— Sag einmal, bist du noch ganz bei Trost?! — fuhr meine Schwiegermutter Claudia plötzlich hoch und brüllte quer über den Tisch zu mir herüber. — Du bringst keinen Cent heim, gehst keiner Arbeit nach, und jetzt willst du nicht einmal Kinder!
Meine Gabel ist mitten in der Bewegung in der Luft stehen geblieben. Für ein paar Herzschläge hat niemand auch nur einen Laut von sich gegeben. Mein Mann Lukas stellte sein Glas mit einer auffälligen Langsamkeit zurück auf den Tisch. Seine Schwester Katharina starrte uns mit weit aufgerissenen Augen an.
Tobias, Katharinas Mann, senkte den Kopf über seinen Teller, als hätte der Salat darauf auf einmal eine weltbewegende Bedeutung bekommen. Sogar Karl, Claudias älterer Bruder, hörte mitten im Kauen auf.
Ich schaute meine Schwiegermutter nur an. Ihr Gesicht war rot angelaufen, die Empörung stand ihr regelrecht auf der Stirn geschrieben.
Es war bei Gott nicht das erste Mal, dass sie meinte, über mein Leben urteilen zu müssen. Aber so weit hatte sie sich bisher noch nie vorgewagt.

Und schon gar nicht vor der versammelten Familie.
— Mama … — setzte Lukas an.
— Nein, Lukas. Heute halte ich sicher nicht den Mund.
Claudia hob die Hand, als wollte sie ihn mit dieser einen Bewegung zum Schweigen bringen.
— Irgendwer muss ja endlich einmal aussprechen, was Sache ist.
Ganz langsam legte ich die Gabel auf meinen Teller zurück.
Es war Sonntag.
Lukas und ich hatten seine Familie zum Mittagessen zu uns in die Wohnung eingeladen. Ich hatte fast den ganzen Vormittag in der Küche verbracht: Fleisch im Rohr, Erdäpfel, Gemüse, Salat und zum Schluss noch einen Apfelkuchen. Alles sollte einfach nett werden.
Bis vor wenigen Minuten war die Stimmung auch halbwegs friedlich gewesen.
Dann hatte Katharina nebenbei erzählt, dass eine Arbeitskollegin von ihr schwanger sei.
Ein ganz gewöhnliches Tischgespräch.
Zumindest so lange, bis Claudia den Blick auf mich richtete.
— Und bei euch? Wann ist es endlich so weit?
Ich hatte ein schmales Lächeln aufgesetzt.
— Im Moment planen wir keine Kinder.
Eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass sie sich mit dieser Antwort nicht zufriedengeben würde.
— Im Moment?
Claudia legte ihr Besteck beiseite.
— Ihr seid seit elf Jahren verheiratet.
— Das weiß ich.
— Und worauf wartet ihr dann noch?
Lukas schaltete sich ein.
— Mama, das geht nur uns etwas an.
Aber Claudia schenkte ihm nicht einmal einen Seitenblick.
Ihre Augen blieben stur auf mich geheftet.
— Oder willst du vielleicht gar keine?
Ich antwortete nicht gleich.
Nicht, weil ich keine Antwort gehabt hätte. Sondern weil ich dieses Gespräch ganz bestimmt nicht vor sechs anderen Menschen führen wollte.
— Claudia, ich glaube nicht, dass das ein Thema fürs Mittagessen ist.
Sie lachte kurz und hart auf.
— Also heißt das ja.
— Es heißt genau das, was ich gerade gesagt habe.
— Du hast auch wirklich immer sofort eine passende Antwort parat.
Ich holte tief Luft.
Lukas versuchte es noch einmal.
— Mama, jetzt lass es gut sein.
Doch da platzte Claudia endgültig der Kragen.
— Sag einmal, bist du noch ganz bei Trost?! Du bringst keinen Cent heim, arbeitest nicht, und zu allem Überfluss willst du nicht einmal Kinder!
Die Stille danach war anders als die zuvor.
Sie war nicht bloß peinlich.
Sie legte sich schwer über den Tisch.
Fast so, als hätte sie ein eigenes Gewicht.
Ich sah zu Lukas hinüber.
Er wirkte genauso überrumpelt wie ich.
Dann wandte ich mich wieder Claudia zu.
— Was haben Sie da gerade gesagt?
— Das, was wir ohnehin alle denken.
Katharina riss sofort den Kopf hoch.
— Mama, ich denke das sicher nicht.
— Du hältst dich da jetzt heraus.
— Aber du hast gerade „wir alle“ gesagt.
— Das war halt so dahingesagt.
— Dann red bitte nicht in meinem Namen — gab Katharina zurück.
Claudia machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand.
— Mit dir rede ich nicht. Ich rede mit Anna.
Ich lehnte mich ein kleines Stück in meinem Sessel zurück.
Merkwürdigerweise war ich in diesem Moment gar nicht mehr so wütend, wie ich es hätte sein können.
Zumindest nicht auf die Art, die Claudia vermutlich erwartet hatte.
Ich wollte plötzlich nur noch eines wissen.
— Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass ich nicht arbeite?
Claudia blinzelte kurz.
— Weil du eben nicht arbeitest.
— Wer hat Ihnen das erzählt?
— Das muss mir niemand erzählen.
— Dann haben Sie das also einfach für sich beschlossen.
— Jedes Mal, wenn ich zu euch komme, bist du daheim.
Beinahe hätte ich gelächelt.
— Für gewöhnlich kommen Sie am Wochenende.
Karl räusperte sich auffällig und presste die Lippen zusammen.
