Felix ist schon wieder auf den Kachelofen hinaufgeklettert. Anna hat ihm einen prüfenden Blick zugeworfen, sagte aber kein Wort und ging hinaus, um die trockene Wäsche von der Leine zu nehmen. Ein anderer hätte sich dabei wohl nichts gedacht. Na gut, der Kater liegt am Ofen — was soll schon dabei sein? Doch Anna lebte nun seit acht Jahren mit Felix zusammen und hatte längst gelernt, auch die kleinste Veränderung in seinem Benehmen zu bemerken.
Felix war ein stattlicher Kater, rot-weiß gefleckt, mit einem eigenartigen Gesicht, als wäre es aus zwei verschiedenen Hälften zusammengesetzt. Links war sein Fell rötlich, rechts beinahe ganz weiß. Am rechten Ohr trug er einen alten Riss, der von einer längst vergangenen Rauferei mit dem Nachbarskater Toni stammte.
Im Dorf machten sich manche sogar über Felix lustig und meinten, sein Ohr sei ihm gar nicht im Kampf zerfetzt worden, sondern vom Wind — so gern, wie er immer nahe beim Fluss gesessen sei.
Für gewöhnlich bewegte sich Felix langsam, breitspurig und mit einer gewissen Würde, den Schweif hoch erhoben. Manchmal aber, ohne jeden sichtbaren Grund, sank dieser Schweif plötzlich nach unten. Dann wurde der Kater unruhig und vorsichtig, als hätte ihn etwas erschreckt. Er drückte sich flach an den Boden und schlich fast kriechend bis zum Kachelofen, kletterte in die hinterste Ecke hinauf und machte es sich dort bequem, die Pfoten eng unter den Bauch gezogen.
„Na, was ist denn jetzt schon wieder los?“, fragte Anna ihn dann. „Kommt etwa ein Erdbeben?“

Felix schloss gemächlich die Augen und begann leise sein eintöniges Lied zu schnurren.
Zum Fischen ging Anna beinahe jeden Tag. Ausnahmen gab es nur dann, wenn Felix oben auf dem Ofen seinen Platz einnahm.
Die Liebe zur Fischerei war erst nach Josefs Tod gekommen. Ihr Mann war vor fünf Jahren gestorben. Zurückgeblieben waren ihr ein kleines, flaches Boot, ein paar Angeln, etwas Fischzeug — und Felix. Einst hatte Josef das winzige Kätzchen am Ufer gefunden und es in der Jackentasche heimgebracht. Genau diese Jacke zog Anna seither jedes Mal an, wenn sie zum Fluss hinunterging.
An allerlei Vorzeichen hatte sie früher nie besonders geglaubt. Die Nachbarinnen mochten Kerzen gegen den bösen Blick anzünden oder rote Fäden ums Handgelenk binden — Anna verzog dabei höchstens das Gesicht.
Bei Felix war das etwas anderes.
Ihm vertraute sie.
Der Grund dafür war einfach: In all den acht Jahren hatte sich der Kater kein einziges Mal geirrt. Kaum war er auf den Kachelofen gestiegen und hatte sich dort versteckt, schlug wenige Stunden später das Wetter am Fluss um. Ein starker Wind kam auf, Wellen bildeten sich, mitunter zog sogar ein Gewitter heran. Blieb Felix hingegen ruhig unten, versprach der Tag still zu werden. Dann konnte Anna ohne Sorge ans Wasser gehen.
An diesem Morgen wachte sie gegen fünf Uhr auf. Draußen herrschte vollkommene Ruhe. Nur irgendwo in der Ferne krähte sich ein Hahn heiser und begrüßte den neuen Tag. Der Himmel war klar, friedlich und ohne ein einziges Wölkchen.
„Heiß wird’s heute“, dachte Anna und schaute zu ihrem pelzigen Wetterpropheten hinüber.
Felix hatte es sich auf der Fensterbank bequem gemacht und sah auf den ersten Blick aus, als würde er dösen. Doch Anna wusste genau: Der Kater tat nur so. Mit einem Auge und einem Ohr verfolgte er trotzdem jede ihrer Bewegungen.
Dann nahm sie den Kübel und wandte sich zur Tür.
