…dass euer Spielraum eher begrenzt ist. Trotzdem bin ich deine einzige Schwester. Ich will mich vor meinen Gästen sicher nicht blamieren.
Markus nickte nur und schluckte die Kränkung hinunter. Von diesem Abend an ist er mit finsterer Miene durch die Wohnung gegangen und bei jeder Kleinigkeit hochgefahren.
Ein paar Tage später hat Anna am Computer vergessen, den Browser zu schließen. Markus wollte eigentlich nur ins Arbeitszimmer, um sein Ladekabel zu holen. Im Vorbeigehen bemerkte er aus dem Augenwinkel die offene Seite ihres Onlinebankings. Die Neugier war stärker als seine Zurückhaltung. Er bewegte die Maus, und der Bildschirm leuchtete wieder auf. Ein Festgeldkonto auf Annas Namen. Kontostand: 54.000 Euro.
Markus ließ sich schwer auf den Sessel fallen und starrte auf die Zahl. Fünfzigtausend Euro! Und sie erzählte ihm dauernd etwas von Ausgaben, knappen Margen und schwierigen Zeiten im Geschäft. Also hatte sie Geld versteckt. Jahrelang hatte sie ihn angelogen.
Er schloss den Browser, bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, doch in seinem Kopf überschlug sich alles. Dieses Geld gehörte ihnen beiden. Sie waren verheiratet, also hatte er genauso Anspruch darauf wie sie. Und Theresa erwartete ein Geschenk. Wenn er seiner Schwester eine große Summe überreichte, würde sie endlich sehen, dass er kein Versager war, sondern ein Mann, den man ernst nehmen musste.
Am nächsten Tag rief Markus seine Schwester an.
– Theresa, servus! Hör zu, ich hab mir etwas überlegt. Zu deinem Jubiläum möchte ich dir ein wirklich ordentliches Geschenk machen. Fünfzigtausend Euro.
Am anderen Ende der Leitung blieb es für einen Moment völlig still.
– Markus, meinst du das ernst?
– Ganz ernst. Du bist meine Schwester. Du verdienst nur das Beste. Alle sollen sehen, dass wir es zu etwas gebracht haben.
– Mein Gott, Markus! Ich hab ja immer gewusst, dass du ein richtiger Mann bist. Florian wird aus dem Häuschen sein! Danke, mein Lieber, wirklich danke!
Mit einem triumphierenden Lächeln legte Markus auf. Jetzt musste er nur noch Anna dazu bringen, das Geld herauszurücken.
Am Abend kam er heim. Anna stand in der Küche beim Herd und bereitete das Abendessen zu; in einem Topf rührte sie gedankenverloren herum.
– Anna, wir müssen reden.
– Worüber? – Sie drehte sich zu ihm um und wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab.
– Über das Geld. Ich brauche fünfzigtausend Euro.
Anna zog die Augenbrauen zusammen.
– Wofür brauchst du bitte so eine Summe?
– Ich hab sie meiner Schwester zu ihrem Jubiläum versprochen. Das ist unser Geschenk als Familie.
– Was für ein Geschenk? Markus, wovon redest du überhaupt?
– Tu nicht so scheinheilig! – Seine Stimme wurde hart. – Ich weiß von deinem Konto. Ich hab’s am Computer gesehen. Vierundfünfzigtausend Euro. Hast du wirklich geglaubt, du kannst mir das verheimlichen?
Anna wurde bleich.
– Du hast in meinen Sachen herumgeschnüffelt?
– Lenk nicht ab! Das ist gemeinsames Vermögen. Wir sind verheiratet, also steht mir davon genauso viel zu wie dir.
– Markus, diese Rücklagen stammen aus meinem Betrieb. Aus meinem! Ich spare das seit Jahren zusammen. Du hast damit nichts zu tun.
– Blödsinn! In einer Ehe gehört alles beiden! Außerdem hab ich es Theresa schon zugesagt. Sie rechnet mit dem Geld. Willst du, dass ich vor ihr wie ein Lügner dastehe?
Anna machte unwillkürlich einen Schritt zurück.
– Ich gebe dir dieses Geld nicht. Schon gar nicht für ein Geschenk an deine Schwester. Bist du völlig übergeschnappt?
Markus’ Gesicht verzerrte sich. Er riss die Schlüssel vom Tisch und schleuderte sie gegen die Wand.
– Gut. Dann eben anders. Du sagst mir jetzt sofort, wo die Bankkarte ist, oder ich suche sie selber.
Er stürmte ins Schlafzimmer, riss die Türen des Kleiderkastens auf, zog Schuhschachteln heraus und warf sie auf den Boden. Anna lief ihm hinterher.
– Hör sofort auf damit!
Markus zerrte die Laden der Kommode auf und kippte ihren Inhalt aus. Unterwäsche, Dokumente, Kosmetik – alles landete auf dem Bett und am Boden. Rasend vor Wut wühlte er weiter, ohne auf die Schreie seiner Frau zu achten.
