„Ordnung muss sein, Maria“ — sagte Valentina am Drehkreuz, und ich fuhr zurück, um meinen Ausweis heimzuholen

Dieses törichte Zögern fühlte sich zutiefst beschämend an.
Geschichten

Der Ausweis lag auf der kleinen Kommode im Vorzimmer – eine blau einlaminierte Karte mit einem Foto von mir, das drei Jahre alt war. Darauf hatte ich noch einen Pony und diese zwei Fältchen zwischen den Augenbrauen gab es noch nicht. Dass ich ihn daheim vergessen hatte, ist mir erst im Bus aufgefallen, als ich in meiner Tasche nach der Öffi-Karte gegriffen habe und mit den Fingern nur den leeren Boden des Seitenfachs erwischte. Genau dort steckte der Ausweis sonst immer, zusammen mit dem Schlüssel für meinen Spind in der Umkleide.

Ohne diese Karte kam man nicht auf die Station. Beim Eingang stand das Drehkreuz, daneben Valentina, die mich seit sieben Jahren kannte und trotzdem jedes einzelne Mal verlangte, dass ich die Karte an den Leser hielt. „Ordnung muss sein, Maria“, sagte sie dann immer. Also bin ich bei der nächsten Haltestelle ausgestiegen, über die Straße gegangen und wieder zurückgefahren. Bis zum Dienstbeginn blieben noch vierzig Minuten. Wenn ich mich beeilte, würde ich die Karte holen und zurück sein, höchstens zehn Minuten zu spät. Die Stationsschwester würde granteln, aber zehn Minuten waren kein Weltuntergang.

Ich habe niemanden angerufen, um Bescheid zu geben. Genau das war mein Fehler – oder vielleicht das einzig Richtige, das ich an diesem Morgen getan habe.

Der Schlüssel drehte sich fast lautlos im Schloss. Ich sperrte immer vorsichtig auf, damit ich Sophie nicht weckte, wenn ich nach einem Nachtdienst heimkam. Diese Gewohnheit saß mir längst in den Fingern. In der Wohnung roch es nach Kaffee und nach dem süßen Germgebäck, das nur meine Schwiegermutter machte – mit Zimt und sauber zusammengedrückten Rändern. Diesen Duft hätte ich überall erkannt. Also war Theresa gekommen. Seltsam. Normalerweise kündigte sie ihren Besuch eine Woche vorher an und verlangte, dass für sie Topfen mit genau der richtigen Fettstufe im Kühlschrank stand und frisches Brot da war, keines von gestern.

Ich blieb im Vorzimmer stehen, ohne mir die Schuhe auszuziehen. Aus der Küche kamen Stimmen. Die Tür war nicht ganz geschlossen; zwischen Türstock und Türblatt blieb ein Spalt, breit wie eine Hand. Durch ihn fiel ein gelber Lichtstreifen auf den Parkettboden.

„Du darfst das nicht ewig hinausschieben, Florian“, sagte meine Schwiegermutter. „Je länger du wartest, desto schlimmer wird es für sie. Und für dich auch. Solange sie noch nichts kapiert hat, muss alles geregelt werden.“

Ich wollte schon die Tür aufdrücken, „Guten Morgen“ sagen und erklären, dass ich nur wegen meines Ausweises zurückgekommen war. Aber etwas in ihrer Stimme hielt mich fest. Sie klang sachlich, alltäglich, fast gelangweilt – als würde sie besprechen, wohin man einen neuen Kasten stellt. Also blieb ich stehen. Im Mantel, mit der Tasche über der Schulter, im Gang. Und hörte zu, wie in meiner eigenen Küche über mein Leben entschieden wurde, ohne dass die beiden ahnten, dass ich nur drei Meter entfernt war.

„Mama, wohin soll ich sie denn setzen?“, fragte mein Mann matt. Es klang nicht nach Widerspruch. Eher nach jemandem, der darauf wartete, überredet zu werden. „Wir haben Sophie. Nächstes Jahr kommt sie in die Schule.“

„Sophie ist deine Tochter. An sie musst du denken. Und Maria? Wer ist sie denn? Ein fremder Mensch in dieser Familie. War einmal da, und aus. Ihr lasst euch scheiden, du beantragst die Obsorge, das Kind bleibt bei dir, und die Mutter soll sich halt etwas mieten. Bekommen Krankenschwestern etwa keine Dienstwohnungen?“

„Nein.“

„Dann ist das nicht unser Problem. Die Wohnung läuft auf dich? Auf dich. Also gehört sie dir. Punkt. Sie soll sich gar keine Hoffnungen machen.“

Ich stand da und hörte meinen eigenen Puls. Er saß irgendwo im Hals, pochte gegen die Kehle und nahm mir die Luft. Der Lichtstreifen auf dem Parkett zitterte kurz; offenbar hatte einer von ihnen einen Hocker verschoben.

„Florian, ich sag dir eines: Solange sie nicht darüber nachdenkt, haben wir alle Trümpfe in der Hand. Wenn sie erst zu Anwälten rennt, geht der Zirkus los. Jetzt glaubt sie noch, ihr seid eine Familie. Nutz das aus. Sie unterschreibt dir alles, was du ihr hinlegst, nur damit es keinen Skandal gibt. Sie ist ja so eine Stille.“

Still. Ja, das war ich. Sieben Jahre lang bin ich still gewesen. Ich kam von Vierundzwanzig-Stunden-Diensten heim, wärmte ihnen das Abendessen auf, wusch, bügelte Hemden, fuhr mit Theresa in ihren Schrebergarten und jätete dort ihre endlosen Erdbeerreihen. Ich schwieg, wenn sie meinen Borschtsch „leer“ nannte und meine Arbeit als „Nachttöpfe alter Leute ausleeren“ abtat. Sehr still war ich gewesen. Und jetzt arbeitete gerade diese Stille gegen mich. Sie war zu einer Bequemlichkeit geworden, zu etwas, das man benutzen konnte.

„Und wenn sie sich querlegt?“, fragte Florian.

„Warum sollte sie? Juristisch ist sie ein Nichts. Sie glaubt, verheiratet heißt automatisch halbe-halbe. Tut es aber nicht. Habe ich dir beim Wohnungskauf geholfen? Habe ich. Wer hat den ersten Anteil dazugegeben? Ich. Also sagst du ihr: Das war Mamas Geld, also ist es im Grunde Mamas Wohnung. Du bist hier niemand.“

Ich schloss die Augen. Genau da, Theresa, haben Sie sich geirrt. Genau an diesem Punkt.

Denn den ersten Anteil haben nicht Sie gezahlt.

Ich erinnerte mich sehr genau daran. Es war meine Einzimmerwohnung in Linz gewesen, die mir meine Großmutter hinterlassen hatte – per Testament, zwei Jahre bevor Florian und ich geheiratet haben. Vor der Ehe, mein Eigentum, nur meines. Nach der Hochzeit wohnten wir noch ein Jahr in dieser kleinen Wohnung, dann beschlossen wir, etwas Größeres zu kaufen, eine Zweizimmerwohnung, weil ich mit Sophie schwanger war. Und ich verkaufte die Wohnung meiner Großmutter. Meine eigenen Quadratmeter, das Einzige, was mir von dem Menschen geblieben war, der mich ohne Bedingungen geliebt hatte. Ich verkaufte sie um gutes Geld und steckte fast alles in die Anzahlung für unsere gemeinsame Wohnung.

Theresa hatte damals etwas dazugelegt. Ja, das stimmte. Dreitausend Euro. Ich wusste noch, wie feierlich sie Florian das Geld in meiner Anwesenheit überreichte, als wäre es ein Orden. „Für eure neue Wohnung, Kinder“, hatte sie gesagt. Dreitausend Euro von fast zwanzigtausend Euro Anzahlung. Der Rest war von mir. Aus der Wohnung meiner Großmutter.

Eingetragen wurde trotzdem alles auf Florian. Ich lag damals im Spital zur Beobachtung, wegen der Schwangerschaft, und hatte keinen Kopf für Unterlagen. Er sagte nur: Was soll’s, wir sind doch eine Familie, auf wen es im Grundbuch steht, ist doch egal, es gehört uns gemeinsam. Und ich glaubte ihm. Ich unterschrieb die Zustimmung beim Notar direkt im Krankenzimmer, wohin er mit den Papieren gekommen war, und las kaum etwas davon richtig durch. Die Wehen fingen bereits an; Grundbuch und Verträge waren mir in diesem Moment gleichgültig.

In der Küche klirrte eine Tasse gegen die Untertasse.

„Gut, Mama. Ich überlege mir, wie ich es am besten mache.“

„Nicht überlegen. Handeln. Soll ich mit ihr reden? Von Frau zu Frau. Ich erkläre ihr, dass es keinen Sinn hat, dir oder sich selbst die Nerven kaputtzumachen. Wenn sie im Guten geht, gebe ich ihr für den Anfang sogar ein bissl etwas. Wenn sie Ärger macht, ist sie selber schuld. Vor Gericht richte ich ihr etwas an, dass sie froh sein wird, wenn sie überhaupt noch davonkommt.“

„Du musst nicht mit ihr reden. Ich mach das selbst.“

„Na, wie du meinst. Aber werd mir nicht weich. Du bist ein Mann. Was ist sie denn für dich? Ballast. Weder schön noch durchsetzungsfähig. Ich hab dir immer gesagt, sie passt nicht zu dir. Du findest eine Ordentliche, mit Wohnung, mit Auto – nicht so eine mit ihren Bettpfannen und Spritzen.“

Ich öffnete die Augen. Im Vorzimmer hing der alte Spiegel aus der Wohnung meiner Großmutter, das Einzige, was ich damals beim Verkauf mitgenommen hatte. Darin sah ich mein eigenes Spiegelbild und erkannte mich für einen Augenblick kaum wieder.

Hedis Stube