„Kommt etwa ein Erdbeben?“ fragte Anna besorgt, als Felix wieder flach am Kachelofen lag

Diese stille Treue ist zugleich rührend und beunruhigend.
Geschichten

Claudia lachte hell auf. „Das ist ja was Neues! Jetzt bestimmt also schon der Kater, wohin du gehst und wann du daheimbleibst? Du hast keinen Kater, Anna, du hast ein richtiges Barometer. Eine Wetterstation auf vier Pfoten!“

„Lach nur, lach.“

„Ich mach mich ja nicht lustig“, sagte Claudia und kniff die Augen zusammen. „Aber überleg doch selber. Der Himmel ist klar wie Glas, es rührt sich kein Lüfterl, und du bleibst wegen dem Kater im Haus. Mein Florian sitzt seit vier in der Früh draußen am Wasser.“

Anna blickte hinüber zum Fluss. Von Florians Boot war nichts mehr zu sehen. Offenbar war er weit hinausgerudert, hinter die Biegung am Ufer.

Claudia erhob sich vom Tisch und ging zum Ofen. Felix lag noch immer dort, fest zusammengerollt wie ein dunkles Knäuel. Kein Muskel an ihm bewegte sich; nur die äußerste Schwanzspitze zuckte ab und zu kaum merklich.

„Er rührt sich gar nicht“, sagte Claudia beinahe flüsternd. „Vielleicht schläft er ja doch?“

„Der schläft nicht.“

„Vielleicht wird er halt alt? Beim alten Peter hat die Katz auch irgendwann angefangen, komisch zu werden. Die ist vor der Wand gesessen und hat sie stundenlang angejammert.“

„Felix ist noch lang nicht alt“, widersprach Anna. „Acht Jahre ist er erst.“

„Na ja, für einen Kater ist acht schon fast kurz vor der Pension“, meinte Claudia und musste über ihren eigenen Schmäh lachen.

Anna sagte nichts darauf. Sie holte Erdäpfel hervor und begann, sie für den Eintopf zu schälen. Claudia blieb noch gut zwanzig Minuten sitzen, plauderte über die Nachbarsleut und machte sich schließlich wieder auf den Heimweg.

Doch kaum eine Stunde später quietschte erneut das Gartentürl.

„Anna, hast du vielleicht ein bissl Salz für mich? Meines ist mir komplett ausgegangen.“

Ohne viel Gerede öffnete Anna den Kasten, nahm eine Packung heraus und reichte sie der Nachbarin.

Claudia nahm das Salz, dachte aber gar nicht daran, sofort zu gehen. Seitlich schob sie sich näher an den Ofen heran und warf wieder einen Blick auf Felix.

„Liegt er immer noch so?“, fragte sie leise.

„Siehst eh.“

„Hm.“

Nachdenklich hob Claudia die Schultern. Erst dann drehte sie sich zur Tür.

Anna ging zurück zum Herd, rührte in ihrem Topf um und trat danach auf die Hausbank hinaus. Es war inzwischen gegen elf Uhr vormittags. Die Sonne brannte schon ordentlich herunter. Von Florians Boot war auf dem Fluss nach wie vor keine Spur.

Und der Himmel wirkte noch immer fast wolkenlos.

Nur ganz weit draußen, knapp über dem Horizont, zeigte sich ein schmaler grauer Streifen, so fein, als hätte jemand mit einem Bleistift den Rand des Himmels nachgezogen.

Anna blieb eine Weile stehen und beobachtete ihn.

Der Streifen wurde langsam breiter.

Der Wind kam völlig unvermittelt.

Die Weide beim Zaun bog sich mit einem Ruck zur Seite, die Wäsche auf der Leine schlug knallend um sich, und über den Hof wirbelte Staub.

Gleich darauf rollte irgendwo in der Ferne ein dumpfer, schwerer Donner.

Die ersten dicken Tropfen platschten auf den Boden.

Wenige Augenblicke später brach ein derartiger Guss los, dass man das gegenüberliegende Ende des Hofes kaum noch erkennen konnte. Das Wasser stand wie eine dichte, graue Wand vor den Augen.

Der Fluss, der vor zehn Minuten noch träge und glatt dagestanden war, hatte sich schlagartig verwandelt. Über die Oberfläche jagten kurze, böse Wellen, jede mit einem weißen Schaumkamm. So etwas sah man eher im späten Herbst, aber sicher nicht mitten im Juli.

In diesem Moment huschte hinter dem Zaun Claudia vorbei.

Sie lief in Richtung Fluss und schrie etwas, doch Wind und Regen verschluckten ihre Worte.

„Florian!“, verstand Anna schließlich.

Hedis Stube