„Das Geld muss bis heute Abend überwiesen sein, sonst streichen sie die Reservierung.“
Theresa schob ihr Häferl zur Seite und legte das Handy mitten auf den Küchentisch. Auf dem grell leuchtenden Display war die Seite eines Kurresorts geöffnet: Palmen, glasklares, hellblaues Wasser im Pool und Liegen, so weiß, als wären sie frisch aus einem Prospekt ausgeschnitten.
„Was bitte für eine Reservierung?“
Katharina machte die Tür vom Küchenkasten zu und drehte sich langsam zu ihrer Schwägerin um. Dabei trocknete sie sich die nassen Hände an einem Geschirrtuch ab. Sie war eben erst nach einem zähen Arbeitstag heimgekommen, hatte nicht einmal ihre Bürokleidung ausgezogen, und schon wurde in ihrer eigenen Küche wieder ein Stück aufgeführt — mit Theresa in der Hauptrolle.
„Na welche schon? Der Kuraufenthalt!“

Theresa riss die Hände in die Höhe, als wäre Katharina besonders schwer von Begriff. Ihre kräftig geschminkten Lippen verzogen sich zu einem selbstzufriedenen Lächeln. Dann rückte sie ihr seidenes Tuch zurecht und schaute die Frau ihres Bruders erwartungsvoll an.
„Dieser Gesundheitskomplex bei den Mineralquellen“, erklärte Theresa rasch weiter. „Ich habe die Buchung bereits erledigt. Anreise ist am Einundzwanzigsten. Der Arzt hat mir ja ganz klar gesagt, dass ich nach der Scheidung meine Nerven wieder aufbauen muss.“
Katharina lehnte sich an den Türstock und musterte ihre Verwandte schweigend.
Theresas Dreistigkeit war nicht erst an diesem Tag aufgetaucht. Seit Wochen hatte Florian, Katharinas Mann, kaum von etwas anderem gesprochen als von seiner armen Schwester. Theresa habe die Scheidung so schwer verkraftet, Theresa stehe unter furchtbarem Druck, Theresa brauche dringend Ruhe, Erholung und irgendeine Art seelischer Wiederherstellung.
Katharina hatte darüber nicht gestritten. Wenn Theresa sich erholen wollte, dann sollte sie sich eben erholen. Eine erwachsene Frau von achtunddreißig Jahren sollte allerdings eigene Entscheidungen treffen können, eigene Verantwortung tragen und, wenn möglich, auch über eigene Mittel verfügen.
Vor drei Tagen jedoch war Katharina eine hohe Jahresprämie überwiesen worden. Die hatte sie nicht geschenkt bekommen. Monatelang hatte sie praktisch für drei gearbeitet, ein kompliziertes Projekt gerettet und oft kaum mehr als fünf Stunden geschlafen. Und kaum war das Geld auf ihrem Konto gelandet, war die angeschlagene Nervenlage ihrer Schwägerin plötzlich zu einem gemeinsamen Familienthema geworden.
„Das sind ja wunderbare Neuigkeiten“, sagte Katharina kühl. „Ich freu mich für dich. Nur: Was genau habe ich damit zu tun?“
Theresa verzog beleidigt den Mund. Der zufriedene Ausdruck in ihrem Gesicht verschwand augenblicklich und machte einer gekränkten, kindischen Miene Platz.
„Katharina, wir sind immerhin Familie. Florian hat gesagt, dass du eine ordentliche Prämie bekommen hast. Und nach dem, was er erzählt hat, war der Betrag nicht gerade klein.“
Mit dem perfekt manikürten Fingernagel tat sie so, als würde sie ein unsichtbares Brösel von der Tischdecke kratzen.
„Ich will nicht die billigste Variante nehmen. Dort isst man in einem gemeinsamen Speisesaal, und mein Magen ist empfindlich. Darum habe ich eine Suite gebucht.“
„Eine Suite?“
Katharina zog das Wort in die Länge, unverkennbar spöttisch, ohne sich auch nur einen Schritt zu bewegen.
„Natürlich. Massagen, Anwendungen und der Spa-Bereich sind im Preis dabei. Da, auf dem Handy steht eh alles, du kannst es dir anschauen.“
Katharina sah nicht einmal hin.
