„Ihr werdet das jetzt ordentlich regeln!“ knallte Johanna und marschierte ohne die Schuhe auszuziehen in die Wohnung

Diese unerhörte Ungerechtigkeit ist zutiefst empörend.
Geschichten

— Mein Sohn ist bei deinem Mann gemeldet, also hat er ein Recht auf eure Wohnung! Ich hab mich erkundigt!

Theresa zog die Tür ein Stück enger zu, gerade so, dass die Besucherin nicht auf die Idee kam, man würde sie gleich hereinbitten. Vor der Zweizimmerwohnung stand Johanna, die Exfrau ihres Mannes, in einem Lackmantel, viel zu schwer für den Juli, das Handy schon griffbereit. Hinter ihr lauerte eine Frau mit Notizblock und Kugelschreiber, als wäre sie eigens zum Protokollieren mitgekommen.

— Grüß Gott, — sagte Theresa ruhig.

— Nix Grüß Gott. Ihr werdet das jetzt ordentlich regeln! — Johanna machte einen Schritt nach vorn, der Absatz schlug hart gegen die Schwelle. — Ein Kind hat Anspruch auf den Wohnraum seines Vaters. Gemeldet heißt Anteil, das hat mir ein befreundeter Jurist erklärt.

Die Frau mit dem Block nickte bedeutungsvoll und kritzelte etwas hin. Offenbar sollte genau sie diese juristische Autorität darstellen.

— Barbara, schreib mit, alles mitschreiben, — warf Johanna über die Schulter. — Was sie sagen, wann wir gekommen sind, alles.

Florian kam in Socken ins Vorzimmer, sah, wer vor der Tür stand, und erinnerte sich augenblicklich daran, dass in der Küche noch ein Häferl Tee auf ihn wartete. Er drehte sich um und verschwand. Sein innerer Status „online“ war an diesem Tag in einer Sekunde erloschen.

Theresa blieb allein im Vorzimmer zurück, zwei Frauen gegen sich.

— Kommen Sie herein, — sagte sie. — Dann reden wir das in Ruhe durch.

— In Ruhe will sie das machen! — Johanna marschierte hinein, ohne die Schuhe auszuziehen, und hinterließ feuchte Halbkreise auf dem hellen Linoleum. — Ich hab geglaubt, ihr seid anständige Leute. Aber ihr bringt ein Kind um sein Recht! Sein eigenes Blut! Wo soll mein Lukas denn seinen Anteil haben? Bei wildfremden Leuten?

Lukas — so nannte sie ihren Sohn. In den Papieren hieß er ebenfalls Lukas, doch aus Johannas Mund klang der Name jedes Mal wie eine Reliquie, mit der man jede Tür auframmen durfte.

Die Frau mit dem Notizblock setzte sich ungefragt auf den Hocker im Vorzimmer und legte den Block auf ihre Knie.

— Ich protokolliere, — kündigte sie an. — Für die Kinder- und Jugendhilfe. Barbara, erklär ihr das mit der Behörde.

— Genau dort geh ich hin! — fiel Johanna sofort ein. — Und vor Gericht auch! Ihr werdet euch noch anschauen. Der Bub ist auf dieser Adresse gemeldet, also gehören ihm diese Quadratmeter. Ob euch das passt oder nicht.

Theresa hörte zu. Der Bub, um den es ging, war in dieser Wohnung kein einziges Mal gewesen. Kein einziges Mal in den drei Jahren, seit sie mit Florian verheiratet war. Vor vier Jahren, noch vor ihrer Zeit, hatte man ihn hier gemeldet — „wegen des Sprengels“, damit er in die gute Schule ums Eck kam. Gewohnt hatte er immer bei seiner Mutter, am anderen Ende der Stadt. Seinen Vater traf er samstags für zwei Stunden in einem Café, danach fuhr er wieder zurück.

Wem die Wohnung tatsächlich gehörte, wusste Johanna offenbar überhaupt nicht. Sie hielt sie für eheliches, gemeinsames Eigentum: Wenn der Mann dort gemeldet war, musste es auch etwas zu verteilen geben.

Theresa hatte diese Zweizimmerwohnung aber bereits eineinhalb Jahre gekauft, bevor sie Florian überhaupt kennengelernt hatte.

Hedis Stube