— Am Samstag bist du um fünf fertig — hat Florian gesagt, ohne überhaupt den Mantel auszuziehen. — Und komm bitte früher zu meinen Eltern. Mama schafft das allein nicht, du musst bei den Salaten, beim Hauptgang und beim Tischdecken mithelfen.
Katharina hat sich langsam zu ihm umgedreht. Florian hatte sie nicht gefragt, ob sie mitkommen wolle. Er hatte längst beschlossen, wann sie dort zu erscheinen hatte und welche Aufgaben in der Küche auf sie warteten.
— Ich gehe nicht hin — sagte sie.
Florian war gerade dabei gewesen, sich zu den Schuhbändern hinunterzubeugen, doch nun hob er den Kopf.
— Was?

— Ich fahre nicht zu deinen Eltern. Nicht um fünf, nicht früher und auch nicht später.
Er richtete sich auf, zog den Mantel aus und warf ihn über die Sessellehne.
— Katharina, fang nicht schon wieder an. Papa hat Geburtstag. Es kommen Gäste. Mama ist ohnehin schon nervös genug.
— Und glaubst du, ich befinde mich auf Erholung?
— Was hat das jetzt mit dir zu tun? — Seine Stirn legte sich in Falten. — Es geht um die Familie. Wir müssen dort sein.
Katharina stellte ihr Häferl so heftig auf den Tisch, dass der Löffel darin klirrend gegen den Rand schlug.
— Wir? Oder ich?
Sofort fiel ihr die letzte Familienfeier wieder ein.
Damals hatte Barbara sie ebenfalls gebeten, „nur ein bissl mitanzupacken“. Im Wochenendhaus war beinahe die gesamte Verwandtschaft versammelt gewesen: Florians Schwester mit den Kindern, eine Tante aus Steyr, ein Cousin, Nachbarn und noch ein paar Bekannte. Schon auf der Fahrt hatte die Schwiegermutter Katharina eine ganze Liste aufgezählt: Fleisch, Gemüse, Tisch im Garten, Geschirr, Torte, Kinder. Florian saß am Steuer und nickte bloß. Katharina hatte gescherzt, sie sei offenbar als Hilfskraft engagiert worden. Gelacht hatte niemand. Florian hatte nur gemeint: „Na ja, du bist halt schnell bei solchen Sachen.“ Kaum angekommen, schickte Barbara die Männer zum Grill, Katharina hingegen in die Küche.
Und genau so ist es dann gelaufen. Fast den ganzen Tag pendelte Katharina zwischen Küche und Garten hin und her: Sie schnitt Salate, schleppte Teller, wischte verschütteten Kompott auf, sammelte leere Flaschen ein und passte auf, dass die Kinder nicht über die Torte herfielen. Florians Schwester saß bei den Gästen, die Männer kümmerten sich ums Grillfleisch und setzten sich später ebenfalls an den Tisch. Katharina aß hastig im Stehen, neben der Abwasch. Am Abend begann Barbara vor allen Leuten, an ihrer Haushaltsführung herumzukritisieren. Zuerst war zu viel Mayonnaise im Salat, dann passte ihr Katharinas Kleid nicht, dann erinnerte sie sich plötzlich an Staub in der Wohnung. Als Katharina sie bat, solche Dinge nicht vor den Gästen auszubreiten, antwortete die Schwiegermutter: „Wenn du eine ordentliche Hausfrau wärst, müsste man dich nicht belehren. So eine Frau haben wir uns für unseren Sohn nicht vorgestellt.“
Jemand lachte verlegen, jemand anderer schaute demonstrativ weg. Florian stand mit einem Stamperl in der Hand daneben und sagte: „Mama, jetzt sei nicht gar so streng … obwohl du teilweise schon recht hast.“ Katharina rief sich ein Taxi und fuhr allein heim. Florian kam erst im Morgengrauen zurück und war dann auch noch beleidigt, weil sie angeblich die Feier verdorben hatte.
Danach hatte Katharina ihm klar und deutlich gesagt: Zu solchen Zusammenkünften bei seinen Eltern würde sie nie wieder mitkommen.
— Ja, natürlich du — sagte Florian nun, als wäre das Gespräch gar nicht unterbrochen gewesen. — In der Küche wirst du gebraucht. Mama schafft so eine Tafel allein nicht, und jetzt einen Caterer zu bestellen, wäre völliger Unsinn. Warum sollte man Fremde bezahlen, wenn man das in der Familie erledigen kann?
Katharina lächelte kurz, aber ohne jede Wärme.
— Wenigstens bist du jetzt ehrlich. Nicht mehr: „Wir sollen als Familie zusammen sein“, sondern: „Man braucht dich in der Küche.“
— Verdreh mir nicht die Worte.
— Ich verdrehe etwas? Beim letzten Mal hat deine Mutter mich wie ihre private Dienstmagd behandelt. Danach hat sie mich vor der ganzen Verwandtschaft schlechtgemacht. Du hast ihr auch noch zugestimmt. Und jetzt willst du mich wieder früher hinschleppen, damit ich am Herd stehe, während ihr den Geburtstag feiert.
— Wie immer machst du aus allem ein Riesendrama — fuhr Florian sie an. — Es war ein ganz normales Familientreffen. Du hättest halt geholfen, mehr nicht. Mama ist fast doppelt so alt wie du.
— Und mein Selbstwert ist dann vermutlich nur halb so viel wert, oder?
Florian ging ins Wohnzimmer und blieb direkt vor ihr stehen.
— Hör mir jetzt gut zu — sagte er langsam und betonte jedes einzelne Wort. — Am Samstag fahren wir hin. Punkt. Du wohnst in einer Wohnung, für die meine Eltern vor zehn Jahren Geld hergegeben haben. Ein bissl Dankbarkeit könntest du ihnen schon einmal zeigen.
Katharina richtete sich kerzengerade auf.
— Wir haben ihnen alles zurückgezahlt. Bis auf den letzten Cent. Und das weißt du ganz genau.
— Zurückgezahlt haben wir es, weil ich geschuftet habe.
— Weil wir beide geschuftet haben. Und den größten Teil der letzten Rate habe ich von meiner Prämie bezahlt.
— Ah, jetzt geht das wieder los — sagte er mit verächtlich verzogenem Mund. — Gleich erklärst du mir noch, dass du im Leben überhaupt alles allein geschafft hast.
Katharina kannte diese Leier längst. Das Geld hatten seine Eltern vor zehn Jahren vorgestreckt, das Darlehen war seit Langem beglichen, aber Florian holte es jedes Mal hervor, wenn es ihm gerade passte.
Er machte einen Schritt auf sie zu.
— Ich verstehe einfach nicht, warum du so einen Wirbel veranstaltest. Du sitzt in einer guten Wohnung, fährst mit einem Auto herum, das übrigens auch zum größten Teil ich bezahle, aber ein Mindestmaß an Respekt gegenüber meiner Familie bringst du nicht zusammen.
— Respekt kann man nicht vorspielen — sagte Katharina leise. — Schon gar nicht dort, wo einem selbst keiner entgegengebracht wird.
— Du hast diesen ewigen Opferkomplex — warf er ihr hin. — Alle nützen dich aus, alle kränken dich, nur du bist immer die arme Unglückliche.
Katharina hatte genug davon. Zuerst sollte sie der Familie zuliebe alles schlucken, und sobald sie es nicht mehr tat, wurde ihr erklärt, sie nehme sich bloß wieder alles viel zu sehr zu Herzen.
Sie trat näher an ihn heran, und ihre Stimme kippte beinahe ins Weinen.
— Nein! Ich gehe nie wieder mit dir zu deinen Eltern, Florian! Mir hat das letzte Mal gereicht, als deine Mutter mich wie ihre persönliche Bedienung herumkommandiert und mich danach vor der ganzen Verwandtschaft mit Dreck beworfen hat! Und du hast nicht einmal versucht, hinter mir zu stehen, sondern bist daneben gestanden und hast ihr auch noch recht gegeben!
Florian schwieg ein paar Sekunden.
— Geh bitte — presste er schließlich zwischen den Zähnen hervor. — Aus ein paar Bemerkungen machst du gleich eine Tragödie.
— Ein paar Bemerkungen? Deine Mutter hat mich vor allen als schlechte Hausfrau hingestellt, mein Aussehen kritisiert und herumgeschrien, dass sie sich „so eine Frau“ für euch nicht ausgesucht hätten.
— Weil du in Wahrheit wirklich keine besonders gute Hausfrau bist — platzte es plötzlich aus Florian heraus. — In der Wohnung schaut es jeden zweiten Tag aus wie nach einem Einbruch, das Abendessen ist entweder bestellt oder irgendetwas Halbfertiges. Und wenn wir schon ehrlich sein wollen, hat meine Mutter in manchen Dingen recht.
