in einer ganz normalen Warteschlange zu stehen und dabei innerlich mein Leben in ein Vorher und ein Nachher zu teilen. Ein gewöhnlicher Gang. Ein gewöhnlicher Schalter. Eine junge Mitarbeiterin hat die Unterlagen entgegengenommen und mir erklärt, dass die Eintragung binnen weniger Werktage erledigt werde. Ich habe unterschrieben und bin wieder hinausgegangen.
Am sechsten Tag habe ich mit Lukas geredet.
Leonie war bei einer Schulfreundin auf einer Geburtstagsfeier. Lukas kam von der Arbeit heim, zog sich um und setzte sich zum Abendessen. Ich stellte ihm einen Teller mit Eintopf hin und nahm ihm gegenüber Platz.
„Lukas, wer ist Sophie Astachowa?“
Er hörte auf zu kauen. Nicht sofort. Erst kaute er fertig. Dann legte er die Gabel ab.
„Woher weißt du das?“
Nicht: „Wer soll das sein?“ Nicht: „Welche Sophie?“ Sondern: „Woher weißt du das?“
„Mich interessiert etwas anderes“, sagte ich. „Du hast ihr meine Einkommensbestätigung gegeben. Sie hat mit meinen Daten einen Kredit beantragt. Das ist Betrug. Ist dir das klar?“
Er wurde blass. Wirklich blass. Nicht wie in einem schlechten Film, sondern wie ein Mensch, dem gerade aufgeht, dass es in diesem Gespräch nicht um verletzte Gefühle gehen wird.
„Anna, so ist das nicht. Sie wollte ja nicht …“
„Was sie wollte, ist mir wurscht. Mich interessiert, was du getan hast. Du hast meine Unterlagen genommen. Du hast sie einer fremden Person weitergegeben. Diese Person hat in meinem Namen einen Kreditantrag gestellt. Und du überweist ihr jeden Monat Geld. Ungefähr so viel, wie du mir für unsere Familie gibst. Das ist nicht einfach nur Fremdgehen, Lukas. Oder genauer gesagt: Es ist nicht nur Fremdgehen. Es ist etwas deutlich Schlimmeres.“
Er schwieg. Dann sagte er:
„Der Kredit wurde eh nicht bewilligt. Es ist doch nichts passiert.“
„Doch. Es ist etwas passiert. Meine Daten sind bei einer fremden Frau gelandet. Die Anfrage steht in meiner Bonitätsauskunft. Und wenn der Kredit genehmigt worden wäre, hätte die Schuld auf meinen Namen gelautet. Begreifst du das überhaupt?“
Er begriff es. Ich sah es an seinen Augen.
„Ich hab nicht gedacht, dass es so ausgeht“, sagte er leise. „Sie hat gemeint, sie braucht es nur ganz kurz. Nur zum Überbrücken.“
Ich stand vom Tisch auf.
„Lukas, ich werde nicht schreien. Ich werde kein Geschirr an die Wand werfen. Ich sage dir nur, wie es jetzt weitergeht. Morgen fährst du mit mir zu meiner Anwältin. Wir setzen uns hin und legen alles offen: die Wohnung, das Auto, das Geld, Leonie. Wenn du nicht mitkommst, gehe ich zur Polizei und erstatte Anzeige wegen versuchten Betrugs. Ich habe den Ausdruck von der Bank, die Telefonnummer und die Screenshots der Überweisungen. Das ist keine Hysterie und keine Erpressung. Ich teile dir nur mit, was ich tun werde.“
Er widersprach nicht.
Am nächsten Tag sind wir gemeinsam zu Barbara gefahren. Lukas saß auf der Stuhlkante und starrte auf den Boden, während die Anwältin die Unterlagen vor ihm ausbreitete.
Barbara hielt keine Moralpredigt. Sie stellte Fragen.
„Lukas, von welchem Konto sind die Überweisungen auf diese Nummer abgegangen?“
„Von einem Sparkonto.“
„Läuft dieses Konto auf Ihren Namen?“
„Ja.“
„Anna wusste nichts davon?“
„Nein.“
„Wie viel ist derzeit darauf?“
Er schwieg einen Moment.
„Ungefähr 1.200 Euro.“
„Und wie viel war einmal drauf?“
Diesmal dauerte seine Pause länger.
„Etwa 4.000.“
Viertausend Euro. Ein Sparkonto, von dem ich keine Ahnung gehabt hatte. Geld, das er angespart hatte — oder das wir angespart hatten — und das Stück für Stück in Richtung Donaustraße verschwunden war.
Barbara wandte sich zu mir.
„Anna, wollen Sie sich scheiden lassen?“
Ich sah Lukas an. Dreizehn Jahre. Leonie. Unser Zuhause. Alles, was wir aufgebaut hatten.
„Ich will zuerst, dass alles offen auf dem Tisch liegt. Alle Konten. Alle Überweisungen. Alle Verpflichtungen. Danach entscheide ich.“
Barbara nickte.
„Gut. Dann beginnen wir mit einer notariellen Vereinbarung.“
