„Deine Mutter hat mein ganzes Geld aus meinem Safe genommen und es Tobias gegeben. Hast du davon gewusst?“, habe ich meinen Mann gefragt – und in Florians Gesicht ist mir im selben Augenblick die Antwort gestanden.
Der Safe hing seit drei Jahren an der Wand im Schlafzimmer. Katharina kannte die Zahlenfolge längst auswendig: zwei – sieben – null – acht. Es war das Datum gewesen, an dem sie begonnen hatte, Geld beiseitezulegen. Der Tag, an dem sie sich geschworen hatte, ihr Leben nicht länger nur irgendwie auszuhalten, sondern es zu verändern. Sie drehte am Zahlenrad, lauschte dem vertrauten Klicken und spürte sogar ein kleines Lächeln auf ihren Lippen.
Heute war kein gewöhnlicher Tag. Genau drei Jahre waren vergangen, seit sie jeden entbehrlichen Zehner zurückgelegt hatte. 5.200 Euro. Ihre kleine Festung. Ihr Stück Freiheit. Die Eintrittskarte in ein anderes Leben – zu den Fortbildungen, die ihr endlich den Weg zu einer Beförderung öffnen sollten.
Mit einem leisen Schnappen sprang die Tür des Safes auf. Katharina griff hinein – und erstarrte. Leer. Ihre Finger glitten über den kalten Metallboden, dort, wo sonst ordentlich gebündelte Geldscheine gelegen waren.
Nichts.

Sie schrie nicht. Sie brach auch nicht zusammen. In ihr riss nur lautlos etwas, wie eine Saite, die zu lange gespannt gewesen war. Zurück blieb ein hell klingender, grausamer Hohlraum.
Langsam machte Katharina den Safe wieder zu. Sie stellte die Zahlen auf null zurück. Dann setzte sie sich auf die Bettkante und starrte auf einen Punkt an der Wand. Drei Jahre. Eintausendfünfundneunzig Tage. Jede mitgebrachte Jause statt eines Mittagessens im Café. Jedes Paar Schuhe, an dem sie vorbeigegangen war. Jedes Taxi, das sie sich spätabends verkniffen hatte, obwohl sie kaum noch stehen konnte. Alles weg. Einfach verdampft. Und sie wusste, wer es gewesen war. Nicht nach einer Minute. Nicht nach langem Nachdenken. Sofort.
Sie stand auf, ging in die Küche und schaltete den Wasserkocher ein. Dann goss sie heißes Wasser in ein Häferl, hängte einen Teebeutel hinein und setzte sich an den Tisch. Dort blieb sie sitzen und wartete.
Annemarie kam eine Stunde später, wie immer ohne anzuklopfen, mit ihrem eigenen Schlüssel. Diese Wohnung betrachtete sie ohnehin als ihr Revier. Schließlich hatte sie damals bei der ersten Zahlung geholfen – und daran erinnerte sie alle regelmäßig. Mit zwei Einkaufssackerln in den Händen marschierte sie in die Küche und begann schon im Hereinkommen zu reden.
„Na, ich nehme an, bei euch gibt’s wieder nichts Gscheites zu essen? Ich hab euch ein bisserl Suppe mitgebracht, Fleischlaibchen auch … Was tätet ihr nur ohne mich?“ Sie stellte die Dosen auf den Tisch, eine nach der anderen. Erst dann bemerkte sie Katharinas Gesicht. „Ist was passiert?“
Katharina sah sie an.
„Wo ist das Geld, Annemarie?“
Für einen halben Augenblick hielt die Schwiegermutter inne. Dann räumte sie weiter aus, nur waren ihre Bewegungen jetzt hastiger.
„Welches Geld denn? Wovon redest du?“
„Von dem Geld im Safe. 5.200 Euro.“
Annemarie atmete tief aus, stellte die letzte Dose ab und drehte sich zu ihr um. Auf ihrem Gesicht lag nun diese gekränkte Unschuld, die Menschen aufsetzen, wenn sie sich schon vor der ersten Antwort als Opfer fühlen.
„Ach, darum geht’s! Ja, ich hab es genommen. Und? Es ist ja für die Familie! Für unseren Tobias! Er hat es dringend gebraucht. Er vergrößert seine Wohnung, verstehst du? Er will eine Familie gründen! Und du lässt das Geld nur dort herumliegen. Wozu denn? Die Teuerung frisst es dir sowieso weg. Also hab ich mir gedacht …“
„Sie haben sich gedacht“, sagte Katharina leise, jedes Wort sauber gesetzt, „Sie können in meine Wohnung kommen, meinen Safe öffnen und mein Geld mitnehmen? Ohne mich zu fragen?“
Annemarie schlug empört mit der Hand durch die Luft.
„Ohne dich zu fragen?! Wir sind eine Familie! Hast du vergessen, dass Tobias zu dir gehört? Er ist Florians leiblicher Bruder! Wenn jemand aus der Familie in Schwierigkeiten steckt, stellt man keine Fragen. Dann hilft man! Aber du … du bist egoistisch, genau das bist du!“
Sie redete weiter, und mit jedem Satz klang sie überzeugter, als hätte nicht sie etwas genommen, sondern Katharina etwas Unverzeihliches getan.
