„Das ist jetzt das Auto von meiner lieben Mama!“ lachte er, während Anna stumm auf die bestickte Tischdecke starrte

Diese peinliche Stille ist unerträglich und herzzerreißend.
Geschichten

Anna ist aus dem Taxi gestiegen und für ein paar Augenblicke vor dem Hauseingang des Elternhauses stehen geblieben. In ihrer Handtasche lag das Handy mit dunklem Display, und im Nachtkastl ihrer gemieteten Wohnung lagen seit drei Wochen die Schlüssel vom Solaris herum. Seit jenem Abend, an dem Lukas beide Schlüsselbunde an sich genommen und zu seiner Mutter gebracht hatte, hatte sie sie nicht mehr angerührt.

Die Tür hat ihr Vater Josef geöffnet. Er hat knapp gegrüßt und gleich über ihre Schulter hinweg in das leere Stiegenhaus geschaut.

„Wo ist das Auto?“

Lukas, der hinter ihr die Stufen heraufgekommen war und ein Sackerl mit Orangen in der Hand hielt, trat vor und stellte sich halb vor seine Frau. Sein Lächeln war breit, fast ausgelassen, als hätte er eine besonders gute Nachricht zu verkünden.

„Das ist jetzt das Auto von meiner lieben Mama!“, sagte er lachend und breitete die Arme aus, als würde er einen gelungenen Scherz präsentieren.

Anna blieb stumm. Sie hob nicht einmal den Blick.

Josef sah seinen Schwiegersohn an. Lange. So lange, dass selbst Lukas’ Grinsen langsam festfror. Schließlich trat Josef zur Seite und nickte in Richtung Vorzimmer.

„Kommt herein.“

Als Erster ging Lukas in die Küche. Er warf seine Jacke ab, hängte sie über die Sessellehne und griff sofort nach dem Salat, der bereits auf dem Tisch stand. Anna setzte sich ihm gegenüber, legte die Hände in den Schoß und starrte auf die bestickte Tischdecke.

Ihre Mutter Maria kam mit einem Topf Erdäpfel aus der Küche. Sie stellte ihn auf den Tisch und verschwand wieder, ohne Lukas zu begrüßen. Nicht einmal einen Blick warf sie in seine Richtung.

Lukas häufte sich Essen auf den Teller und redete dabei, ohne vom Tisch aufzuschauen.

„Gestern war ich mit Mama beim Wochenendhaus draußen. Wir haben ein neues Sofa geholt. Das Auto ist wirklich super, geräumig ohne Ende. Mama fährt damit wie ein Profi, das hätt ich ihr gar nicht zugetraut. Dann sind wir noch beim Lager vorbeigefahren und haben Ware übernommen. Auf dem Rückweg hat ein Reifen ein bissl Luft verloren, aber sie ist selbst zur Pumpe gefahren, hat mich nicht einmal gebraucht.“

Er sprach und kaute gleichzeitig. Maria stellte den Wasserkocher auf den Tisch, setzte sich ans Fenster und würdigte die beiden Gäste weiterhin keines Blickes.

Josef stand auf, ging ins Zimmer und kam mit einer Mappe zurück. Dick, mit festem Einband, legte er sie neben den Teller seines Schwiegersohns. Dann schlug er sie auf und drehte die Unterlagen zu Lukas hin.

„Schenkungsvertrag“, sagte er leise.

Lukas erstarrte. Der Löffel blieb auf halbem Weg zu seinem Mund stehen, und sein Gesicht verlor langsam die Farbe.

„Eigentümerin des Autos ist Anna. Nicht du. Und auch nicht deine Mutter.“

„Ja schon, aber wir sind doch eine Familie, das ist doch gemeinsames Eigentum, wir haben doch…“

„Geschenkt“, unterbrach ihn Josef, und seine Stimme wurde härter. „Vermögen, das einem Ehepartner geschenkt wurde, gehört nicht automatisch beiden. Das Auto gehört ausschließlich Anna. Du und deine Mutter benützt fremdes Eigentum, ohne dass die Eigentümerin zugestimmt hat.“

Lukas legte den Löffel weg. Er sah zu seiner Frau hinüber. Anna senkte weiterhin den Blick. Also wandte er sich wieder an Josef und versuchte zu lächeln, doch es wurde nur ein schiefer, angespannter Zug um den Mund.

„Aber bitte, Josef, wir sind doch keine Fremden. Meine Mama ist krank, sie braucht Unterstützung. Das Herz macht ihr Probleme, der Blutdruck spielt verrückt. Und Anna sitzt daheim und fährt ja eh nicht. Sie hat doch selbst gesagt, dass sie Angst vorm Autofahren hat. Was soll daran schlecht sein? Ich will doch nur, dass es allen leichter geht. Und Sie kommen mir gleich mit fremdem Eigentum. Das ist meine Mutter. Sie tun ja gerade so, als wär meine Mama irgendeine wildfremde Person.“

Josef stützte beide Hände auf die Tischkante.

„Du willst, dass meine Tochter den Mund hält. Dass sie zu Fuß geht, während deine Mutter mit einem Auto herumfährt, für das ich einen Kredit aufgenommen habe und meine Frau ihren Schmuck verkauft hat. Familienschmuck. Von meiner Großmutter.“

Die Stille legte sich über die Küche wie eine schwere Decke. Anna hörte, wie der Wasserkocher leise zu surren begann, und irgendwo im Gang tropfte ein Wasserhahn.

Dann drehte sich Josef zu seiner Tochter um. Sein Ton wurde ruhiger, beinahe sanft, aber er ließ keinen Widerspruch zu.

„Anna, zieh dich an. Wir fahren das Auto holen. Jetzt.“

Anna erhob sich. Lukas sprang ebenfalls auf, griff nach seinem Handy auf dem Tisch und tippte hastig mit den Fingern auf dem Display herum.

„Ich glaub, ich hör nicht recht. Meinen Sie das jetzt ernst? Sie erniedrigen mich vor Ihren Leuten? Wegen irgendeiner Karre?“

„Das ist nicht irgendeine Karre“, erwiderte Josef, ohne sich umzudrehen. „Das ist Annas Eigentum. Zieh dich an, mein Kind.“

Sie gingen zu dritt hinaus: Anna, ihr Vater und ihre Mutter. Lukas blieb zunächst in der Küche. Dann kam er doch ins Vorzimmer, und während Anna ihren Mantel anzog, sagte er ihr leise, aber deutlich in den Rücken:

„Du hast deine Familie verraten. Merk dir das.“

Anna hielt für einen Moment inne, drehte sich aber nicht um. Josef öffnete die Wohnungstür und ließ seine Tochter zuerst hinausgehen.

Unten vor dem Haus wartete bereits ein Taxi. Maria setzte sich hinten hinein, Anna neben sie, Josef nahm vorne Platz. Er nannte die Adresse von Barbara, und der Wagen fuhr los.

Während der ganzen Fahrt schaute Anna aus dem Fenster. Ihre Mutter sagte kein Wort, hielt aber Annas Hand mit kalten Fingern fest umschlossen.

Das Taxi blieb vor einem alten fünfstöckigen Wohnhaus am Rand des Bezirks stehen. Im dritten Stock brannte Licht. Anna erinnerte sich daran, wie ihre Schwiegermutter vor einem halben Jahr um die Schlüssel gebeten hatte, „nur für einen Tag, ich muss zum Arzt“. Daraus waren zwei Tage geworden. Dann eine Woche. Und irgendwann hatte Lukas nur mehr beiläufig gesagt, seine Mutter sei jetzt in der Versicherung mit eingetragen. Anna hatte damals nicht mehr widersprochen.

Josef ging voran. Er läutete. Barbara öffnete beinahe sofort, als hätte sie direkt hinter der Tür gewartet. Sie trug einen geblümten Morgenmantel, in der Hand hielt sie ihr Handy. Offenbar hatte Lukas sie bereits gewarnt.

„Josef, was für eine Überraschung“, sagte Barbara und zwang sich ein Lächeln ab. „Lukas hat angerufen, er hat gemeint, ihr habt euch ein bissl gestritten. Aber geh, das sind doch Kleinigkeiten, Familiensachen. Ich setz gleich Tee auf, dann reden wir in Ruhe drüber, ganz ohne Aufregung.“

„Die Autoschlüssel“, sagte Josef sachlich.

„Natürlich, sofort.“ Sie wandte sich zum Garderobenhaken, machte einen Schritt und riss plötzlich die Tür zu sich heran, um sie zuzuschlagen.

Josef stellte die Hand dagegen und stemmte sie gegen den Türstock.

„Sparen wir uns das Theater. Das Auto gehört Anna. Du verwendest es seit einem halben Jahr ohne Erlaubnis. Nicht ein einziges Mal hast du sie gefragt, ob sie damit einverstanden ist. Gib die Schlüssel freiwillig her, oder ich rufe die Polizei. Sämtliche Unterlagen habe ich bei mir.“

Barbaras Gesicht verzerrte sich. Abrupt drehte sie sich um, verschwand in der Wohnung und kam gleich darauf zurück. In ihrer Faust hielt sie die Schlüssel. Ihre Augen waren vor Zorn ganz hell geworden.

„Da, nimm sie!“

Sie schleuderte die Schlüssel direkt in Annas Gesicht, mit voller Absicht. Das Metall traf Anna an der Wange und fiel klirrend auf den Boden. Maria stieß erschrocken die Luft aus. Josef rührte sich nicht.

„Aber dein Mann wird dich verlassen, merk dir das!“, schrie Barbara Anna hinterher, während diese sich bückte und die Schlüssel aufhob. „Eine anständige Ehefrau steht zu ihrem Mann! Und was machst du? Egoistin! Einer kranken Frau gönnst du nicht einmal ein Auto! Du solltest mir bis an dein Lebensende dankbar sein, dass ich meinen Sohn dich heiraten hab lassen!“

Anna richtete sich auf. Ihre Hände zitterten nicht. Sie sah ihre Schwiegermutter an, sagte aber kein Wort. Dann drehte sie sich um und ging die Stiege hinunter.

Maria folgte ihr. Josef blieb noch einen Augenblick stehen und sah zu, wie Barbara die Tür zuschlug. Danach ging auch er hinunter in den Hof.

Der Solaris stand direkt vor dem Hauseingang. Ein Reifen war halb leer, auf der Motorhaube zogen sich schmutzige Schlieren, und der Seitenspiegel hing schief. Anna sperrte die Tür auf und blieb wie angewurzelt stehen.

Auf der Rückbank lagen fremde Taschen, eine alte fleckige Weste, zwei leere Limonadenflaschen und verstreute Zettel. Im Innenraum roch es nach Tabak und billigem Parfum. Auf dem Beifahrersitz lagen Barbaras Handschuhe.

Maria begann schweigend, die Sachen herauszuräumen. Stück für Stück nahm sie alles aus dem Auto und legte es ordentlich auf den Asphalt neben die Haustür.

Josef trat zu Anna und berührte sie leicht an der Schulter.

„Setz dich ans Steuer. Wir fahren heim.“

Anna stieg ein. Das Lenkrad fühlte sich klebrig und kalt an. Sie schaute zu ihrem Vater hinüber, der sich auf den Beifahrersitz setzte und anschnallte. Hinten nahm ihre Mutter Platz.

Anna startete den Motor, trat die Kupplung und fuhr langsam aus dem Hof. Im Rückspiegel sah sie, wie im dritten Stock der Vorhang zuckte.

Zwei Tage vergingen. Lukas rief nicht an, schrieb keine Nachricht und tauchte auch nicht auf. Anna begann fast zu glauben, er sei einfach verschwunden. Doch am dritten Abend läutete es an der Wohnungstür. Sie öffnete. Lukas stand draußen. Ohne ein Wort zu sagen, ging er ins Zimmer und hielt ihr ein zerknittertes Blatt hin.

„Lies.“

Anna überflog die Zeilen. „Du hast mich verraten. Du hast deine Eltern gewählt und nicht deine Familie. Du hast meine kranke Mutter gedemütigt. Ich gehe. Es wird eine Scheidung geben. Und eine Vermögensaufteilung. Ich habe Anspruch auf Entschädigung.“

Anna hob den Blick.

„Verschwind.“

Lukas starrte sie überrascht an, als hätte er Tränen erwartet, einen Zusammenbruch, Bitten oder zumindest Erklärungen. Doch Anna sah schweigend an ihm vorbei. Da knallte er die Tür so heftig zu, dass das Vorzimmer bebte.

Noch lange saß Anna danach in der Küche und betrachtete das zerknitterte Blatt. Die Handschrift war eindeutig Lukas’, aber formuliert hatte diesen Text ganz sicher Barbara. Anna kannte diese Wendungen viel zu gut. Sie faltete den Zettel in der Mitte zusammen und legte ihn in die Tischlade. In ihr war eine seltsame Leere. Es tat nicht weh, es war auch nicht bitter. Es war einfach leer, als hätte jemand etwas Schweres, Unförmiges aus ihrer Brust genommen, das ihr in den letzten Jahren das Atmen erschwert hatte.

Am nächsten Tag fuhr Anna in die Arbeit. Der Solaris stand sauber vor dem Haus. Am Abend zuvor hatte sie den Innenraum vom Tabakgeruch befreit, die fremden Handschuhe entsorgt und jeden Griff gründlich abgewischt. Jetzt roch das Auto nach ihrem eigenen Parfum und nach Kaffee aus dem Thermobecher.

Als sie am Abend zurückkam und den Wagen auf dem Parkplatz abstellte, kam aus dem Nachbarhaus Hedwig heraus und winkte ihr zu.

„Annerl, ich hab euch gestern gesehen! Ihr habt mit deinem Mann so laut im ganzen Stiegenhaus gestritten. Ich wollt schon die Polizei rufen. Lukas hat gesagt, du hättest seine Mutter bestohlen? Geglaubt hab ich’s eh nicht, aber er hat so überzeugend geredet.“

Anna blieb mit den Schlüsseln in der Hand stehen.

„Bestohlen? Das hat er wirklich gesagt?“

„Ja freilich. Er hat behauptet, du hättest einer kranken Frau das Auto weggenommen, und jetzt liege sie mit einer Herzattacke daheim. Und außerdem hättest du ihre Sachen auf den Asphalt geworfen. Ich hab noch gesagt: ‚Lukas, die Anna ist nicht so.‘ Aber er hat nur abgewunken und ist gegangen.“

Anna atmete tief ein und langsam wieder aus.

„Hedwig, ich habe nichts gestohlen. Das Auto gehört mir. Meine Eltern haben es mir geschenkt. Meine Schwiegermutter ist ein halbes Jahr damit gefahren, ohne dass ich zugestimmt habe. Und ihre Sachen habe ich nicht weggeworfen, sondern nur zurückgegeben. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen die Unterlagen zeigen.“

Hedwig schlug entsetzt die Hände zusammen.

„Na servas, was ist denn da los! Und mir hat er das alles so schön ins Ohr gesungen. Anna, halt durch. Ich sag jetzt allen im Haus, dass sie ihm kein Wort glauben sollen.“

Hedis Stube