Mein Vater hat die Kante des Tisches so fest umklammert, dass seine Knöchel ganz hell hervorgetreten sind. Katharina starrte meine Schwiegermutter mit offenem Mund an, als hätte sie nicht richtig verstanden, was sie gerade gehört hatte. Sogar einige von Claudias eigenen Verwandten schauten betreten zu Boden.
Ich wandte mich langsam zu Lukas.
„Hast du davon gewusst?“
Er fuhr sich mit den Fingern über die Krawatte und stieß einen Seufzer aus, als wäre nicht seine Mutter soeben zu weit gegangen, sondern ich diejenige, die eine unangenehme Szene machte.
„Theresa, bitte fang jetzt nicht damit an. Mama hat dir nur erklären wollen, wie es bei uns in der Familie läuft.“
„Das war nicht meine Frage.“ Meine Stimme klang erstaunlich ruhig. „Ich will wissen, ob du von diesen sogenannten Regeln gewusst hast.“
Lukas wich meinem Blick aus.
„Wir haben einmal darüber geredet“, gab er schließlich leise zu. „Aber du bauschst das jetzt völlig auf. Meine Mutter versteht etwas von Geld. Und wenn eine Immobilie auf meinen Namen läuft, dann gehört sie doch trotzdem zur Familie.“
Ich sah ihn an, als stünde plötzlich ein Fremder vor mir.
„Zu deiner Familie“, sagte ich langsam.
In diesem Moment fügte sich vieles zusammen, was mir in den vergangenen Monaten seltsam vorgekommen war. Darum hatte Claudia mich immer wieder so beiläufig nach meinem Einkommen gefragt. Darum hatte sie wissen wollen, wie viel ich auf der Seite hatte. Darum hatte sie sich mit auffallender Hartnäckigkeit nach der Wohnung erkundigt, die mir meine Großmutter hinterlassen hatte.
Und aus genau diesem Grund hatte Lukas seit unserer Verlobung immer wieder darauf gedrängt, dass ich diese Wohnung verkaufe.
Er hatte jedes Mal beteuert, er wolle nur ein größeres Zuhause für unsere gemeinsame Zukunft. Wenn ich nachgehakt hatte, warum im Kaufvertrag ausschließlich sein Name stehen sollte, hatte er gemeint, das sei wegen des Kredits unkomplizierter.
Ich hatte ihm vertraut.
Claudia griff unter ihren Sessel und zog eine beige Dokumentenmappe hervor, als hätte sie nur auf diesen Augenblick gewartet.
„Damit ihr euch nach der Hochzeit nicht auch noch mit lästigem Papierkram herumschlagen müsst, habe ich alles vorbereitet.“
Sie legte die Mappe vor mir auf den Tisch und schlug sie auf.
Ganz oben lag ein Formular für einen Dauerauftrag. Meine Kontonummer war bereits eingetragen, ebenso der Name meines Arbeitgebers und die genaue Höhe meines monatlichen Gehalts. Künftig sollte dieses Geld direkt auf Claudias Konto überwiesen werden.
Es fehlte nur noch meine Unterschrift.
Darunter lag eine Vollmacht, die ihr Zugriff auf nahezu alle meine Bankangelegenheiten eingeräumt hätte. Ein weiteres Schriftstück bezog sich auf den geplanten Verkauf meiner Wohnung.
„Unterschreib da“, sagte Claudia und hielt mir einen goldfarbenen Kugelschreiber hin. „Dann ist das erledigt, bevor ihr morgen in die Flitterwochen aufbrecht.“
Ich starrte sie an.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein.“
Ihr Lächeln verschwand.
„Selbstverständlich ist es mein Ernst. Lukas ist bereits einverstanden.“
Ich drehte den Kopf zu meinem Mann. Diesmal wich er nicht aus, sondern sah mir direkt in die Augen.
„Unterschreib einfach“, sagte er gereizt. „Alle sitzen hier und warten. Du musst mich nicht vor der ganzen Familie bloßstellen.“
Einen Moment lang war ich überzeugt, mich verhört zu haben.
Seine Mutter hatte eben vor sämtlichen Gästen verlangt, dass ich mein Einkommen, meinen Besitz und meine Eigenständigkeit abgebe. Und trotzdem war aus seiner Sicht ich diejenige, die ihn demütigte.
„Und was ist, wenn ich mich weigere?“, fragte ich.
Claudias Züge wurden starr.
„Dann zeigst du damit, dass du meinen Sohn nicht verdienst.“
„Mama, vielleicht sollten wir das später besprechen“, murmelte Lukas.
Er wollte mich nicht schützen. Nicht ein einziges Wort kam zu meiner Verteidigung. Er wollte nur verhindern, dass die Szene für ihn noch beschämender wurde.
„Nein“, sagte Claudia scharf. „Sie muss heute begreifen, welchen Platz sie in dieser Familie einnimmt. Ihre eigene Mutter hat es offenbar verabsäumt, ihr beizubringen, wie sich eine anständige Ehefrau benimmt.“
Meine Mutter war drei Jahre zuvor nach schwerer Krankheit gestorben.
