„Wenn du von daheim arbeitest, heißt das, dass du Zeit hast“ erklärte meine Schwiegermutter Theresa und stellte ihr Kaffeehäferl auf den Tisch

Diese respektlose Anmaßung war zutiefst empörend.
Geschichten

— Mama …

Für einen kurzen Augenblick habe ich wirklich geglaubt, er würde sich vor mich stellen.

Aber Theresa ist ihm sofort ins Wort gefallen.

— Was denn? Katharina ist völlig am Ende. Sie hat unheimlich viel zu tun.

Mir ist ein kleines, bitteres Lächeln ausgekommen.

— Katharina hat unheimlich viel zu tun?

— Ja, natürlich.

— Und deshalb soll ich meine eigene Arbeit liegen lassen?

— Jetzt übertreib nicht. Du bist ja daheim.

Da war er wieder.

Dieser Satz.

Du bist ja daheim.

Als würde mein Gehalt durch irgendeinen Zauber einfach so auf unserem Konto landen.

Als hätte ich keine Kundinnen und Kunden, keine Termine, keine Abgaben, keine Verantwortung.

Als wären die acht oder neun Stunden, die ich täglich vor dem Bildschirm sitze, irgendeine nette Beschäftigung für nebenbei.

Sebastian rieb sich mit der Hand über die Stirn.

— Anna, vielleicht könntest du kurz zu ihr fahren, wenn du fertig bist …

Ich drehte langsam den Kopf zu ihm.

— Womit fertig?

— Na, mit der Arbeit.

— Ich arbeite bis sechs.

— Dann eben danach.

Ich lachte leise auf.

Nicht, weil irgendetwas daran lustig gewesen wäre.

Sondern weil ich in genau diesem Moment etwas begriffen habe.

Offenbar war Theresa nicht die Einzige, die meinte, meine Zeit sei weniger wert.

— Wunderbar — sagte ich ruhig.

Sebastian wirkte sofort erleichtert.

Theresa lächelte zufrieden, als hätte sie gerade gewonnen.

— Ich hab gewusst, dass du am Ende doch vernünftig wirst.

— Ich war noch nicht fertig.

Ihr Lächeln verschwand.

Ich klappte meinen Laptop zu, weil in wenigen Minuten meine Besprechung beginnen sollte und ich dieses Gespräch endlich beenden wollte.

— Ich kann nach der Arbeit zu Katharina fahren. Unter einer Bedingung.

— Welche Bedingung? — fragte Sebastian.

— Morgen fährst du zu meinem Bruder und putzt ihm das Bad, die Küche und die Fenster.

Sebastian starrte mich an, als hätte ich plötzlich in einer Sprache gesprochen, die er noch nie gehört hatte.

— Was?

— Mein Bruder arbeitet auch viel. Er würde sich sicher über deine Hilfe freuen.

— Anna, ich arbeite doch auch.

— Genau.

Für einen Moment war es vollkommen still.

Theresa war die Erste, die wieder etwas sagte.

— Das ist etwas völlig anderes.

— Weshalb?

— Weil Sebastian außer Haus arbeitet.

Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück.

— Aha. Verstehe.

Erst da schien Theresa zu merken, was sie gerade ausgesprochen hatte.

— So hab ich das nicht gemeint …

— Doch, Theresa. Genau so hast du es gemeint.

Sebastian hob beschwichtigend die Hände.

— Wir müssen daraus jetzt wirklich kein Drama machen.

— Ich mache kein Drama. Ich möchte nur etwas klarstellen, was ihr beide offenbar nicht begreifen wollt.

Ich sah zuerst meinen Mann an, dann seine Mutter.

— Von neun Uhr in der Früh bis sechs Uhr am Abend ist unsere Wohnung auch mein Arbeitsplatz. Nur weil mein Schreibtisch fünf Meter vom Kühlschrank entfernt steht, heißt das nicht, dass ich jederzeit verfügbar bin.

Theresa stand auf.

— Früher haben Frauen gearbeitet, den Haushalt geführt und ihrer Familie geholfen, ohne aus allem gleich so ein Theater zu machen.

— Dann schafft Katharina das ja sicher auch.

Meine Schwiegermutter schwieg.

— Oder gilt diese Regel nur für mich?

— Katharina hat zwei Kinder.

— Die heute bis vier Uhr in der Schule sind.

— Sie ist erschöpft.

— Ich auch.

— Sie ist deine Schwägerin.

— Eben. Ich bin ihre Schwägerin, nicht ihre Putzfrau.

Theresas Gesichtsausdruck veränderte sich.

— So brauchst du wirklich nicht mit mir zu reden.

— Und du brauchst nicht in mein Zuhause zu kommen und über meinen Nachmittag zu verfügen, ohne mich überhaupt zu fragen.

Sebastian wollte wieder dazwischengehen.

— Anna …

— Nein, Sebastian. Diesmal rede ich aus.

Ich stand auf.

Jahrelang habe ich versucht, jedem Streit auszuweichen. Wenn Theresa mich um zehn Uhr vormittags angerufen und gebeten hat, ihr ein Rezept aus der Apotheke zu holen, habe ich es gemacht.

Wenn sie jemanden gebraucht hat, der in ihrer Wohnung auf den Installateur wartet, bin ich auch eingesprungen.

Hedis Stube