— Anna, warum hebst du denn nicht ab? Wir sind schon auf der Westautobahn! In einer Stunde sind wir da, setz schon einmal den Tee auf! — Theresas Stimme, die Stimme meiner Schwägerin, schepperte so hell aus dem Handy, dass ich leiser stellen musste, damit der Lautsprecher nicht vibrierte.
Ich schaute aufs Display. 30. Dezember, 14:15 Uhr. Draußen fiel träge nasser Wiener Schnee und verwandelte sich auf dem Asphalt sofort in grauen Gatsch.
In meiner Wohnung roch es nach frisch gemahlenem Kaffee und ein bisserl nach Tannennadeln. In der Ecke stand ein kleiner Christbaum, den ich am Abend davor bei einem alten Film geschmückt hatte — schlicht, aber mit Geschmack.
— Theresa, — ich nahm einen Schluck und genoss die Stille in meiner Küche. — Wohin fahrt ihr überhaupt?
— Na geh, Anna! — lachte es aus dem Telefon, und im Hintergrund hörte ich Kinderkreischen und eine tiefe Männerstimme. — Ins Haus natürlich! Zu uns! Wir haben uns gedacht: Warum in der Stadt versauern? Salate haben wir mit, Lukas hat Feuerwerk besorgt. Du machst dort inzwischen langsam die Sauna fertig, ja? Wir kommen ja mit den Kindern, das Haus soll warm sein.

„Zu uns.“
Dieses kurze Wort hat mir schon das dritte Jahr in den Ohren wehgetan — seit mein Mann, Theresas Bruder, nicht mehr gelebt hat.
Das Haus war ein solides, aber pflegeintensives Holzhaus. Es war von meinen Eltern an mich gegangen. Nicht von meinem Mann. Für Theresa aber war es unser „Familiennest“, eine Art lebenslange Eintrittskarte für ihre Erholung.
— Theresa, — sagte ich ruhig und spürte, wie sich die Anspannung in mir langsam löste. — Ich bin nicht im Haus.
Am anderen Ende wurde es still. Nur das Rauschen der Reifen und das Radio im Auto waren zu hören.
— Wie, du bist nicht dort? — Die festliche Helligkeit war aus ihrer Stimme verschwunden; stattdessen kam dieser stählerne Ton, den ich nur zu gut kannte. — Wo bist du dann? Wir haben doch gesagt, Silvester ist ein Familienfest.
— Wir haben gar nichts ausgemacht, Theresa. Du hast mich einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Ich bin daheim. In Wien.
— Aha, — sie überlegte hörbar und schob ihre Pläne im Kopf bereits zurecht. — Na gut. Blöd natürlich, dass das Haus kalt ist. Aber die Schlüssel liegen doch wie immer unter der Veranda im Glas, das wissen wir eh. Lukas heizt schon ein, wir sind ja nicht klein. Du packst dich jetzt zusammen und nimmst ein Taxi oder den Regionalzug. Wir warten auf dich. Allein daheim sitzen, das gehört sich nicht.
Sie fragte nicht einmal. Sie ordnete an.
So, wie sie im letzten Sommer über meine Zeit verfügt hatte, als sie drei Neffen brachte und sie zwei Wochen bei mir ließ: „Anna, du hast dort an der frischen Luft ja sowieso nichts zu tun, und bei mir brennt der Bericht.“
So, wie sie über mein Geld verfügt hatte, wenn ich nach ihren Winterbesuchen wortlos die Stromrechnungen bezahlte, weil es hieß: „Ups, wir haben vergessen, den Zählerstand aufzuschreiben, das rechnen wir später ab.“
Abgerechnet wurde nie.
Die Grenze, hinter die ich nicht mehr zurückwollte.
— Theresa, fahrt nicht weiter, — sagte ich und sah zu, wie eine Schneeflocke an der Fensterscheibe zerging. — Dreht um.
— Was ist denn los mit dir, Anna? Bist du narrisch geworden? Wir haben die Kofferräume voller Essen! Die Kinder freuen sich schon! Lukas ist müde, der kann jetzt nicht gleich wieder zurückfahren. Stell dich nicht so an. So, der Empfang wird schlechter, wir sind bald da. Die Schlüssel unter der Veranda, ich weiß es eh!
Dann legte sie auf.
Ich legte das Handy neben mich und betrachtete meine Hände. Sie waren ruhig. Und dabei hätte ich noch vor einem Jahr ganz anders reagiert.
