„„Aber was bin ich hier offiziell? Niemand.“ – Lukas fragte verzweifelt, Theresa hielt inne, legte das Handtuch nieder und erwiderte scharf

Diese Beziehung ist unfair, egoistisch und entfremdend.
Geschichten

– Ich hab mir alles genau überlegt, Theresa. Es wird Zeit, dass wir den rechtlichen Status dieser Wohnung endlich ändern.

Lukas legte die Controller seiner teuren Spielkonsole auf den Couchtisch, streckte sich träge in dem Fauteuil aus und sah seine Frau an. Theresa war gerade dabei, auf dem Sofa die frisch gewaschenen Handtücher zusammenzulegen. Mit dem Stoff in den Händen hielt sie überrascht inne.

– Welchen Status bitte?

– Den rechtlichen.

Lukas bemühte sich um eine möglichst ernste Miene und rückte, warum auch immer, seinen Hemdkragen zurecht.

– Wir sind jetzt seit zwei Jahren verheiratet. Ich beteilige mich an den Ausgaben, ich kaufe auch Lebensmittel. Aber was bin ich hier offiziell? Niemand. Irgendein Fremder, den man halt wohnen lässt. Es fühlt sich mies an, in der Wohnung der eigenen Frau nur wie ein vorübergehender Gast zu sein. Verstehst du?

Theresa legte das Handtuch oben auf den übrigen Stapel Wäsche. Die Wohnung hatte sie drei Jahre gekauft, bevor sie Lukas überhaupt kennengelernt hatte. Damals arbeitete sie tagsüber als Disponentin und nahm abends noch zusätzliche Dokumentationsaufträge an. Den Kredit hatte sie durch eisernes Sparen sogar vorzeitig zurückgezahlt. Jahrelang hatte sie sich kaum etwas gegönnt: keine neuen Schuhe, keine Reisen, nicht einmal eine ordentliche Erholung.

Lukas hingegen bezeichnete sich mit sichtbarem Stolz als freischaffender Designer. In Wahrheit verbrachte er den Großteil seiner Zeit damit, auf Inspiration zu warten und stundenlang Konsole zu spielen. Ab und zu bekam er kleinere Aufträge, die ein bescheidenes Einkommen brachten. Betriebskosten, Internet, Putzmittel, Geräte und alle größeren Ausgaben lagen schon lange auf Theresas Schultern.

– Lukas, meinst du das jetzt wirklich ernst? – Theresa setzte sich auf die Lehne des Sofas. – Du bringst höchstens einmal in der Woche etwas vom Einkaufen mit. Und dann meistens Chips, Energydrinks und Fleisch, das du innerhalb von ein paar Tagen selber aufisst. Von welchen Investitionen redest du da genau?

– Na bitte, jetzt geht das schon wieder los! – Lukas hob theatralisch den Blick zur Zimmerdecke. – Bei dir dreht sich immer alles nur um Beträge, Rechnungen und Nachzählerei! Ich rede von etwas ganz anderem. Von Vertrauen in einer Ehe. Davon, ob ein Mensch sich daheim sicher fühlen kann. Tobias hat sich vor Kurzem scheiden lassen, und seine Frau hat ihn praktisch mit einem einzigen Koffer vor die Tür gesetzt, weil die Wohnung ihr gehört hat. In so eine Lage will ich nicht kommen. Ich brauche normale Garantien.

– Und welche Garantien möchtest du bitte für eine Wohnung, die ich gekauft habe, bevor wir einander überhaupt gekannt haben?

– Gerechte.

Lukas verschränkte die Arme vor der Brust und schob trotzig das Kinn nach vorne.

– Überschreib mir wenigstens die Hälfte. Meiner Meinung nach wäre das fair. Dann sehe ich, dass du mich wirklich liebst und uns als echte Familie betrachtest. Irgendwann wollen wir doch Kinder, oder? Und was ist dann? Soll ich mein eigenes Kind in eine Wohnung bringen, in der ich rechtlich gesehen niemand bin?

Theresa sah ihren Mann ein paar Sekunden lang schweigend an. An seine seltsamen Einfälle hatte sie sich längst gewöhnt, ebenso an seine endlosen Reden über künstlerische Freiheit und an seine feste Überzeugung, dass sich Haushaltsfragen irgendwie von selbst erledigten. Aber mit einer derartigen Dreistigkeit hatte sie selbst bei Lukas nicht gerechnet.

– Geh lieber schlafen, du Verteidiger deiner Rechte.

Sie schaltete die Deckenlampe aus und ging auf die Loggia, um die restliche Wäsche zu holen. Dieses sinnlose Gespräch wollte sie nicht weiterführen. Sie redete sich ein, Lukas habe sich von den Klagen des frisch geschiedenen Tobias zu sehr anstecken lassen, sich hineingesteigert und werde seine Idee bis zum Morgen wieder vergessen haben.

Doch Theresa irrte sich.

Lukas vergaß nicht nur kein Wort, er beschloss sogar, seine wichtigste Verbündete in den Familienstreit einzubeziehen. Am Samstagvormittag knackte plötzlich das Schloss im Vorzimmer. Theresa stand in der Küche und hatte nicht einmal Zeit, in den Gang hinauszugehen, da war Barbara bereits in der Wohnung. Die Schwiegermutter hatte eigenmächtig mit dem Ersatzschlüssel aufgesperrt, den das Paar ihr früher für Reisen überlassen hatte. Eigentlich hätte Barbara damit nur die Blumen gießen sollen, solange die beiden nicht daheim waren. Nach und nach hatte sie den Schlüssel jedoch beinahe wie eine dauerhafte Eintrittskarte benutzt.

Wie immer wirkte die Schwiegermutter makellos. Ein strenger Strickcardigan, die Frisur ordentlich gelegt, kein Haar am falschen Platz, dazu eine Brille an einer dünnen goldenen Kette. In der Hand hielt sie ein Sackerl mit Keksen aus der Aktion. Fast im selben Augenblick tauchte auch Lukas aus dem Zimmer auf – und zwar so rasch, als hätte er den ganzen Morgen nur auf das Eintreffen seiner Mutter gewartet.

– Morgen, die Damen.

Hedis Stube