„So sehr kann sie sich unmöglich verändert haben!“ Als Lukas seine Exfrau gesehen hat, ist ihm für einen Moment regelrecht die Sprache weggeblieben.
„Das kann nicht Anna sein. Nein, das glaub ich einfach nicht. Anna kann doch nicht plötzlich so aussehen.“ Wie angewurzelt ist Lukas vor der Auslagenscheibe eines feinen Restaurants stehen geblieben und hat heimlich hineingestarrt.
Direkt am Fenster ist eine hübsche blonde Frau gesessen. Konzentriert hat sie auf ihrem Laptop getippt, als gäbe es rundherum nichts anderes. Kurz darauf hat ihr der Kellner frisch gepressten Saft gebracht und dazu ein kleines Dessert, das mit Himbeeren und Erdbeeren verziert gewesen ist.
„Wie schafft sie es bitte, derart gut auszuschauen? Und was ist das für ein modernes Armband an ihrem Handgelenk? Das kostet sicher ein Vermögen“, dachte Lukas und biss sich nervös auf die Lippe. Dann trat er rasch ein Stück zur Seite, damit sie ihn ja nicht zufällig bemerkte.
Lukas und Anna hatten einander vor sechs Jahren kennengelernt. Damals hatte Lukas gerade sein Studium abgeschlossen und eine Stelle bei einer angesehenen Baufirma angenommen. Seine Laufbahn war von Anfang an steil nach oben gegangen.

Bei einer Baumesse war er dann auf eine freundliche junge Frau gestoßen, die an einem der Stände ausgeholfen hatte.
„Was machst du denn zwischen all diesen Baggern und Maschinen? Komm, trinken wir lieber irgendwo einen Kaffee“, hatte er gut gelaunt vorgeschlagen.
Sie kamen ins Gespräch. Anna, die leise sprach und einen sanften, angenehmen Eindruck machte, gefiel Lukas sofort.
„Genau so eine brauch ich“, ging es ihm durch den Kopf. „Sie widerspricht nicht, nickt zu allem und wird eine ideale, folgsame Ehefrau abgeben.“
„Gut, ein bissl rundlich ist sie schon … aber wer hindert sie daran, ins Fitnessstudio zu gehen? Und falls sie nach einer Geburt auseinandergeht, such ich mir halt eine Geliebte.“ Mit diesem Gedanken reichte er ihr den Becher Kaffee.
„Und was verschlägt dich eigentlich auf diese Messe?“, fragte Lukas lächelnd, während sie gemeinsam ins Freie traten.
„Eigentlich schreibe ich Kurzgeschichten. Mein großer Traum ist es, einmal Drehbücher zu verfassen“, sagte Anna verlegen. Sie lächelte unsicher und blickte ihn mit ihren großen blauen Augen an.
„Ich bin gerade mit dem Literaturstudium fertig geworden. Noch versuche ich, in der Branche Fuß zu fassen. Aber die Miete für das Zimmer zahlt sich halt nicht von allein.“
„Ausgezeichnet“, dachte Lukas. „Kein Geld, keine eigene Wohnung. Aus diesem unscheinbaren grauen Mäuschen kann ich mir alles formen. Sie wird kochen, den Haushalt machen, Kinder großziehen und mir blind gehorchen.“ Und schon begann er, sich vor ihr aufzuspielen.
Nun, Jahre später, ging Lukas zu einem Stand auf der anderen Straßenseite, holte sich einen Kaffee, setzte sich auf eine Bank und beobachtete Anna weiter. Als sie schließlich aus dem Restaurant kam, traute er seinen Augen erneut kaum.
Ihr Gang war elegant, sie trug einen Nerzmantel … Niemals hätte Lukas gedacht, dass Anna sich in nur drei Jahren so sehr verändern könnte. Und als sie dann auch noch in einen luxuriösen Sportwagen einstieg, war er wie gelähmt.
„Das gibt’s nicht. Sie hat sich sicher irgendeinen reichen Kerl geangelt. Anders ist das nicht zu erklären.“ Lukas kippte den heißen Kaffee in einem Zug hinunter und zerdrückte den Pappbecher krampfhaft in seiner Hand.
Anna war inzwischen irgendwo in der Nacht verschwunden.
An diesem Abend konnte Lukas lange nicht einschlafen. Nach der Trennung hatte Anna ihn in allen sozialen Netzwerken blockiert. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und legte sich ein neues Profil an, nur um ihre Fotos anschauen zu können.
Neid, Eifersucht, Hass, Raserei – in dieser Nacht hat er, nachdem er fast einen halben Liter Schnaps hinuntergestürzt hatte, sämtliche dunklen Gefühle durchlebt, die ein Mensch nur empfinden kann.
„So stark kannst du dich nicht verändert haben … Du warst doch ein Niemand. Ein absolutes Nichts. Ich hab dich damals vom Boden aufgeklaubt: kein Geld, keine Wohnung, nicht einmal ein besonderes Aussehen … Und jetzt diese Luxusbilder? Woher kommt das alles?“ Wütend starrte Lukas auf die Aufnahmen, auf denen seine Exfrau vornehm in den teuersten Hotels der Welt posierte, sich Designerhandtaschen kaufte und Schmuck anprobierte.
„Mindestens zehn Kilo weniger … Und diese Figur? Hast du dich operieren lassen? Oder lebst du mittlerweile im Fitnessstudio?“ Vor Zorn umklammerte Lukas sein Handy so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
Am nächsten Morgen fiel ihm ein altes Gespräch mit Anna wieder ein.
„Was für ein Blödsinn. Wer liest denn so etwas?“, hatte Lukas damals den Kopf geschüttelt, nachdem er eine neue Kurzgeschichte seiner Frau gelesen hatte.
„Über Geschmack lässt sich nicht streiten“, hatte Anna leise erwidert. „Es gibt inzwischen Menschen, denen gefällt, was ich schreibe.“
„Gefällt?“ Lukas hatte spöttisch aufgelacht. „Wer kein Hirn hat, findet solche belanglosen Kleinigkeiten wahrscheinlich wirklich gut.“
„Lukas, warum machst du das mit mir …“, hatte Anna mit bebender Stimme gefragt. „Wir sind jetzt schon ein Jahr zusammen, aber du kannst es noch immer nicht.“
