Der Schmäh funktioniert ganz schlicht: Wenn sich so ein Einfall von unangemeldeter Verwandtschaft abzeichnet und man keine Lust hat, zur unbezahlten Küchenmagd degradiert zu werden, hilft ein kleiner Trick, den mir einmal eine routinierte Kollegin aus dem Spitalsarchiv beigebracht hat. Man setzt noch vor der Ankunft ein klares, nüchternes Schriftstück auf: eine Vereinbarung darüber, wer im Haushalt welche Pflichten übernimmt und wer welche Kosten trägt. Dieses Blatt legt man gut sichtbar hin. Darauf steht dann Punkt für Punkt, wer Betriebskosten mitbezahlt, wer Lebensmittel einkauft und an welchen Wochentagen gekocht wird. Weigert sich ausgerechnet jene Person, die die Gäste eingeladen hat, so etwas zu unterschreiben oder finanziell geradezustehen, dann ist man selbst auch jede moralische Verpflichtung los, dessen Verwandtschaft zu bedienen.
Am Freitagabend, schon recht spät, öffnete Lukas voller Vorfreude unseren großen Kühlschrank – und blieb wie angewurzelt stehen. Auf den blank geputzten Glasböden lagen im Licht der kleinen Lampe ziemlich verloren ein Packerl Milch, ein schmales Stück Käse und meine Kunststoffboxen mit dem vorbereiteten Diätessen für die Arbeitstage. Keine riesigen Töpfe mit kräftiger Suppe, kein eingelegtes Fleisch für den Ofen, keine hausgemachten Kuchen, nicht einmal ein Blech mit irgendetwas, das nach gastfreundlicher Hausfrau ausgesehen hätte.
„Und wo ist das normale Essen?“, fragte er gedehnt und ziemlich fassungslos, während er die Kühlschranktür viel zu laut zuschlug. „Der Zug kommt morgen um sechs in der Früh an. Die Leute werden Hunger haben!“
„Im nächsten Supermarkt, Lukas. Gleich unten im Regal bei den fertigen Speisen“, sagte ich und blätterte seelenruhig in meinem Buch weiter. „Du musst morgen sehr früh aufstehen. Ich würde dir wirklich empfehlen, den Wecker auf fünf zu stellen, damit du rechtzeitig ein Taxi zum Bahnhof organisieren kannst.“
Am Samstag in aller Herrgottsfrüh erbebte meine gemütliche Wohnung dann tatsächlich, als die Verwandtschaft meines Mannes in den Vorraum einfiel wie eine Naturkatastrophe mit Reisetaschen. Claudia, meine Schwiegermutter, übernahm augenblicklich den Posten der Oberbefehlshaberin. Tante Katharina gab sich ohne Zögern als gestrenge Kontrolleurin, und seine Schwester Anna war offenkundig mit dem festen Vorsatz angereist, sämtliche Annehmlichkeiten des Stadtlebens gratis auszukosten.
Sofort begann die Neuaufteilung meiner Quadratmeter. Claudia ließ sich mit einer Selbstverständlichkeit auf dem großen Sofa im Wohnzimmer nieder, als wäre es seit Jahren ihr persönlicher Besitz. Tante Katharina verlangte im nächsten Atemzug eine weiche Klappliege, und zwar möglichst nahe beim offenen Fenster. Anna musterte schon von der Tür weg den Gang mit angewiderter Miene und verzog enttäuscht die Lippen.
„Und wo ist mein eigenes Zimmer?“, fragte sie beleidigt. „Ich soll doch nicht ernsthaft mit den Älteren in einem Raum schlafen?“
Lukas schleppte, schwer schnaufend, eine Luftmatratze aus der Abstellkammer ins Wohnzimmer. Unser Schlafzimmer den Gästen zu überlassen, hatte ich ihm nämlich bereits eine Woche zuvor unmissverständlich und endgültig verboten.
Ich kam um Punkt sechs Uhr abends von meiner Schicht zurück. Im Vorraum hing ein deutlicher Geruch nach Beruhigungstropfen, angebranntem Sonnenblumenöl und leiser Panik. Mein gesetzlich angetrauter Ehemann, puterrot vor Hitze und sichtbar verschwitzt, jagte erschrocken zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. In den Händen balancierte er eine große Platte mit hastig gekochten Würsteln.
„Theresa, warum hat uns der Lukas eigentlich mit einem gewöhnlichen Taxi vom Bahnhof abgeholt und nicht du mit deinem Auto?“, fragte meine Schwiegermutter, die auf dem Sofa thronte wie eine Kaiserin auf Samt und Gold. „Und weshalb macht jetzt er das Abendessen? Wir sind schließlich von der langen Fahrt völlig erschöpft!“
Ich ließ meinen Blick ruhig über diese plötzlich entstandene Außenstelle eines Irrenhauses schweifen.
„Weil Lukas euch selbst eingeladen hat, Claudia“, sagte ich höflich und nickte in die Runde. „Ich hatte heute einen anstrengenden Dienst im Spital und kann es mir leider nicht leisten, meine Arbeit liegen zu lassen, nur damit eure Würstel pünktlich im Wasser landen. Guten Abend miteinander, macht es euch bequem.“
Am Montag blieb Lukas dann nichts anderes übrig, als lange und ziemlich kleinlaut mit seinem Chef zu verhandeln. Er musste sechs Arbeitstage unbezahlt freinehmen und außerdem sämtliche Zeitausgleichstage opfern, die er sich im Lauf des Jahres mühsam angespart hatte.
