— Dass du kein Auto mehr hast, ist dein Problem, mein Lieber! Du hast dich in einem Zustand hinters Steuer gesetzt, in dem du nicht einmal mehr g’scheit stehen konntest. Also komm mir gar nicht erst damit, dass du meinen Wagen willst. Da steigst du nie wieder ein!
— Gib mir die Schlüssel von deinem Auto. Ich muss ins Resort hinaus — warf Maximilian hin, ohne auch nur von dem aufzuschauen, womit er gerade beschäftigt war.
Unter dem Bügeleisen zischte heißer Dampf hervor und glättete die letzte widerspenstige Falte am Kragen des schneeweißen Hemdes. Er machte es mit absichtlich nachlässigen Bewegungen, als wäre allein schon die Tatsache, dass er sein Hemd selbst bügelte, eine Heldentat. Was aus seinem Mund kam, klang nicht wie eine Bitte, sondern wie eine Anordnung, als hätte er bloß einen Punkt von seiner morgendlichen Erledigungsliste vorgelesen.
Anna saß am Küchentisch und nahm langsam einen Schluck Kaffee. Sie schaute nicht zu ihm hinüber. Ihr Blick blieb am Fenster hängen, draußen im grauen Hof, wo die Dächer der geparkten Autos im feinen Nieselregen matt glänzten.
— Taxi — sagte sie.

Ihre Stimme war ruhig, glatt, beinahe leer. Nur dieses eine Wort, in den Raum gestellt.
Das Bügeleisen verstummte. Maximilian schaltete es aus und stellte es mit einem dumpfen Klacken auf dem Bügelbrett ab. Dann drehte er sich zu ihr um. Sein Gesicht, das eben noch diese selbstzufriedene Überlegenheit getragen hatte, begann sich langsam zu verändern.
— Was? Was für ein Taxi? — fragte er, als hätte sie soeben den größten Unsinn des Tages von sich gegeben. — Das Auto steht doch unten vorm Fenster.
— Mein Auto steht dort unten — verbesserte ihn Anna und stellte das leere Häferl sorgfältig auf die Untertasse zurück. Das helle Geräusch des Porzellans klang in der morgendlichen Stille viel zu laut. Erst jetzt wandte sie den Kopf und sah ihn an. Direkt, ohne Herausforderung, aber auch ohne das geringste Schwanken. — Deines hast du gegen einen Mast gesetzt, weil du betrunken gefahren bist. Und den Führerschein haben sie dir auch abgenommen. Schon vergessen?
— Na und? Passiert halt! Im Moment hab ich kein Auto, also nehm ich deines.
— Dass du keines mehr hast, ist dein Problem, mein Lieber! Du bist in einem Zustand gefahren, in dem du kaum aufrecht stehen konntest. Also verlang nicht von mir die Schlüssel. In meinen Wagen setzt du dich nicht. Niemals.
Sie sprach jedes Wort langsam aus, beinahe so, als würde sie ein Urteil verkünden. Kein Vorwurf lag darin, keine offene Wut, nur trockene Tatsachen, die sich nicht einfach vom Tisch wischen ließen. In der Küche verdichtete sich die Spannung. Maximilian trat gemächlich an den Tisch heran und beugte sich über sie. Er berührte sie nicht, doch sein ganzer Körper, groß und kräftig, wirkte wie ein Mittel, Druck auszuüben. Er war daran gewöhnt, dass das gewöhnlich genügte.
— Anna, reiz mich nicht. Ich hab gesagt, gib mir die Schlüssel.
Sie rückte nicht zurück. Sie presste sich auch nicht in den Sessel. Sie hob nur den Blick zu ihm. In ihren Augen war keine Angst zu sehen, bloß eine kalte, weit entfernte Müdigkeit. Diese Szene hatte sie schon Dutzende Male erlebt, nur jedes Mal vor einer anderen Kulisse.
— Nein. Du wirst dich nicht hinter das Steuer meines Autos setzen. Nie wieder.
Das letzte Wort sagte sie leiser als die anderen, doch gerade deshalb wog es schwerer als jedes Geschrei. Es hatte etwas Endgültiges, wie der Punkt am Ende eines langen, qualvollen Satzes.
Sein Gesicht lief rot an. Die Selbstbeherrschung, auf die er sich so viel zugutehielt, bekam sichtbare Risse.
— Bist du jetzt völlig übergeschnappt?! Wie soll ich denn mit dem Taxi zu dieser Firmenfeier fahren? Wie irgendein armer Schlucker? Vor der ganzen Abteilung? Das machst du mit Absicht! Du willst mich vor allen erniedrigen!
Er schrie nicht, aber seine Stimme vibrierte vor mühsam zurückgehaltener Wut. Er begann sie schärfer anzufahren, wie immer, wenn er spürte, dass ihm die Kontrolle über die Situation entglitt. Das war seine Waffe: aus allem eine persönliche Kränkung zu machen, damit sie sich rechtfertigte, erklärte, verteidigte. Doch Anna verteidigte sich nicht. Sie sah ihn nur schweigend an und ließ seine Worte ins Leere fallen. Sie ließ ihn seinen Zorn ausschütten.
Als er schließlich verstummte und schwer atmend vor ihr stand, tat Anna etwas, womit er überhaupt nicht gerechnet hatte. Sie nahm ihr Handy vom Tisch und hielt es ihm hin. Über ihre Lippen glitt ein kaum sichtbares, bitteres Lächeln.
— Bitte — sagte sie mit derselben gelassenen Stimme. — Ruf deine Mutter an. Vielleicht borgt dir Cäcilia ja ihre alte Kraxn.
Er erstarrte. Sein Blick sprang zwischen dem Handy in ihrer Hand und Annas Gesicht hin und her, als könnte er das Ausmaß ihres Spotts nicht erfassen. Anna zog die Hand nicht zurück. Ihr Blick wurde nur noch härter.
— Vergiss nur nicht, sie daran zu erinnern, dass du keinen Führerschein mehr hast.
Er riss ihr das Handy mit solcher Gewalt aus der Hand, als wollte er es zerbrechen.
