„Du verwaltest das Geld, also kaufst du eines.“ sagte Sebastian kalt am Küchentisch, Anna spürte, wie etwas in ihr zu Eis wurde

Diese eiskalte Forderung fühlte sich zutiefst ungerecht an.
Geschichten

„Anna, reiz mich lieber nicht, sonst wirst du es bereuen! Meine Mutter und meine Schwester brauchen ein Auto, und du wirst es kaufen!“, zischte ihr Mann.

„Halt den Mund! Anna, treib es nicht zu weit, sonst lernst du mich kennen! Meine Mutter und meine Schwester brauchen einen Wagen, und du wirst dafür zahlen!“, presste Sebastian hervor.

Seine Worte hingen in der Küchenluft wie ein giftiger Dunst. Anna stand mit dem Rücken zu ihm beim Herd und spürte, wie in ihr etwas langsam kalt wurde. Es brannte nicht, es riss auch nichts auf – es erstarrte einfach, zerfiel innerlich zu einem Stück Eis. Behutsam legte sie den Schöpflöffel weg. Im Topf perlte noch die säuerliche Suppe, es roch nach Dille und Knoblauch, draußen fiel feiner Oktoberregen, und in ihrem Leben hatte sich soeben etwas Unsichtbares, aber Gewaltiges verschoben.

„Was hast du gesagt?“, fragte sie und drehte sich um. Ihre Stimme war leise, doch hart.

Sebastian saß breitbeinig am Tisch und wischte über sein Handy. Er sah nicht einmal auf. Zweiundvierzig Jahre alt, Abteilungsleiter in einer Handelsfirma, Anzug um dreihundert Euro, im Gesicht dieser überhebliche, herablassende Ausdruck. Früher hatte sie in diesem Mann Halt gesehen. Jetzt erkannte sie nur noch Frechheit.

„Du hast mich schon verstanden. Meine Mutter fährt seit dreißig Jahren mit demselben Bus. Katharina ist schwanger, sie braucht auch ein Auto. Du verwaltest das Geld, also kaufst du eines.“

Anna lächelte. Seltsam – als würde gerade ihre ganze Welt einstürzen, und trotzdem verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln.

„Von welchem Geld, Sebastian? Von dem, das ich im Salon verdiene? Sechzig Stunden in der Woche, schmerzende Füße, launische Kundinnen – das ist mein Geld.“

„Unseres“, sagte er und hob endlich den Blick vom Display. Seine Augen waren kalt, fremd. „Wir sind eine Familie. Oder hast du das schon vergessen?“

Siebzehn Jahre Ehe. Zwei Kinder – Lukas auf der Uni, Sophie in der neunten Schulstufe. Eine Wohnung mit Kredit, den sie genauso mitgetragen hatte wie er. Ihre Füße, Schuhgröße siebenunddreißig, waren zwischen Arbeit und Haushalt müde geworden; ihre Hände rochen nach Cremen und Lacken, am Abend tat ihr der Rücken weh. Und er saß einfach da und sagte: „Du kaufst.“

„Vergessen habe ich nichts“, erwiderte Anna und drehte den Herd ab. „Ich kann mich nur nicht erinnern, dass deine Familie jemals gefragt hätte, was ich eigentlich brauche.“

Sebastian stand auf. Groß, breitschultrig – einst hatte sie sich neben ihm geborgen gefühlt. Jetzt sah sie nur noch, wie er seine Größe benutzte, um Druck zu machen.

„Na bitte, jetzt geht das wieder los“, murmelte er, ging zum Fenster und zündete sich eine Zigarette an, obwohl sie ihn oft gebeten hatte, drinnen nicht zu rauchen. „Deine ewigen Kränkungen. Meine Mutter ist alt, und Katharina bekommt bald ihr Kind …“

„Katharina ist achtundzwanzig und hat einen Mann, dann soll der ihr ein Auto kaufen!“, fuhr Anna auf. Endlich brach etwas Heißes durch die Eisschicht in ihr. „Und deiner Mutter gebe ich seit drei Jahren jeden Monat hundert Euro für ‚Medikamente‘, obwohl sie gesünder ist als ich!“

„Wag es nicht, so über meine Mutter zu reden!“

Da war der Bruch. Anna merkte, wie sich der Raum veränderte. Als wäre die Luft plötzlich dichter geworden.

„Ich gehe“, sagte sie, band sich die Schürze ab und hängte sie neben die Wohnungstür. „Der Borschtsch steht am Herd. Wärm ihn dir selber auf.“

„Wohin willst du?“ Sebastian machte einen Schritt zur Tür, doch Anna hatte bereits ihren Mantel genommen. Ihre Hände zitterten, trotzdem brachte sie den Reißverschluss zu.

„Raus. Frische Luft schnappen. Nachdenken.“

„Anna!“

Sie drehte sich nicht mehr um. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, die Stiege rauschte unter ihren Schritten vorbei, und dann stand sie draußen – auf der nassen, dunklen Straße, die nach Herbst roch … und nach Freiheit.

Anna ging rasch, ohne zu wissen, wohin. Sie kam an dem kleinen Geschäft vorbei, in dem sie freitags gewöhnlich einkaufte. Dann an der Bushaltestelle, an der jeden Morgen dieselben erschöpften Gesichter standen. Im Regen sah die Stadt anders aus – verschwommen, beinahe märchenhaft, als wäre sie in einen Film geraten. Die Lichter spiegelten sich in den Lacken, Autos glitten über den feuchten Asphalt, und aus der offenen Tür eines Kaffeehauses drang Musik.

Vor der Auslage eines Juweliers blieb sie stehen. Goldketten, Armreifen, Ringe – alles funkelte im hellen Licht. Wann hatte sie eigentlich zuletzt ein Geschenk bekommen? Zu ihrem Geburtstag hatte Sebastian ihr ein Kuvert hingelegt: „Kauf dir, was du willst.“ Und sie hatte Sophie Turnschuhe gekauft und Lukas einen neuen Rucksack.

Ihr Handy vibrierte. Sebastian. Anna drückte den Anruf weg.

Sie musste weiter. Zum Einkaufszentrum – dort war es warm, hell, man konnte sich im Food Court hinsetzen, einen Kaffee trinken und die Gedanken ordnen. Der Kleinbus brachte sie rasch hin. In der riesigen Halle roch es bereits nach Popcorn.

Hedis Stube