– Mittagessen könnt ihr daheim einfordern. Jetzt packt ihr bitte eure Sachen zusammen, und dann verlasst ihr alle meine Wohnung! – sagte die Schwiegertochter mit einer Ruhe, die gefährlicher klang als jedes Schreien.
– Anna, bist du jetzt völlig übergeschnappt? – Theresa Petrovna blieb wie angewurzelt auf der Küchenschwelle stehen, den Schöpflöffel in der Hand, als hätte sie ein Stromschlag getroffen. – Wir sind doch nur kurz vorbeigekommen, wie immer … Die Rote-Rüben-Suppe hab ich schon umgerührt, das Fleisch hab ich auch schon herausgenommen …
Anna stand in der Tür zu ihrem Arbeitszimmer, noch immer mit dem Headset samt Mikrofon auf dem Kopf. Auf dem Laptop war der Bildschirmschoner eingefroren; das rote Aufnahmesymbol war erst vor einem Augenblick erloschen. Ihr Gesicht war kalkweiß, doch ihre Augen glühten so hell wie noch nie.
– Theresa Petrovna – sagte sie leise, aber so fest, dass kein Zweifel möglich war –, Sie gehen jetzt sofort aus meiner Wohnung. Bitte.
Aus dem Wohnzimmer war das Schlurfen von Patschen zu hören. Stefanie, ihre Schwägerin, schob sich hinter dem Rücken der Mutter hervor, das Handy in der Hand; auf dem Display lief noch eine Live-Übertragung für ihre Freundinnen.

– Anna, ist das dein Ernst? – zog sie spöttisch die Worte in die Länge. – Wir sind doch Familie.
– Familie läutet an und fragt, ob es gerade passt, hereinzukommen – erwiderte Anna, ohne die Stimme zu heben. – Familie sperrt sich nicht mitten am Tag herein, während ich gleichzeitig mit Wien und London in einer Besprechung bin.
Theresa Petrovna öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Der Schöpflöffel in ihrer Hand zitterte. Ein Tropfen der dunklen Suppe fiel auf den Boden – rot und schwer wie ein Warnzeichen.
Begonnen hatte alles vor drei Jahren, als Anna und Sebastian in diese Dreizimmerwohnung in einem Neubau am Wiener Stadtrand eingezogen waren. Gekauft hatten sie die Wohnung gemeinsam auf Kredit: Anna hatte ihre staatliche Familienförderung und die Ersparnisse hineingesteckt, die sie sich mit freier Arbeit mühsam zusammengespart hatte; Sebastian wiederum hatte die Prämien aus seinen letzten Projekten beigesteuert. Im Grundbuch standen sie beide, je zur Hälfte.
Am Anfang kam nur die Schwiegermutter vorbei – „um nach den Kindern zu schauen“, wie sie sagte. Sie brachte kleine Töpfe, Kuchen, gefüllte Teigtascherl mit und blieb ein Stünderl. Dann wurde daraus ein ganzer Tag. Und schließlich erschien sie ganz ohne Vorwarnung, denn einen eigenen Schlüssel hatte sie auch: Sebastian hatte ihn ihr „für alle Fälle“ gegeben.
Danach tauchte Stefanie auf. „Ich schau nur auf eine Stunde vorbei, ich muss eh in die Innenstadt, und bei euch parkt man so praktisch.“ Später kam Tante Claudia aus dem Wiener Umland dazu: „Der Bus fährt nur einmal am Tag, ich bin sowieso in der Gegend, da kann ich gleich bei euch reinschauen.“ Und dann stand auch noch Sebastians Cousin David vor der Tür: „Ich hab nirgends zum Schlafen, solange ich noch ein Zimmer suche.“
Anna arbeitete von zu Hause aus. Sie übersetzte technische Texte, dolmetschte bei Konferenzen, manchmal zwölf Stunden am Tag. Ihre Auftraggeber saßen in Europa, Asien und Amerika. Ihr Kalender war eng, die Fristen waren gnadenlos, und jede Minute hatte Gewicht.
Währenddessen köchelte in ihrer Küche irgendein Eintopf, im Bad drehten fremde Kleidungsstücke ihre Runden in der Waschmaschine, und im Wohnzimmer dröhnte eine Serie in voller Lautstärke.
Sebastian winkte jedes Mal nur ab. „Geh, Anna, sie bleiben ja nicht lang. Mama langweilt sich. Stefanie ist gerade zwischen zwei Jobs. Wir können die Verwandtschaft doch nicht hinauswerfen.“
Also hielt Anna durch. Sie lächelte. Sie kochte für alle mit. Sie räumte ab, wusch Geschirr, putzte hinterher. Und in der Nacht, wenn endlich wieder Ruhe war, setzte sie sich an ihre Übersetzungen.
Bis zu diesem Tag.
Heute ging es um das entscheidende Gespräch für einen Jahresvertrag über 30.000 Euro. Ein großes deutsches Unternehmen stellte auf eine neue Software um und suchte eine feste Dolmetscherin für Deutsch und Englisch. Dieses Vorstellungsgespräch konnte alles verändern. Zwei Wochen lang hatte Anna sich vorbereitet. Sebastian wusste davon. Er hatte sogar versprochen: „Ich sag Mama, dass sie heute auf keinen Fall kommen soll.“
Und dann war es Mittag geworden. Anna saß mit Headset vor dem Bildschirm, vor ihr acht Menschen aus Berlin und London, und sie übertrug gerade eine Präsentation über neue Algorithmen simultan.
In genau diesem Moment drehte sich ein Schlüssel im Schloss.
– Anna, wir sind nur ganz kurz da! – Theresa Petrovnas Stimme fegte durch die ganze Wohnung. – Ich hab ein bissl Hendl mitgebracht, das brat ich schnell heraus, ihr habt mit Sebastian ja sicher wieder nur belegte Semmeln gegessen!
