Das Bad, die Küche, jeden Winkel der Wohnung …
„Und was wird aus eurer Privatsphäre?“, fragte Katharina und hob vielsagend die Augenbrauen. „Ihr seid doch noch nicht lange verheiratet. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das gehen soll … na ja, du weißt schon. Wenn gleich hinter der Wand die Eltern sitzen.“
Anna stöhnte leise auf und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Mein Gott, das ist ja ein Albtraum.“
„Vielleicht gibt es trotzdem irgendeinen Ausweg“, meinte Katharina und schenkte noch ein wenig Tee nach. „Ihr könntet seinen Eltern zum Beispiel eine kleine Wohnung mieten. Nur ein Zimmer, irgendwo in einem Randbezirk. Das käme euch sicher billiger als eine Scheidung.“
„Lukas sagt, dafür ist kein Geld da“, seufzte Anna. „Und leider hat er recht. Nach der Renovierung sind wir komplett blank. Und der Autokredit läuft auch noch.“
„Oder du redest einmal direkt mit seinen Eltern“, schlug Katharina vor. „Erklär ihnen, wie es für euch ausschaut. Sie müssen doch verstehen, dass eine junge Familie ein bisserl eigenen Raum braucht.“
Anna verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.
„Du kennst Theresa schlecht“, sagte sie leise. „Für sie gehört ihr Sohn immer noch ihr. Niemand liebt ihn angeblich so wie sie. Und eine Schwiegertochter bleibt in ihren Augen eine Fremde, die ihr den geliebten Buben weggenommen hat.“
„Das klingt nach einem schweren Fall“, gab Katharina zu und nickte. „Aber versuchen solltest du es trotzdem. Immerhin geht es um deine Ehe.“
Anna blieb über Nacht bei Katharina. Ihr Handy drehte sie ab; sie wollte mit ihrem Mann nicht sprechen. Sie brauchte Abstand, ein paar Stunden Ruhe, um ihre Gedanken zu ordnen und überhaupt begreifen zu können, was sie jetzt tun sollte.
Am nächsten Morgen nahm sie all ihren Mut zusammen und fuhr nach Hause. Lukas war bereits in der Arbeit, seine Mutter hantierte in der Küche und bereitete das Frühstück vor. Als Theresa ihre Schwiegertochter sah, presste sie die Lippen zusammen.
„Da bist du ja endlich. Dein Mann hat die ganze Nacht kein Auge zugemacht vor lauter Sorge.“
Anna ging auf die Spitze nicht ein.
„Guten Morgen, Theresa. Wo ist Michael?“
„Einkaufen“, antwortete die ältere Frau und rührte weiter in einem Topf. „Setz dich. Ich geb dir etwas zu essen. Du wirst ja hungrig sein.“
Anna wollte zuerst ablehnen, doch dann dachte sie, dass es vielleicht kein schlechter Anfang für ein Gespräch wäre. Also setzte sie sich an den Tisch.
„Danke. Ein Frühstück wäre lieb.“
Theresa stellte ihr eine Schüssel Haferbrei hin.
„Iss, solange er warm ist. Meinen Luki habe ich immer so gefüttert. Seit er ein kleiner Bub war, hat er Haferbrei mit Butter und Rosinen gerngehabt.“
„Ich weiß“, sagte Anna und nickte. „Am Wochenende mache ich ihm den auch öfter.“
„Na immerhin“, bemerkte die Schwiegermutter zustimmend. „Dann hast du deinen Mann zwischen deiner Arbeit also doch noch nicht ganz vergessen.“
Anna spürte, wie der Ärger in ihr hochstieg, doch sie schluckte ihn hinunter. Für einen Streit war jetzt nicht der richtige Moment.
„Theresa, wir müssen reden“, begann sie und schob die Schüssel ein Stück von sich weg. „Über die Situation, in die wir alle geraten sind.“
Die ältere Frau setzte sich ihr gegenüber.
„Dann reden wir eben. Obwohl ich ehrlich gesagt nicht weiß, was es da groß zu besprechen gibt. Mein Sohn hat beschlossen, seinen Eltern zu helfen. Das ist doch selbstverständlich.“
„Ich verstehe, dass Sie und Michael gerade in einer schwierigen Lage sind“, sagte Anna vorsichtig. „Und ich will helfen. Lukas und ich sind eine Familie, also gehen uns Ihre Sorgen natürlich auch etwas an.“
„Sehr richtig“, nickte Theresa. „Dann ist ja alles entschieden.“
„Nicht ganz.“ Anna holte tief Luft. „Unsere Wohnung ist für vier erwachsene Menschen zu klein. Als Übergang, ja, vielleicht. Aber auf Dauer müssen wir eine andere Lösung finden.“
„Zum Beispiel?“, fragte Theresa und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Vielleicht könnten wir in der Nähe eine kleine Wohnung für Sie mieten“, schlug Anna vor. „Lukas und ich würden finanziell beitragen, so gut es eben geht. Oder … vielleicht hat Lukas irgendwelche Ersparnisse, von denen ich nichts weiß?“
„Er hat keine Ersparnisse“, fuhr Theresa sofort dazwischen. „Alles ist in eure Renovierung geflossen. In diese italienischen Fliesen, die du unbedingt haben wolltest. Und in die teuren Kästen mit den Schiebetüren.“
„Wir beide wollten, dass die Wohnung ordentlich hergerichtet wird“, entgegnete Anna bemüht ruhig. „Und ich bin Ihnen für Ihre Hilfe wirklich dankbar. Aber das bedeutet nicht, dass …“
„Dass wir uns damit das Recht erkauft haben, bei euch zu wohnen?“, unterbrach Theresa sie scharf. „Keine Sorge, mein Kind, ich weiß ganz genau, dass wir dir zur Last fallen. Aber Lukas ist mein Sohn. Und er würde uns niemals im Stich lassen, wenn wir in Not sind.“
Anna zwang sich, ihre Stimme weich zu halten.
„Ich verlange ja gar nicht, dass er Sie im Stich lässt.“
