Lena ist in der Tür zu ihrem Schlafzimmer stehen geblieben und hat fassungslos auf das Chaos gestarrt, das Theresa in ihrem Kasten angerichtet hatte. Ganze Fächer waren leer geräumt, als wäre ein Sturm durch ihre Sachen gefahren. Auf dem Bett lag nur noch ein ordentlich geschlichteter Stapel: graue Blusen, dunkle knielange Röcke, farblose Strickjacken. Alles, was ihre Schwiegermutter offenbar für eine verheiratete Frau passend fand.
„Wo sind meine Sachen?“ Lenas Stimme hat gezittert, nicht vor Angst, sondern vor mühsam zurückgehaltener Wut.
Theresa drehte sich nicht einmal vom Spiegel weg. Sie war gerade dabei, daneben einen neuen Bilderrahmen mit dem Foto irgendeines Mannes aufzuhängen, und sagte völlig ungerührt:
„Den unpassenden Fetzenkram hab ich weggeworfen. Eine verheiratete Frau läuft nicht in so aufreizenden Kleidern herum. Jetzt schaust du endlich aus wie eine anständige Ehefrau meines Sohnes.“
In Lena ist etwas gerissen. Ein Jahr. Ein ganzes Jahr hatte sie diese Bevormundung als angebliche Fürsorge geschluckt. Ein Jahr lang hatte sie sich anhören müssen, wie man eine Suppe richtig kocht, wie Wäsche zusammengelegt gehört und wie man den Ehemann daheim empfängt. Ein Jahr lang hatte sie zugesehen, wie ihre Zweizimmerwohnung langsam in ein Museum des schlechten Geschmacks verwandelt worden war, vollgestellt mit Nippes, kitschigen Rahmen und Bildern von kleinen Katzen.

„Das war meine liebste rote Bluse!“ Tränen brannten ihr in den Augen, doch ihre Stimme blieb scharf. „Und das blaue Kleid, das Florian mir zum Geburtstag geschenkt hat!“
„Es war viel zu kurz“, meinte Theresa nur und zuckte mit den Schultern, während sie den nächsten Nagel in die Wand schlug. „Und der Ausschnitt war unanständig. Was sollen denn die Leute denken? Dass mein Sohn eine leichtfertige Frau geheiratet hat?“
„Florian!“ Lena fuhr herum und lief in den Vorraum. „Florian, komm sofort her!“
Ihr Mann erschien aus der Küche, ein belegtes Brot in der Hand und ein verlegenes Lächeln im Gesicht.
„Lena, was ist denn los? Mama hat gesagt, sie wollte dir nur helfen, deinen Kasten auszumisten …“
„Helfen?“ Lena schnappte nach Luft, so sehr kochte die Empörung in ihr hoch. „Sie hat die Hälfte meiner Kleidung weggeworfen! Ohne mich zu fragen! Während ich nicht daheim war!“
Florian trat unsicher von einem Fuß auf den anderen.
„Na ja, Mama, vielleicht hättest du vorher fragen sollen …“, begann er zaghaft.
„Was gibt es da groß zu fragen?“ Theresa kam aus dem Schlafzimmer, die Bohrmaschine noch in der Hand. „In einer Familie gehört alles allen. Die Wohnung ist gemeinsam, die Sachen sind gemeinsam. Und als ältere Frau im Haus hab ich wohl das Recht, hier Ordnung hineinzubringen.“
„Gemeinsam?“ Lena spürte, wie ihre Wut kalt wurde und ihr durch die Adern kroch. „Was genau soll daran gemeinsam sein? Diese Wohnung hab ich von meinem eigenen Geld gekauft, noch bevor wir geheiratet haben! Ich hab die kleine Garçonnière meiner Großmutter verkauft und den Rest aus meinen Ersparnissen draufgelegt!“
„Lena, schrei bitte nicht“, bat Florian, doch in seiner Stimme lag keine Spur von Entschlossenheit. „Mama ist nicht mehr die Jüngste. Allein in ihrer Wohnung ist es für sie schwer. Der Lift funktioniert dauernd nicht, die Heizung spinnt …“
„Und hier fällt es ihr leicht, mein Leben zu zerlegen!“ Lena wandte sich wieder zu Theresa. „Ein Jahr lang ertrage ich Ihre Belehrungen! Ein Jahr lang rücken Sie meine Möbel um, hängen Ihre Bilder auf und erklären mir, wie ich zu leben habe! Aber jetzt reicht es endgültig!“
